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Europa

Kirill I. mischt sich ein

Ende Januar wählte die russisch-orthodoxe Kirche den Metropoliten Kirill I. zu ihrem neuen Oberhaupt. Zu der Zeit galt er noch als gemäßigter Kirchenmann. Doch jetzt überrascht der Patriarch mit antiquierten Forderungen.

(Grafik: DW)

Kirill I. gilt in jeder Hinsicht als Vordenker der Kirche. Schon vor Beginn seiner Amtszeit machte er als "Außenminister" der Kirche auf sich aufmerksam, indem er sich für die Verständigung mit anderen christlichen Institutionen einsetzte und überdies - noch unter Gorbatschow - das neue Gesetz über Religionsfreiheit mitgestaltete. Außerdem beteiligte sich der heute 62-Jährige maßgeblich an der erst in den vergangenen Jahren formulierten Soziallehre der russisch-orthodoxen Kirche.

Schillernder Wortführer

Durch dieses Engagement wurde er schon früh neben dem damaligen Patriarchen Alexi II. zum Gesicht der russisch-orthodoxen Kirche. Auch die Medien versteht Kirill für sich zu nutzen; seine Wortgewandtheit und sein selbstbewusstes Auftreten sicherten ihm bald Popularität und Beliebtheit unter den Gläubigen.

Die meisten von ihnen erinnern sich noch gut an seine richtungweisenden Worte während seiner Inthronisierung am 1. Februar diesen Jahres, bei der er sich deutlich aussprach für "die Entwicklung solcher kirchlich-staatlichen Beziehungen, bei denen weder der Staat noch die Kirche sich in die gegenseitigen Angelegenheiten einmischen".

Umso erstaunlicher also, was russische Medien dieser Tage über den Patriarchen berichten. Denn entgegen seiner guten Vorsätze scheint der Kirchensouverän die Zurückhaltung aus Staatsangelegenheiten nicht ganz so ernst zu nehmen.

Auslöser ist die am 20. Mai von der russischen Regierung ratifizierte "Europäische Sozialcharta". Diese soll grundlegende Rechte der Bürger auf Wohnung, Gesundheit, Bildung und Beschäftigung sichern und fordert unter anderem die Aufnahme von Sexualunterricht in den obligatorischen Stundenplan. Und genau da liegt das Problem.

Klare Forderungen

Der Patriarch hat prompt auf diesen Passus reagiert – mit der Forderung, ihn zu streichen. Die Eltern seien verantwortlich für die Erziehung und Aufklärung ihrer Kinder, nicht die Regierung, argumentiert Kirill.

Doch damit nicht genug: In einem Treffen mit russischen Regierungsabgeordneten rang der Patriarch diesen die Zusage ab, dass die russisch-orthodoxe Kirche zukünftig auf Verlangen jeden Gesetzesentwurf vor seiner Verabschiedung einsehen und eine Stellungnahme abgeben darf.

Mit diesem Privileg hat Kirill sich nicht nur in Widerspruch zu seiner ursprünglich angekündigten Kirchenpolitik begeben, er stellt sich damit auch gegen die Verfassung, die eben jene Trennung zwischen Staat und Kirche verlangt.

Problematisch wird die Sache spätestens dann, wenn die russisch-orthodoxe Kirche Sonderrechte in Anspruch nimmt, die Oberhäuptern anderer Religionsgemeinschaften weiterhin verwehrt bleiben.

Alles halb so schlimm

Die Einmischung der Kirche werde allerdings de facto nicht viel ändern, sagt Olga Romanova von der internationalen Nicht-Regierungs-Organisation "Project Hope", die Lehrer auf das Fach Sexualkunde vorbereitet. Ihrer Meinung nach besteht der Klerus "zum größten Teil aus intelligenten Menschen", denen vor allem am Wohl der Jugend liege.

Glaubt man dieser Einschätzung, dann erscheinen Kirills Vorbehalte gegen Sexualunterricht in der Schule aber zumindest verwunderlich. Denn die Zahl der Neuansteckungen mit dem AIDS-Erreger steigt in Russland weiterhin alarmierend, und zählt mittlerweile zu den höchsten der Welt. Diesen Umstand kann auch die orthodoxe Kirche langfristig nicht ignorieren.

Die Einwände des Klerus finden aber reichlich Zustimmung unter einem Großteil der Bevölkerung; denn bis heute gilt AIDS in weiten Teilen Russlands als Tabuthema, welches für die Betroffenen meist Isolation und Ausgrenzung bedeutet.

Die Befürworter eines staatlichen Sexualkundeunterrichts halten die Aufklärung der Jugendlichen für unabdingbar, um dieser Entwicklung nachhaltig entgegenzuwirken.

Kirill I. scheint da anderer Meinung zu sein.

Autorin: Susanne Jaworski
Redaktion: Martin Schrader