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Sport

Kittel: "Ich habe nichts zu verlieren"

Groß und hektisch wirkt die "Große Schleife" auf Tour-Neuling Marcel Kittel. Im DW-Interview spricht er über das Duell mit Weltmeister Cavendish, den Respekt vor den Bergen und über Doping.

Marcel Kittel sieht gar nicht aus wie ein Radprofi: 1,88 Meter groß, 85 Kilogramm schwer und muskelbepackt – ein Modellathlet und so gar nicht zu vergleichen mit den Leichtgewichten, die in den Bergen um Sekunden kämpfen. Dort wird Kittel um den Anschluss kämpfen müssen, aber auf den Flachetappen zählt der 24-jährige Tourdebütant zu den Topfavoriten. Trotz der hohen Erwartungen an ihn wirkt der Fahrer des kleinen Argos-Shimano-Teams im DW-Interview völlig entspannt – wahrscheinlich auch, weil er gerade von der Massagebank kommt.

Deutsche Welle: Marcel Kittel, es ist Ihre erste Tour de France – ist hier tatsächlich alles anders als bei den übrigen Radrennen?

Marcel Kittel: Es ist auf jeden Fall alles sehr viel größer als man das von den anderen Rennen kennt: Vor allem mehr Zuschauer und mehr Medieninteresse. Es ist schon beeindruckend, was hier am Start- und Zielort alles aufgebaut wird. Man merkt, dass man bei der Tour ist. Ich versuche gerade, all diese Eindrücke zu verarbeiten und mich an die Hektik hier zu gewöhnen. Aber ich konzentriere mich jetzt auf das Rennen, bin sehr motiviert und bereit.

Für Nervosität haben Sie ja auch kaum Zeit. Denn nach dem Prolog beginnt die Woche der Sprinter. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Tage der Flachetappen?

In der ersten Tourwoche können und müssen wir als Team unsere Stärken ausspielen. Die zweite Etappe ist die erste große Chance. Dort und bei den weiteren flachen Etappen wollen wir ganz vorne mitfahren.

Marcel Kittel jubelt über seinen Sieg auf der 7. Etappe der Vuelta 2011 (Foto: ddp images/AP Photo/Arturo Rodriguez)

Er kann es auch bei großen Rundfahrten: Marcel Kittel triumphierte bei der Vuelta 2011

Kürzlich haben Sie Weltmeister Mark Cavendish und Ihren Landsmann André Greipel im Sprint geschlagen. Wiederholung möglich bei der Tour?

Ich hoffe doch! Ich denke, mit den Ergebnissen der letzten Woche kann ich sehr selbstbewusst ins Rennen gehen. Wir haben gesehen, dass wir uns vor den großen Sprinterteams nicht verstecken müssen. Wir sind stark genug, den Favoriten Paroli zu bieten.

Ex-Sprinter Erik Zabel traut Ihnen bereits bei der Tour-Premiere einen Etappensieg zu. Spüren Sie Druck?

Das freut mich, dass Erik Zabel das sagt. Aber ich denke, wir als Mannschaft können ganz entspannt in die Etappen gehen. Wir sollten auf unsere Stärken vertrauen, und das ist vor allem der Sprint. Ich habe nichts zu verlieren. Denn wir sind die Underdogs. Klar, man erwartet schon etwas von uns, aber Gelassenheit ist sehr wichtig.

Im Vorjahr sind Sie bei der Vuelta ausgestiegen. Nun haben Sie sich extra mit einem Höhentrainingslager auf die Berge vorbereitet, die Ihnen ja nicht so liegen. Werden Sie Paris erreichen?

Eine gute Frage! (lacht) Ich habe leider keine Glaskugel… Aber natürlich ist das Ziel Paris. Auf dem Weg dahin kann viel passieren: Man kann stürzen, krank werden oder in den Bergen nicht stark genug sein. Im Gebirge muss ich von Tag zu Tag denken und Vollgas geben.

Jens Voigt und Marcel Kittel bei der deutsche Meisterschaft 2012 (Foto: dpa)

Alt trifft jung: Der 40-jährige Jens Voigt fährt seine wohl letzte, der 24-jährige Marcel Kittel seine erste Tour.

Ist das Grüne Trikot ein Ziel?

Nein, für dieses Jahr auf gar keinen Fall. Wir werden auch nicht um die Zwischensprints kämpfen. Ich sollte jedes Korn sparen für die wirklich schweren Etappen.

Erstmals seit vielen Jahren sendet das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland keine Livebilder mehr von der Tour. Was bedeutet das für den deutschen Radsport?

Ich habe die Tour selbst zum ersten Mal am Fernseher erlebt und war begeistert. Es ist wirklich schade, dass die Menschen das Rennen nicht mehr in den Öffentlich-Rechtlichen verfolgen können. Es ist ja auch für uns deutsche Fahrer eine wichtige Plattform, um uns und unsere Sponsoren zu zeigen. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft wieder ändern wird und der Radsport wieder eine Chance erhält. Denn ich glaube nicht, dass das Interesse an der Tour de France in Deutschland so extrem eingebrochen ist.

Sie haben offen eingeräumt, sich am Olympiastützpunkt Erfurt mehrfach UV-Bestrahlungen des Blutes unterzogen zu haben – im Glauben, es handele sich nicht um Doping. Fühlen Sie sich vom behandelnden Arzt getäuscht?

Ich habe dort trainiert und habe Dr. Franke das entsprechende Vertrauen entgegengebracht. Es gab für mich keine Zweifel, ihm nicht zu vertrauen. Wir waren alle angewiesen im Krankheitsfalle zu ihm zu gehen, denn er war der zuständige Sportmediziner. Ich hatte schon das Vertrauen in das Wissen des Arztes.

Inzwischen läuft ein erstes Verfahren im "Fall Erfurt", es könnten weitere folgen. Rechnen Sie auch mit einem Verfahren gegen Sie?

Das Haus mit den Praxisräumen des in eine Dopingaffäre verwickelt Erfurter Sportmediziner Dipl.-Med. Andreas Franke in Erfurt. (Foto: dpa)

Praxis Franke in Erfurt: Auch Kittel war hier Patient

Das ist eine gute Frage. Man muss warten, was dort jetzt passiert. Ich habe ganz klar gemacht, unter welchen Umständen die UV-Bestrahlung passiert ist. Die Situation ist momentan ziemlich komplex: Sportmediziner, Anwälte und Anti-Doping-Verbände sind sich ja gar nicht einig, was die Methode jetzt genau ist. Ich denke, man muss das jetzt abwarten.

Trotz der guten Ergebnisse, die sie eingefahren haben: Im olympischen Straßenrennen, das Ihnen auch gelegen hätte, werden andere um Medaillen kämpfen. Sind Sie enttäuscht?

Ich wäre gerne zu Olympia gefahren. Aber man muss sich entscheiden, was wichtiger ist. Für mich stand das Tourdebüt ganz klar im Vordergrund, das ist mein Highlight. Beides wäre unrealistisch für mich, da ich nach der Tour ziemlich kaputt sein werde.

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