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Fußball

Klüngel und Affären im polnischen Fußball

Nur wenige Polen glauben daran, dass ihre Nationalmannschaft bei der EM im eigenen Land große Chancen hat. Das liegt nicht nur an den Fußballern, sondern auch an vielen Skandalen und Korruptionsaffären.

Nationalstadion in Warschau (Foto: Osram)

Nationalstadion in Warschau

Polen fehlt eine gut eingespielte Nationalmannschaft. Es gibt viele talentierte polnische Spieler, aber die meisten von ihnen sind im Ausland tätig: In der A-Nationalmannschaft sind es 18 Fußballer - von 26. 

Die Nationaltorhüter Łukasz Fabiański und Wojciech Szczęsny spielen für den englischen Spitzenklub FC Arsenal. Stark vertreten sind polnische Spieler in  Deutschland, vor allem bei Borussia Dortmund, auch als "Polonia Dortmund" bekannt. Hier hatten Robert Lewandowski, Łukasz Piszczek und Jakub Błaszczykowski großen Anteil am Doublegewinn: Bundesliga und DFB-Pokal. Grzegorz Wojtkowiak steht beim Zweitligisten TSV 1860 München unter Vertrag, Adam Matuszczyk wechselte vom 1. FC Köln zu Fortuna Düsseldorf.

Polnische Fußballclubs liegen im europäischen Vergleich aber weit zurück. In der Fünfjahreswertung der Europäischen Fußball-Union (UEFA) steht Polen auf Platz 20. Das wird als Erfolg gewertet - denn es ist immerhin die beste Platzierung seit neun Jahren.

Affären und Skandale

Aus der Sicht des ehemaligen Nationaltorwarts Jan Tomaszewski ist der Polnische Fußballverband (PZPN) dafür verantwortlich, dass einheimische Clubs nicht erfolgreicher sind: "Er wird von Leuten geführt, die den polnischen Fußball an den Rand des Abgrunds geführt haben." Jan Tomaszewski ist auch bekannt als "der Mann, der England aufhielt" - und zwar 1973 im Wembley-Stadion, im Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft im Jahr darauf in Deutschland. Zu dieser legendären Nationalmannschaft gehörte auch Grzegorz Lato, der aktuelle Präsident des Polnischen Fußballverbands. Die beiden sind aber keine Freunde.

Grzegorz Lato, Vorsitzender des Polnischen Fußballverbands (Foto: AP)

Umstrittener Ex-Fußballstar: Grzegorz Lato

Auch für Fußballfans ist Lato seit Jahren eine umstrittene Figur. Polnische Medien veröffentlichten im November 2011 Aufnahmen, in denen Lato und der Generalsekretär des Fußballverbands, Zdzisław Kręcina, zweifelhafte Absprachen  über den Bau neuer Gebäude für den Verband treffen. Als Reaktion auf diese Korruptionsvorwürfe schaltete die polnische Sportministerin Joanna Mucha die Staatsanwaltschaft und das Zentrale Anti-Korruptionsbüro ein.

Lato bestreitet die Vorwürfe und hat seinerseits Anzeige erstattet - wegen Verleumdung. Die Affäre hatte jedoch Folgen: Der Generalsekretär des Fußballverbands, Zdzisław Kręcina, wurde entlassen. Doch Grzegorz Lato behielt seine Stelle - trotz der Proteste der Fangemeinde.

Manipulierte Spielergebnisse

Der größte Fußball-Skandal erschütterte Polen im Jahr 2008. Es ging um die Manipulation von Spielergebnissen in der nationalen Liga, aber auch um die Verteilung der Lizenzen. Piotr Dziurowicz, der ehemalige Präsident des oberschlesischen Clubs GKS Katowice, hatte genug davon und benachrichtigte die Polizei. Er berichtete von manipulierten Spielen zwischen Polar Wrocław und Zagłębie Lubin. Für Zagłębie spielte der heutige Verteidiger von Borussia Dortmund, Łukasz Piszczek. Er gestand im Sommer 2008, in der Saison 2005/2006 mit seinem Club das Spiel gegen Kraków für 25.000 Euro gekauft zu haben, um die Qualifikation für den UEFA-Cup zu erlangen.

Kein Einzelfall in polnischen Fußballvereinen: Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen 17 Clubs. In der polnischen Ekstraklasa, der höchsten Spielklasse des Landes, wurden nur sechs Clubs von den Korruptionsvorwürfen entlastet.

Der polnische Nationaltrainer Franciszek Smuda (Foto: AP)

Nationaltrainer Smuda: "Jeder sollte eine zweite Chance bekommen."

Die betroffenen Vereine wurden degradiert, kurz danach aber aufgrund einer Amnestie nur mit Punkteabzug und Geldstrafen sanktioniert. Auch Piszczek wurde zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 37.000 Euro Bußgeld verurteilt. Spielen darf er weiterhin, auch in der polnischen Nationalmannschaft. "Jeder soll seine zweite Chance bekommen", sagt Nationaltrainer Franciszek Smuda. Dem stimmen auch die meisten Fans zu. Ein pikantes Detail: Bevor er die Nationalmannschaft trainierte, war Smuda beim Skandalverein Zagłębie Lubin als Trainer tätig. 

Marketing statt Nationalsymbol: Die Adler-Affäre

Zu den Korruptionsskandalen kommen noch die Alkohol-Exzesse mehrerer polnischer Fußballer. Manche wurden dafür bestraft, andere nicht. Die polnische Gesellschaft ist geteilt. Einige wollen endlich mit dem Thema Korruption und Skandale abschließen, um sich  ausschließlich auf die Spiele zu konzentrieren. Andere fordern eine radikale Erneuerung des Polnischen Fußballverbands PZPN, mit neuen Gesichtern und klaren Strukturen.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die sogenannte "Adler-Affäre". Im Herbst 2011 beschloss der Verband, dass das polnische Nationalwappen auf den Trikots des Nationalteams durch das Logo des Verbands  ersetzt werden sollte - aus  Marketinggründen. Das ganze Land reagierte empört. Verbandschef Grzegorz Lato entschuldigte sich schließlich und der Weiße Adler kehrte auf die Trikots zurück. Optimisten sagen, dies sei ein gutes Zeichen: Vielleicht komme die polnische Nationalmannschaft bei der EM doch viel weiter als erwartet.

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