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Fokus Osteuropa

Kirgisistan: Soldatenmütter auf dem Vormarsch

In der kirgisischen Armee kommt es zu Kameradenschinderei, Fahnenflucht und Selbstmord. Wer genug Geld hat, versucht, sich vom Wehrdienst "freizukaufen". Die kirgisischen Soldatenmütter gehen nun gegen Missstände vor.

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Probleme gibt es auch in kirgisischen Elite-Einheiten

Das Komitee der Soldatenmütter Kirgisistans wird gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium des Landes eine Zeitschrift herausgeben, die sich Problemen in der Armee annehmen wird. Die Zeitschrift "Pädagogischer Armee-Rat" hat ihren Namen vom gleichnamigen Runden Tisch, den die Soldatenmütter regelmäßig mit Vertretern des kirgisischen Verteidigungsministeriums durchführen. Das Treffen dient dem Informationsaustausch. Das Komitee der Soldatenmütter berichtet dabei den Staatsvertretern, welche Problemfälle sie in letzter Zeit festgestellt haben. Die Vertreter der Armee berichten ihrerseits, was sie in konkreten Fällen unternehmen wollen. Dieser Informationsaustausch wird nun der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Denn das, was beim "Pädagogischen Armee-Rat" besprochen wird, kann in Zukunft jeder in der neuen Zeitschrift nachlesen.

Vorwürfe gegen Offiziere

Galina Afonina, Leiterin des kirgisischen Komitees der Soldatenmütter, sagte der Deutschen Welle, Probleme gebe es heute sogar in Elite-Einheiten der Armee, beispielsweise in der Sondereinheit "Skorpion": "Dort beschäftigen sich die Jungs mit interessanten Dingen, aber man kann nicht behaupten, dass es dort keine Kameradenschinderei gibt. Das ist darauf zurückzuführen, dass die physische Belastung dort sehr groß ist. Sie halten sie einfach nicht aus und desertieren. Glücklicherweise kommen sie zu uns. Ich verheimliche nichts, leider kommt es bisweilen auch zu Handgreiflichkeiten seitens der Offiziere. Aber dafür gibt es den Pädagogischen Armee-Rat, der dazu beitragen soll, dies auszumerzen. Wir stehen mit den Streitkräften heute in sehr engen Kontakt. Welcher Kommandeur möchte in die Schlagzeilen geraten oder vor den Pädagogischen Armee-Rat kommen! Andererseits muss ich aber sagen, dass es in der Armee auch Erpressung gibt. Deswegen haben wir die Armee-Zeitschrift ins Leben gerufen."

Armee Rettung für Arme?

Jährlich verschicken die Kommissariate etwa 60.000 Einberufungen zur Armee. In Wirklichkeit benötigen die Streitkräfte des Landes aber nur etwa 6.000 Wehrpflichtige. Jungen Männern zufolge kann man, wenn man nicht dienen möchte, für etwa 600 US-Dollar eine Bescheinigung über einen bereits absolvierten Wehrdienst erhalten. Wenn man etwas mehr zahlt, bekommt man sogar den Rang eines Sergeanten und verschiedene Auszeichnungen.

Derzeit besteht die kirgisische Armee zu 35 Prozent aus Berufssoldaten. Die restlichen 65 Prozent stammen aus armen Familien. Meist konnten die Eltern ihre Söhne nicht "freikaufen" oder ein Studium finanzieren. Übrigens ist das kirgisische Verteidigungsministerium der Meinung, dass die Armee für viele arme Familien fast schon eine Rettung ist. Oft erhalte das Verteidigungsministerium Bitten von Eltern, ihre Söhne aufzunehmen, da sie sie zu Hause nicht mehr ernähren könnten.

Galina Afonina vom kirgisischen Komitee der Soldatenmütter bestätigte, dass sich oft junge Männer mit der Bitte an sie wendeten, in die Armee aufgenommen zu werden, obwohl sie zuvor aus Gesundheitsgründen ausgemustert worden seien.

Fahnenflucht und Selbstmord

Ein aktuelles Problem für die kirgisische Armee ist aber auch die Fahnenflucht. Nach Angaben der Militär-Staatsanwaltschaft befinden sich derzeit mehr als 300 Soldaten auf der Flucht. Der Militär-Staatsanwalt Kurmantaj Abdijew sagte, ohne Kameradenschinderei und sogar Selbstmord könne man sich derzeit den Dienst in der Armee nicht vorstellen.

Im Jahr 2004 wurden in der Armee 178 Straftaten festgestellt und im Jahr 2005 waren es sogar 243 Fälle. 2004 kam es unter den Soldaten zu 14 Selbstmorden, 2005 gab es zehn solcher Fälle. Galina Afonina stellte klar, dass junge Männer nicht nur wegen unmenschlicher Behandlung in der Armee den Freitod wählten, sondern auch aus anderen persönlichen Gründen: Wenn das geliebte Mädchen nicht wartet und einen anderen Mann heiratet oder wenn die todeskranke Mutter in einem Brief den mittellosen Soldaten um Geld für eine Operation bittet.

Soldatenmütter kündigen Prüfungen an

Die Leiterin des Komitees der kirgisischen Soldatenmütter, Galina Afonina, kündigte an, ihre Organisation beabsichtige, Kasernen zu überprüfen, um all die negativen Entwicklungen zu bekämpfen. Die beste Einheit soll dann eine Auszeichnung erhalten. Galina Afonina zufolge kann man nur mit Transparenz in der Armee und mit der Bereitschaft der Militärführung, die Wahrheit zu akzeptieren, die Probleme in der Armee wirksam bekämpfen.

Solto Temir, Bischkek
DW-RADIO/Russisch, 3.4.2006, Fokus Ost-Südost

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