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Kirschrote Merkel-Festspiele

9. Juni 2015

Im In- und Ausland gibt es Anerkennung für den G7-Gipfel in Elmau. Im Mittelpunkt steht dabei die Rolle der Bundeskanzlerin. Trotzdem zweifeln einige Beobachter daran, ob das noch die richtige Form von Weltpolitik ist.

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Obama umarmt Merkel Foto: Reuters/C. Hartmann
Bild: Reuters/C. Hartmann

Am meisten verblüfft die Kommentatoren die Ankündigung der G7, im Laufe des Jahrhunderts völlig aus der Energiegewinnung aus Kohle, Öl und Gas auszusteigen. Die Hannoversche "Neue Presse" bemerkt dazu: "Dass zum Schluss sogar Greenpeace jubelt, dürfte in die Annalen der G7-Geschichte eingehen." Die "Mittelbayerische Zeitung" in Regensburg lobt Merkel, sie habe der G7 beim Klimaschutz eine Erklärung abgerungen, die "über den Erwartungen liegt". Vor allem Kanada und Japan mussten überzeugt werden, sich von der Kohle zu verabschieden.

Dagegen wirft Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter der Bundeskanzlerin ein doppeltes Spiel in der Klimapolitik vor. "Die CDU-Chefin findet schöne Worte in Elmau, aber die harten Worte in Richtung der eigenen Reihe scheut sie", sagt Hofreiter im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung", mit Blick auf den Widerstand in den Unionsparteien gegen die von SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel geforderte Klimaschutzabgabe für alte Kohlekraftwerke.

Die französische Zeitung "Sud-Ouest" aus Bordeaux ist hinsichtlich der Klimabeschlüsse insgesamt skeptisch: "Misstrauen ist vor allem angesagt, weil die G7-Staaten nicht sagen, mit welchen konkreten Mitteln sie dieses Ziel erreichen wollen. Hinzu kommt, dass China, das allein ein Viertel der weltweiten Klimagase produziert, beim Gipfel nicht dabei war."

Russischer Stolz

Die russische Tageszeitung "Kommersant" beklagt, dass nun schon zum zweiten Mal der russische Präsident nicht dabei war. Trotzdem sei Putin die "Hauptperson" des Gipfels gewesen. Den Staats- und Regierungschefs der G7 wirft das Blatt vor, dass sie "zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet haben, einen Plan der Gegenwehr gegen Moskau auszuarbeiten. Aus einer Vereinigung, die die Probleme der Weltwirtschaft und der Entwicklung löst, wird sie zu einem Institut für die Festigung der Ideologie und der Wertvorstellungen der westlichen Welt." Doch Russland, bemerkt die Zeitung stolz, strebe selbst gar keine Neuauflage der G8 mehr an.

Putin, Cameron, Obama Foto: "Reuters
Offene Hemden 2013 in Nordirland - aber Putin saß schon damals abseitsBild: Reuters

Die "Thüringische Landeszeitung" in Weimar ist ebenfalls skeptisch: "Dass Russland aus Elmau die Androhung verschärfter Sanktionen vernehmen muss, stimmt nicht wirklich froh, sondern schürt die Furcht vor einem weiteren Auseinanderdriften der Lager, vor einem neuen Kalten Krieg."

Akzent in der Krawattenwand

Die tschechische Wirtschaftszeitung "Hospodarske noviny" spricht anerkennend über die Rolle der deutschen Kanzlerin und nennt das Duo Merkel-Obama "das mächtigste Paar der Welt": "Obama hat sich am Fuße der Alpen wie Zuhause gefühlt. Der Präsident weiß, wen er anzurufen hat, um sich mit den Europäern auf etwas zu verständigen."

Auch die italienische Zeitung "La Stampa" lobt Merkel und zieht eine ästhetische Parallele: "Ein kirschroter Akzent innerhalb der Wand aus Krawatten: Das Kostüm von Angela Merkel wirkte wie ein Ausrufezeichen. Und die Kanzlerin hat ihre Akzente gesetzt, auf 'ihrem' G7-Gipfel in Elmau."

