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Kultur

Klarsfeld: "Beste Lektion, die man geben kann"

In Frankreich war die Ausstellung über deportierte jüdische Kinder in den Bahnhöfen ein Erfolg. Die Deutsche Bahn weigert sich jedoch, diese auch in Deutschland zu erlauben. Ein Gespräch mit Initiatorin Beate Klarsfeld.

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Zwei ermordete Kinder: Adolf Schonek aus Berlin und Paul Sternberg aus Wien

Beate Klarsfeld

Die Initiatorin des Ausstellungsprojektes: Beate Klarsfeld

DW-WORLD.DE: Frau Klarsfeld, die von Ihnen initiierte Ausstellung wird nun schon einige Jahre in Frankreich gezeigt. 11.000 Kinder sind von der damaligen Deutschen Reichsbahn aus Frankreich nach Auschwitz transportiert worden, darunter waren auch 650 deutsche Kinder, die nach Frankreich geflohen waren. Wie würden Sie die Reaktionen auf das Ausstellungsprojekt zusammenfassen?

Klarsfeld: Die Ausstellung wurde in 18 Bahnhöfen gezeigt, jeweils drei Wochen lang. Die Reaktionen waren sehr, sehr gut, denn das Publikum war eigentlich nicht vorbereitet. Normalerweise gibt es in den Eingangshallen der Bahnhöfe einen Zeitungs- und einen Süßigkeitsladen, doch dann war da auf einmal eine Ausstellung über deportierte Kinder aus Frankreich. Viele Menschen haben diese Kinder gesehen, und als sie den Text darunter lasen, war ihnen klar, dass es jüdische Kinder waren, die an dem und dem Tag mit dem und dem Transport von irgend einem Ort in Frankreich nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurden. Wenn man diese lächelnden Kinder sieht, dann fragt man sich: Wie kann so etwas möglich sein? Wie konnte man diese Kinder deportieren und vergasen? Das sind genau die Reaktionen, die man heute bei Jugendlichen anregen muss. Was können sie tun, dass so etwas nie wieder vorkommt, dass sie gegen Rassismus und Antisemitismus kämpfen? Wenn man ihnen zeigt: So sahen diese Kinder aus - das ist die beste Lektion, die man überhaupt geben kann.

Wie ist die Ausstellung, die Sie für Deutschland vorgeschlagen haben, anders als die in Frankreich?

Die Ausstellung ist im Aufbau etwas einfacher und besteht nur aus Fotos von Kindern, die in Deutschland oder Österreich geboren wurden - also Kinder von Eltern, die vor den Nazis nach Frankreich geflüchtet waren, bevor sie 1940 von den einmarschierenden deutschen Truppen eingeholt wurden.

Die Deutsche Bahn hat sich bisher geweigert, die Ausstellung in deutschen Bahnhöfen zu zeigen - welche Gründe wurden Ihnen dafür genannt?

Es wäre kein Geld für Bewachungspersonal da. Zudem wäre ein Bahnhof kein Ort für so eine Ausstellung. Das könne man den deutschen Reisenden nicht zumuten.

Die Bahn hat aber angeboten, die Ausstellung im Nürnberger Bahnmuseum zu zeigen ...

Wenn Leute in ein Bahnmuseum gehen, wollen sie ja nicht unbedingt eine Ausstellung über jüdische Kinder sehen, sondern Technik und Lokomotiven. Im Museum gibt es ohnehin schon eine Sektion über die Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus. Wir wollen aber gerade das Publikum, das man normalerweise nicht bekommt, das normalerweise nicht auf Ausstellungen geht, sondern einfach täglich Züge benutzt - und erkennt, dass vor 60 Jahren mit Zügen Kinder in den Tod gefahren wurden. Die Fotos an diesem Ort, an diesem Gleis zu sehen, vom dem die Kinder deportiert wurden, stellt einen ganz anderen Bezug her.

Beate Klarsfeld leitet zusammen mit ihrem Mann Serge Klarsfeld die Organisation "Fils et Filles des Déportés Juifs de France" (FFDJF - Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs). Sie leben beide in Frankreich. Beate Klarsfeld ist in Deutschland vor allem durch spektakuläre Aktionen gegen ehemalige NS-Funktionäre und durch ein entschiedenes Auftreten gegen jede Form von Antisemitismus bekannt geworden. 1968 ohrfeigte sie Kurt Georg Kiesinger auf dem Parteitag der CDU wegen seiner Nazi-Vergangenheit. Beate und Serge Klarsfeld haben auch zu einigen Fahndungserfolgen und Prozessen gegen prominente NS-Täter (zum Beispiel Klaus Barbie) beigetragen.

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