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Musik

Klanglandschaften Osteuropas in Herne

"Herne ist Kult", sagen Musik-Fans seit Jahrzehnten. Die neueste Auflage der "Tage Alte Musik" bot auch dem Kenner völlig neue Klänge.

Die "Alte Musik"-Szene geht in ihren Anfängen etwa 60 Jahre zurück. Zwei maßgebende Ensembles wurden zu Beginn der 50er-Jahre gegründet: Die Ensembles Concentus Musicus Wien und Capella Coloniensis wollten durch eine historische Aufführungspraxis den Originalklang der Musik vom Mittelalter bis zum frühen 19. Jahrhundert erreichen. "In Osteuropa ist diese Tradition wesentlich kürzer, existiert erst seit zwanzig Jahren," sagte WDR-Redakteur Richard Lorber in einem DW-Interview. Er ist Künstlerischer Leiter der Tage Alte Musik in der nordrhein-westfälischen Stadt Herne.

Bei den Tagen Alter Musik in Herne 2013 spielt das Pratum Integrum Orchestra virtuose Musik aus St. Petersburg und Moskau zwischen Zarin Katharina II. und Zar Alexander I.Foto: Thomas Kost

Das Orchester Pratum Integrum mit Musik aus Moskau

Dass die Osteuropäer inzwischen auch in der "Alten Musik" viel zu bieten haben, durften Besucher der jüngsten Tage Alte Musik in Herne erfahren. Ausschließlich Spitzenensembles der osteuropäischen Szene gaben vom 14. bis 17. November zehn Konzerte mit aufregend frischen Interpretationen weitgehend unbekannten Repertoires. Jede Veranstaltung war einer osteuropäischen Stadt oder Region gewidmet: St. Petersburg, Moskau, Riga, Warschau, Prag, Lemberg, Bratislava, Pannonien (Westungarn), Transilvania/Siebenbürgen und Belgrad.

Lemberger Paganini und Dudelsack

Neues zu entdecken gab es in Herne reichlich - den "Paganini aus Lemberg" etwa, den polnischen Komponisten Karol Lipinski aus dem 19. Jahrhundert.

Der polnische Violinist Zbigniew Pilch spielt ein Stück von Karol Lipinski, dem Paganini aus Lemberg bei den Tagen Alter Musik in Herne. Foto: WDR/Thomas Kost

Zbigniew Pilch spielt den "Paganini aus Lemberg"

Dessen anmutige Melodienführung und virtuose Geigenkunst wurde vom Wroclawska Orkiestra Barokowa und dem Violinisten Zbigniew Pilch eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Oder wer wusste schon, dass Frédéric Chopin seine berühmten Klavierkonzerte nur ungern mit voller Orchesterbegleitung spielte? Der Komponist und Pianist bevorzugte seine Fassungen für Klavier und Streichquartett.

Der Pianist Janusz Olejniczak als Chopin-Interpret am Hammerflügel bei den Tage Alter Musik in Herne. Foto: Thomas Kost, die Rechte liegen beim WDR

Janusz Olejniczak gibt Chopin am Hammerklavier

Völlig nachvollziehbar wurde das in der Interpretation des (leider im Westen zu wenig bekannten) Pianisten Janusz Olejniczak, der im Kulturzentrum Herne am Hammerflügel hinter den vier jungen Streicherinnen des Ellenai Quartetts saß.

Die Grenze zwischen klassischer Musikpflege und Volksmusik wurde in der Kunst des Dudelsackspielers und Flötisten Balász Szokolay Dongó und seines Partners Mátyás Bolya (Zither, Laute und andere Instrumente) völlig aufgehoben: Jahrhundertealte Noten brachten sie mit Improvisation im Volksmusikstil zu neuem Leben. Und viele Musikliebhaber trafen da das erste Mal auf Pannonien, eine vergessene Region Westungarns.

Für den Festivalleiter Richard Lorber gab es bei den diesjährigen Tage Alte Musik in Herne eine weitere nennenswerte Klangentdeckung: "Für mich war die orthodoxe Kirchenmusik im russischen und serbischen Raum völlig erstaunlich. Sie hat absolut nichts mit der damaligen künstlerischen Entwicklung im restlichen Europa zu tun. Ein ungewöhnlich rauher, harmoniefreier Klang! Sie mag damals sogar eine Art Widerstand gegen die weltliche Herrschaft im 17. und 18. Jahrhundert gewesen sein. Man fühlt sich völlig reingezogen in diese Welt.“