G7 ein Auslaufmodell?

Die "Badischen Neuesten Nachrichten" aus Karlsruhe bemängeln, dass es die Sieben trotz ihres großen wirtschaftlichen Gewichts nicht schaffen, daraus politisches Gewicht zu machen: "Das Morden und Foltern des Islamischen Staates können auch die G7-Länder nicht stoppen, der Konflikt in der Ukraine wird ohne Russland nicht zu lösen sein, und in der Griechenland-Krise liegt der Ball auf dem Spielfeld der Regierung in Athen."

Luftballons mit G7-Teilnehmer-Karikaturen Foto: picture-alliance/dpa/F. Kästle
Statt Gewalt griffen G7-Gegner zu witzigen KarikaturenBild: picture-alliance/dpa/F. Kästle

Die Zeitung "Der Standard" aus Wien macht sich ein wenig lustig: "Ach ja, ein Abschlussdokument gibt es auch noch, fast hätte man es vor lauter Postkartenansichten zu erwähnen vergessen. Das Format hat nicht mehr die Bedeutung, die es einmal hatte. Vor zwanzig Jahren noch erwirtschaftete die G7-Gruppe 50 Prozent des Weltwirtschaftswachstums, heute ist es nur noch ein Drittel."

Für die Ulmer "Südwest-Presse" ist die G7/G8 "ein Auslaufmodell, der Gipfel ein überholtes Ritual, das sich an Symbole und Ordnungsmuster von gestern klammert. Da hilft auch keine Flucht in ein barockes Alpenidyll."

Bernd Riexinger, Chef der Linkspartei, nannte das G7-Format im ZDF-"Morgenmagazin" "undemokratisch und ein Stück weit anmaßend". Sieben Nationen, die nicht die Mehrheit der Weltbevölkerung stellten, maßten sich an, über das Weltgeschehen zu entscheiden.

Das Düsseldorfer "Handelsblatt" dagegen fragt nach den Alternativen: "Alle, die bereits im Vorfeld zum populistischen Gipfel-Bashing geblasen haben, sollten sich fragen, ob sie das Feld lieber den global agierenden Konzernen, autoritären Mächten oder Terrorgruppen wie dem Islamischen Staat überlassen wollen."

Erinnerungen an Bushs Spontanmassage

Der "Münchner Merkur" ist erleichtert, dass der Gipfel praktisch ohne Gewalt durch Demonstrationen über die Bühne ging, im Gegensatz zu den Straßenschlachten von Genua 2001 zum Beispiel oder die Gewalt in Heiligendamm 2007: "Dass von Oberbayern Gamsbart-Bilder um die Welt gehen statt welche von Scherben und Tränengas, ist ein sehr teuer erkaufter, aber wertvoller Erfolg."

Der "Reutlinger Generalanzeiger" sagt den Kritikern und Demonstranten, die "erstaunlich klaren Aussagen" des Gipfels sollten ihnen zu denken geben. "Als ob Macht an und für sich schlecht wäre. Welch ein Irrtum."

Vielleicht das witzigste Thema bei der G7-Nachlese greift die "Washington Post" auf. Die Zeitung beschreibt eingehend das vielfach veröffentlichte Bild, auf dem eine weit mit den Armen ausholende Kanzlerin dem auf einer Bank sitzenden US-Präsidenten etwas erklärt - vor der verhangenen Bergwelt. Die "Post" nennt die Kulisse "atemberaubend", und es fällt ihr auf, dass Merkel "so viel gelassener" mit Obama geredet habe als beim Gipfel 2006, als dessen Vorgänger George Bush der Kanzlerin von hinten eine "spontane Massage" verabreicht habe. Damals zuckte Merkel erschrocken zusammen und schien keinen Sinn für den Spaß zu haben - ein Bild, das ebenfalls um die Welt ging. Die unausgesprochene Botschaft der "Post": Die Kanzlerin ist souveräner geworden.