Klärwerke lösen Wasserkonflikt | Global Ideas | DW | 25.09.2012
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Global Ideas

Klärwerke lösen Wasserkonflikt

Die Türkei sitzt an der Quelle von Euphrat und Tigris. Die Anrainerstaaten Syrien und Irak befürchten, das Land könnte diese Macht ausnutzen und die Wasserzufuhr stoppen. Klärwerke könnten diese Spannungen verringern.

Foto: Junge Tierzüchter spielen im Tigris (Foto: ddp images/AP Photo/Hadi Mizban)

Junge Tierzüchter im Tigris

Mesopotamien – die Marschlandschaft zwischen Euphrat und Tigris gilt als das Vorbild des biblischen Garten Edens. Im Zweistromland wurden die Menschen sesshaft und begannen, Äcker zu bestellen, Getreide zu säen und Tiere zu züchten. Doch mit der Jahrtausende alten Tradition könnte bald Schluss sein, denn dem Zweistromland geht das Wasser aus. Durch das Bevölkerungswachstum und den zunehmenden Pro-Kopf-Verbrauch reichen die heutigen Wasserressourcen im Nahen Osten nicht, um den Bedarf langfristig zu decken, so eine Studie des türkischen Außenministeriums. Hinzu kommt, dass Dürren aufgrund des Klimawandels häufiger und extremer werden. Nicht zuletzt sind es Staudammprojekte in der Türkei, Syrien und dem Irak, die aus dem knapper werdenden Wasser eine Konfliktursache machen.

In den 1960er Jahren wollten die drei Länder zunächst das Wasser anstauen, um Dürren und Überschwemmungen zu kontrollieren. Doch schnell wurden daraus ambitionierte Wasserkraftanlagen. Der Bedarf an Wasser überstieg die Kapazitäten der Wasserquellen – und damit stieg das Konfliktpotenzial zwischen den Staaten. Dabei geht es auch um Macht – und die hat der, der an der Quelle sitzt. Das ist in diesem Fall die Türkei. Damit könnte das Land in Zukunft die regionale Macht sein, die über das Wasser herrscht.

Türkisches Staudammprojekt in der Kritik

„Einige Länder verkaufen Öl. Wir werden Wasser verkaufen.“ Diese Vision hatte schon der frühere Staatspräsident Turgut Özal. Bereits 2004 schloss die Türkei ein entsprechendes Abkommen mit Israel - umgesetzt wurde es jedoch nie und schließlich 2010 wieder gekündigt.

Foto: Der Oymapinar-Staudamm (Foto: Cumhur Güngöroglu)

Die Türkei baut im ganzen Land Staudämme, wie hier in Oymapinar. Damit erhöhen sich auch die Nutzungskonflikte mit den Nachbarstaaten.

Dennoch sind die Ambitionen der Türkei ungebrochen: Momentan steht das Land wegen des Südanatolien-Staudammprojekts (GAP) in der Kritik. Dieses umfasst 22 Staudämme entlang von Euphrat und Tigris, die meisten davon wurden schon fertiggestellt. Die Türkei möchte damit den Südosten sowohl wirtschaftlich als auch sozial entwickeln. Doch Syrien und der Irak sind misstrauisch.

Besonders die Nutzung des Euphrats ist umstritten. Der Fluss ist für Syrien lebensnotwendig, da aus ihm 90 Prozent des gesamten syrischen Wasserbedarfs gedeckt werden. 1987 hatte die Türkei mit Syrien eine Vereinbarung über die maximale Wasserentnahme getroffen. Nach Syrien fließen seitdem mindestens 500 Kubikmeter pro Sekunde. Aufgrund der Dürren im Irak und Syrien hat die Türkei die Menge nachträglich um 17 Kubikmeter pro Sekunde erhöht. Die drei Staaten verhandelten 2009 nochmals über die Wassermenge - jedoch ohne Ergebnis.

Türkei als Wassermacht

Theoretisch könnte die Türkei beiden Ländern mithilfe der Staudämme jederzeit das Wasser abdrehen. Doch würde sie das auch tun? Das kommt darauf an, von welcher Seite man es betrachtet.

Waltina Scheumann, Türkeiexpertin am Deutschen Institut für Entwicklungshilfe (DIE), forscht zur Wasserpolitik der Türkei und hat sich dabei besonders die bilateralen und internationalen Verträge angeschaut. Sie sieht die Rolle der Türkei positiv. “Die Türkei hat ihre Stellung in der Vergangenheit nie ausgenutzt,“ sagt die Türkeiexpertin. Die Türkei sei in ihrer Wasserpolitik kooperativ.

Azzam Alwash, der Gründer der Umweltorganisation Nature Iraq, sieht die Rolle der Türkei anders. “Das Land nutzt seine Macht, indem es in den Verhandlungen keine Kompromisse macht. Die Türkei hat international keine Verpflichtung, die Verträge auch einzuhalten.“ Er glaubt trotzdem, dass die Länder in dieser Region sich einigen werden. Denn die Türkei möchte in die EU – und als Beitrittskandidat müsse sie zuerst einmal die Wasserfrage mit den Anrainern lösen. Nach Ansicht beider Experten sei es jedoch wichtig, dass sich alle Parteien an einen Tisch setzen: “Das Wichtigste sind international bindende Abkommen, welche das Wasser der beiden Flüsse genau aufteilen”, sagt Alwash. Nur so könne man den Nutzungskonflikt eindämmen.

Klärwerke verhindern Kriege

Foto: Ein Mann läuft über eine Brücke, die über einen ausgetrockneten Bach führt (Foto: ddp images/AP Photo/Hadi Mizban)

Das Wasser in der Region wird immer knapper

Eine andere Möglichkeit, das Konfliktpotenzial zu verringern, sieht Alwash in einer effizienteren Nutzung des Wassers: “Die Bauern arbeiten im Irak mit einer Methode, die sich seit 10.000 Jahren nicht geändert hat.” So verbraucht die Landwirtschaft im Irak zur Bewässerung der Flächen 90 Prozent des Wassers. “Das Problem in der Region ist nicht nur die Wassermenge, sondern auch die Wasserqualität“, erklärt Scheumann. Ungefähr 30 bis 50 Prozent des Abwassers im Nahen Osten wird nicht gereinigt. Es versickert und verschmutzt damit das Grundwasser.

Dieses Problem besteht nicht nur in Syrien und dem Irak, sondern auch in der weiter entwickelten Türkei. Das türkische Umweltministerium hat berechnet, dass von 2007 bis 2023 Investitionen von rund 18 Milliarden Euro nötig sind, um Kläranlagen zu bauen. Nach Angaben der Wirtschaftsförderungsgesellschaft German Trade and Invest (GTAI) verfügten 2010 nur 52 Prozent der Türken über einen Abwasseranschluss, 2008 waren es nur 48 Prozent. Würde man mehr Wasser reinigen, so hätten die Menschen mehr Trinkwasser zur Verfügung und damit würde auch das Konfliktpotenzial zwischen den Ländern sinken, sagt Scheumann. “Wenn man ein Klärwerk bauen kann, um Wasser zu erhalten, dann braucht man keine Kriege führen.“

Text: Michaela Führer
Redaktion: Gianna Grün

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