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Amerika

Kirchner: Eine polarisierende Persönlichkeit

Argentiniens Präsidentin Kirchner steht stark in der Kritik. Zuletzt wegen des Todes von Staatsanwalt Nisman. Noch bis Oktober muss sie ein Land regieren, zu dessen Spaltung sie persönlich beigetragen hat.

"Der Effekt, den Cristina auf die Gesellschaft hat, ist unglaublich. Familien sind zerstritten und Paare trennen sich wegen ihr", sagt die Autorin Laura Di Marco. Sie hat die Biografie "Cristina Fernández, die wahre Geschichte" geschrieben. An Cristina Fernández de Kirchner scheiden sich die Geister. Medien bezeichnen sie als die "Präsidentin mit Temperament" und sagen ihr einen "Hang zum Schrillen" nach. Ihr Auftritt ist auf jeden Fall selten langweilig: Kirchner weiß sich auch mit 62 Jahren noch gut in Szene zu setzen - und vor allem weiß sie, wie man polarisiert.

Das tut sie besonders gern in den sozialen Medien. Mit ihrem etwas eigenen Humor erregte sie erst Anfang Februar wieder die Gemüter und sogar internationales Medieninteresse. Ihren Staatsbesuch in China, bei dem sie Milliardenkredite für ihr Land einholte, kommentierte sie quasi im Live-Feed auf ihrem persönlichen Twitter-Account. Direkt zu Beginn des Besuchs machte sie sich über die chinesische Aussprache lustig, vor allem des spanischen Rs: "Sind sie nur wegen des Leis (Reis, Anm. d. R.) und des Eldöls (Erdöl) gekommen?", schrieb sie unter anderem. Viele Menschen haben das als rassistisch wahrgenommen. Kirchners Antwort auf die Kritik, ebenso auf Twitter: "Sorry. Wisst ihr was? Das Ganze ist so übertrieben lächerlich und absurd, dass man dem nur noch mit Humor begegnen kann."

Kirchner auf Twitter: "Wir haben gemeinsam ein Foto geschossen. Wenn ihr denkt, dass ich etwas komisch aussehe, dann liegt es daran, dass ich kein Make-Up trage und meine Haare zusammengebunden habe..."

Kirchner und der Tod Nismans

Die Aussage wirkte nicht nur wie eine Antwort auf ihre Twitter-Kritiker, es schien fast so, als schreibe sie sich ihren derzeitigen Gemütszustand von der Seele. Denn an Stimmen, die sich gegen sie wenden, fehlt es aktuell nicht. Viele Argentinier trauen ihr mittlerweile sogar zu, direkt für den mysteriösen Tod des Sonderstaatsanwaltes Alberto Nisman verantwortlich zu sein.

Nisman war für die Aufklärung des Bombenattentates auf das jüdische Gemeindezentrum Amia im Jahr 1994 verantwortlich. Bei dem Anschlag starben 85 Menschen. Der Staatsanwalt hatte der Präsidentin vorgeworfen, ihn bei seinen Ermittlungen zu behindern. Einen Tag, bevor er offiziell Anklage gegen sie erheben wollte, war er tot. Mit einer Kugel in seinem Kopf wurde er in seiner Wohnung gefunden. Bis heute sind die genauen Umstände seines Todes unklar.

Der Frust der Argentinier über ihre Präsidentin spiegelt sich in den Umfragewerten wider. Nur noch rund 25 Prozent würden Kirchner erneut die Stimme geben. Dabei war sie 2011 noch mit großer Zustimmung in ihre zweite Amtszeit gestartet. Schon im ersten Wahlgang erreichte sie damals mit fast 60 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit.

Abbild der argentinischen Gesellschaft

Kirchner hat sowohl spanische als auch deutsche Wurzeln. Geboren 1953 in La Plata, ist sie in der Provinz von Buenos Aires als Kind einer Mittelstandsfamilie aufgewachsen. Während ihres Jurastudiums lernte sie ihren späteren Ehemann Néstor Kirchner kennen. Mit dem ging sie während der Militärdiktatur nach Patagonien. 2003, nach dem Staatsbankrott, wurde Néstor Kirchner Präsident Argentiniens. Da er nach zwei Amtsperioden nicht erneut antreten konnte, ließ Cristina Kirchner sich 2007 aufstellen und gewann mit großer Zustimmung. 2010 - kurz bevor der Wahlkampf zu ihrer zweiten Amtszeit im Jahr 2011 begann - starb ihr Ehemann.

"Cristina - genauso wie die Argentinier - hat das Potential, sich von Rückschlägen schnell zu erholen und wieder mit noch mehr Energie zurückzukommen", sagt Laura Di Marco. Die Autorin sieht in Kirchner ein direktes Abbild der argentinischen Gesellschaft: "Erfolg um jeden Preis, die Konzentration auf das Ergebnis, das jedes Mittel rechtfertigt, Korruption und die Leugnung der Realität sind sehr argentinische Charakteristika. So ist Argentinien und so ist auch Cristina."

Bestes Beispiel für die von Di Marco angesprochene Realitätsverweigerung Kirchners ist die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage ihres Landes: "Die gewonnene Dekade" nennt ihre Regierung die Zeit, in der sie und ihr verstorbener Ehemann das Land regiert haben. Tatsächlich geht es dem Land derzeit schlecht. Viele Menschen leben in Armut, oft sind die Supermarktregale leer, die Preise für Lebensmittel gehen ins Unbezahlbare. Und bei allem steigt die Inflationsrate weiter an. Allerdings nur in Publikationen im Ausland. Denn die argentinische Regierung veröffentlicht stets ihre eigenen - beschönigten - Zahlen.

Im Oktober werden die Argentinier entscheiden müssen, ob sie der "Ära Kirchner" ein Ende setzen wollen oder ob ein von Kirchner aufgestellter Kandidat die Wahl gewinnen soll. Sollte das geschehen, so sagen manche Journalisten voraus, würde sie vier Jahre später wiederkommen. Für manche ein Traum - für andere das genaue Gegenteil.