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Politik

Klüger als Terror

Es gibt auch unter Palästinensern gemäßigte Stimmen: Über 60 prominente Palästinenser fordern per Zeitungsanzeige ein Ende des Blutvergießens. Rainer Sollich kommentiert die mutige Initiative.

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Neuerliche Gewalt würde dem Streben nach Unabhängigkeit nur schaden, hieß es in einer halbseitigen Anzeige, die in der Zeitung "El Ajjam" erschien. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören die frühere Abgeordnete Hanan Aschrawi sowie Abbas Saki, ein führendes Mitglied der Fatah des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat. Ihr Appell ist eine mutige Initiative, die westliche Unterstützung verdient.

Gewiss: Vieles von dem, was der Staat Israel den Palästinensern zumutet, ist inakzeptabel. Es ist inakzeptabel - wie in den letzten Jahren geschehen -, immer mehr palästinensisches Territorium zu besiedeln. Es ist inakzeptabel, mit einem umstrittenen Grenzzaun Gebietsaufteilungen vorwegnehmen zu wollen, die eigentlich erst noch ausgehandelt werden müssten. Und es ist auch inakzeptabel, den Gründer der gewalttätigen Islamisten-Gruppe Hamas, Scheich Ahmed Jassin, per Regierungsbeschluss ermorden zu lassen - auch wenn Jassin selbst alles andere als ein Mann des Friedens gewesen ist.

Im Gegenteil: Scheich Jassin gehörte zu denen, die Israel endgültig von der Landkarte radieren wollten. Ein nicht nur ebenfalls völlig inakzeptables, sondern auch völlig unrealistisches Vorhaben - an dem sich nun auch Jassins Nachfolger versuchen wollen. Mit der Folge, dass auf beiden Seiten weiteres Blutvergießen vorprogrammiert ist.

Gibt es im Lager der Palästinenser niemanden mehr, der begreift, dass Terror bloß diffuse Rachegefühle befriedigt - aber immer wieder israelische Gegenschläge provoziert und neues Leid unter der palästinensischen Zivilbevölkerung heraufbeschwört? Dass Terror nur unschuldige Menschenleben kostet, aber nicht im geringsten dabei hilft, die legitimen Rechte der Palästinenser durchzusetzen?

Doch, es gibt solche Leute, auch wenn sie leider in der beidseitig aufgepeitschten Stimmung eine verschwindend geringe Minderheit bilden. Hanan Aschrawi zum Beispiel. Aschrawi ist eine prominente palästinensische Ex-Abgeordnete und hat am Donnerstag (25.3.) gemeinsam mit über 60 weiteren palästinensischen Intellektuellen ihr Volk und vor allem die Hamas dazu aufgerufen, keine Rache für den Tod von Scheich Jassin zu üben. Aschrawi und Co. sprechen sich in einer Zeitungsanzeige vielmehr für eine - so wörtlich - "kluge Intifada" aus. Womit nichts anderes gemeint ist, als die Ziele der Palästinenser nur noch mit friedlichen Mitteln zu verfolgen.

Klüger ist dies in der Tat - jedenfalls weitaus klüger als Terror. Und es ist auch weitaus klüger, als - wie es diesmal Algerien im Fall Scheich Jassin getan hat - dem Weltsicherheitsrat ständig Resolutionsentwürfe vorzulegen, die so unausgewogen sind, dass sie geradezu zwangsläufig am amerikanischen Veto scheitern müssen.

Es ist ja richtig: Nicht nur palästinensischer Terror muss international angeprangert werden, sondern auch Israels Besatzungs- und Liquidierungspolitik. Aber gerade die in diesem Konflikt - trotz aller Terroranschläge - hoffnungslos unterlegenen Palästinenser haben nur dann eine Chance, ihre Ziele zu erreichen, wenn sie den Mut haben, aus dem Kreislauf der Gewalt auszuscheren und eine geschicktere und effizientere Politik zu betreiben. Natürlich: Die Bereitschaft dazu dürfte im derzeitigen, von Rachegelüsten geprägten Klima zwar gegen Null tendieren. Gerade deshalb aber beeindruckt der mutige Aufruf der palästinensischen Intellektuellen. Und gerade deshalb ist es auch wichtig, dass versöhnungsbereite Palästinenser und Israelis wenigstens westliche Rückendeckung erhalten.

Anders als die Hardliner weisen gemäßigte Palästinenservertreter wie Hanan Aschrawi mit ihrem Aufruf zum Gewaltverzicht den einzig möglichen Weg zu Wohlstand und Frieden. Und sie weisen auch den einzigen Weg zu einem Palästinenserstaat - dessen Gründung schon viel zu lange auf sich warten lässt. Man kann nur hoffen, dass nun auch mehr Palästinensern klar wird, wer dafür verantwortlich ist: Es sind nicht nur die Hardliner auf israelischer Seite - es sind auch die Kompromiss-Verweigerer und Gewaltbefürworter im eigenen Lager.