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Fußball

"Klage gegen Boateng wäre vielleicht heilsam"

Soll Michael Ballack den Ghanaer Kevin-Prince Boateng verklagen, weil er ihn so schwer gefoult hat, dass Ballack nicht zur WM fahren kann? Der Sportrechtsexperte Michael Lehner plädiert für ein Verfahren gegen Boateng.

Der Sportrechtsexperte und Anwalt Michael Lehner. Foto: picture-alliance/dpa

Michael Lehner

Dr. Michael Lehner ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltsverein. Als Rechtsanwalt vertrat er unter anderen die Radprofis Jörg Jaksche und Stefan Schumacher in Dopingverfahren.

DW-WORLD.DE: Michael Ballack kann nicht mit zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika. Kevin-Prince Boateng, der Nationalspieler Ghanas hat ihn ganz böse gefoult. Ich glaube, das steht außer Frage. Aber kann der deutsche Fußballnationalspieler damit wirklich vor Gericht gehen?

Dr. Michael Lehner: Es war ein richtig böses Foul, wir haben es ja alle gesehen, vergleichbar mit der sogenannten "Blutgrätsche", die ja sportrechtlich schon häufig die Richter befasst hat. Natürlich gibt es auch im Wettkampf Schadenersatzansprüche gegen den Gegner, der die Regeln nicht beachtet. Ich habe gerade vor kurzem einen Eishockeyspieler vertreten und habe wegen eines übermäßigen Bodychecks eine Schadenersatzforderung gegen den Spieler, der ihn gefoult hat, durchgesetzt. Das gibt es auch im Fußball. Natürlich muss ein Spieler die normalen Fouls, also das, was sich im Eifer des Gefechts nicht vermeiden lässt, hinnehmen, damit natürlich auch Verletzungen. Aber ein grobes Foul ist Körperverletzung. Das ist durch das Regelwerk nicht gedeckt. Das ist strafrechtlich relevant und man kann Schadenersatzforderungen geltend machen.

Michael Ballack mit traurigem Gesicht nach dem EM-Finale 2008. Foto: AP

Ballack fehlt bei der WM

Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit Michael Ballack mit so einer Klage Erfolg hat. Muss er seinem Gegenspieler Vorsatz nachweisen?

Sport ist fair, aber hart. Das muss man hinnehmen. Also muss er eine grobe Fahrlässigkeit oder, wie man sagt, einen "bedingten Vorsatz" nachweisen, d.h. der Gegner foult und nimmt billigend eine Verletzung des Mitspielers in Kauf. Und davon muss man hier nach dem äußeren Anschein ausgehen. Man schaut nicht in den Kopf des Spielers und soweit ich gelesen habe, hat Boateng gesagt, er habe den Ball spielen wollen und das Bein getroffen. Aber aus meiner eigenen sportlichen Erfahrung und Anschauung habe ich keine Zweifel daran, dass es eine Rote Karte gewesen wäre für ein vorsätzliches Foul. Dann ist es auch eine vorsätzliche Körperverletzung. Michael Ballack zögert, will ich, will ich das nicht? Aber grundsätzlich wäre es vielleicht für den Fußballsport sehr heilsam, wenn er hier klagen würde.

Wie häufig sind Klagen wegen sogenannter Blutgrätschen oder anderer Fouls in Deutschland?

Sie sind deswegen nicht so häufig, weil Spieler ja eine gewisse Gemeinschaft sind, auch wenn sie auf dem Platz gegeneinander spielen. Fouls passieren jedem, jeder hat einen Zorn. Wenn ich die Dammschleusen breche, wenn ich wegen jeden überharten Fouls eine Klage einreiche, kann das vielleicht gar nicht mehr zu händeln sein. Auf der anderen Seite muss es natürlich Grenzen geben. Ich meine schon, dass es sich hier vom äußeren Anschein her um ein sehr brutales Foul handelt. Da kann man schon den Spieler zur Rechenschaft ziehen. Moralisch rechtlich sowieso, und es geht eben auch um viel Geld. Warum soll man dann einen Spieler schonen? Möglicherweise ist er sogar gegen solche Sachen versichert. Gut, beim Vorsatz wird es kritisch, aber das ist das Risiko eines Spielers, der foult.

Deutschland Fußball WM 2010 Kevin Prince Boateng Dortmund

Kevin Boateng spielte früher für Dortmund und Hertha

Diese finanziellen Einbußen wird unter Umständen auch Kevin Boateng haben. Der Ghanaer wird in der Boulevardpresse und im Internet übel angegangen. Er dürfte Schwierigkeiten haben, einen neuen Club zu finden. Könnte Boateng jetzt auch vor Gericht auf Verleumdung klagen?

Das halte ich für weit hergeholt. Er tut mir nicht leid. Das ist eben das erste, was er in Kauf nehmen muss, wenn er so foult. Auch wenn ich natürlich nicht billige, was da über ihm ausgeschüttet wird, in der Brutalität wiederum. Das sind allgemeine Reaktionen des Publikums, die gibt es eben. Ein Profifußballer weiß das und kann sich da nicht beklagen.

Erst waren es die Dopingfälle, die vor Gericht verhandelt wurden. Kürzlich zog Bayern München wegen einer Rotsperre gegen Franck Ribéry vor das Internationale Sportschiedsgericht. Jetzt werden auch noch Fouls vor einem Richter verhandelt. Ist es ein Trend, dass der Sport immer mehr zu einer Frage der Juristerei wird?

Der Sport hat sich ja ein autonomes Regelwerk gesetzt, mit eigenen Verbandsgerichten, um eben die ordentliche Gerichtsbarkeit wegzuhalten. Das ist grundsätzlich gut. Ich bin auch ein Fan des Selbstreglements des Sports. Aber wenn er damit nicht zurande kommt, dann müssen eben die staatlichen Gerichte ran. Und es muss eben im Sport auch ein Reglement und einen Ausgleich geben, wenn jemand so brutal foult, wie Boateng das jetzt gegenüber Michael Ballack gemacht hat. Auf der anderen Seite ist es ein normaler Vorgang, dass man, wenn es um viel Geld geht, sein Recht sucht. Der Sport ist tief in der Gesellschaft verankert, ob im Doping, in der Freude, im Schlechten. Er ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Warum soll der Sport frei sein von Rechtsansprüchen, von Gerichtsentscheidungen, von Streit?

Die Fragen stellte Stefan Nestler.
Redaktion: Joachim Falkenhagen

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