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Evangelischer Kirchentag

Kirchentag: Was hält Europa zusammen?

Protestantisches Pflichtbewusstsein mitten im Berliner Sommer: Beim Kirchentag diskutieren tausende Besucher darüber, wie viel Solidarität die europäische Wertegemeinschaft verträgt. Aus Berlin Astrid Prange.

Strandkörbe und Sonnenschirme, Palmen und christliche Popmusik: Am Samstag ist der Hochsommer über den Evangelischen Kirchentag hereingebrochen. Grillduft liegt über den Grünflächen der Messehallen, Kinder spielen in Wasserfontänen und viele Teilnehmer binden sich die Haare hoch mit den orange leuchtenden Kirchentagsschals.

Trotz des Berliner Sommermärchens geht der Veranstaltungsmarathon auf dem Kirchentag weiter. Knapp 5000 Menschen haben sich trotz strahlenden Sonnenscheins zur Podienreihe "Europa" auf dem Berliner Messegelände eingefunden, um über Europas christliche Werte zu diskutieren.

Es ist ein Stimmungstest: "Brauchen wir den Euro?", fragt Moderatorin Hanna Lorenzen ihr Publikum. Das Votum fällt eindeutig aus: Alle Anwesenden erheben die Hand. Bei der zweiten Frage allerdings sind sich die Teilnehmer dann nicht mehr ganz so sicher. Nur noch wenige zeigen spontan auf. Die Frage lautet: Sollte Sozialpolitik auf EU-Ebene entschieden werden?

Nächstenliebe gleich Solidarität?

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Stargast auf dem Europapodium, huscht angesichts dieses Votums ein Lächeln über die Lippen. Unter tosendem Applaus ist er in die Halle eingerollt, ein Heimspiel für den Protestanten, der seiner Meinung vor dem Publikum freien Lauf lässt und gleich zu Beginn klarstellt, dass eine "Vereinheitlichung der Sozialpolitik in der EU viele Menschen überfordern würde".

36. Evangelischer Kirchentag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Einer von vielen prominenten Gästen aus der Politik: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Schäuble für Europa, Bundesinnenminister Thomas de Maizière für religiösen Dialog, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für soziale Gerechtigkeit und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für Reformation: Beim Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg reichen Spitzenpolitiker einander die Mikrophone weiter.

Ob soziale Gerechtigkeit in Europa, Flüchtlingspolitik in Deutschland, religiöser Dialog mit dem Islam oder Umgang mit der Eurokrise: Die protestantische Auseinandersetzung mit Bibelinhalten und alltäglichen Problemen hat bei diesem Kirchentag eine bewusst politische Konnotation.

Steueroasen und Sparprogramme

So wird auch das europäische Ideal einer Wertegemeinschaft auf dem Europa-Podium mit Finanzminister Schäuble einem Realitätscheck unterzogen. Wenn Demokratie und Menschenrechte "keine verhandelbaren Werte sind", wie er betont, warum sind es dann soziale Standards? Das wollen viele im Publikum wissen. Höhlen nicht gerade Arbeitslosigkeit und Armut im Süden Europas die gemeinsamen Werte aus?

36. Evangelischer Kirchentag in Berlin (picture alliance/dpa/ M. Gambarini)

Sommerwetter, gute Stimmung - dem Evangelischen Kirchentag fehlt es nicht am Engagement der Teilnehmer

Der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold macht klar, warum Europa nicht nur den Euro, sondern auch eine gemeinsame Sozialpolitik braucht. "Wenn innerhalb der EU endlich der unsägliche Steuerwettbewerb mit immer niedrigeren Steuersätzen aufhören und die Steueroasen dichtgemacht würden, dann könnte man auch soziale Mindeststandards in Europa finanzieren." Auch Giegold erntet lauten Beifall.

Applaus kommt auf dem Kirchentag eine strategische Bedeutung zu. Ist er tosend, entspricht er einer Art protestantischem Liebesbeweis. Ist er anhaltend, ist es eine gestrenge Aufforderung an den Beklatschten, seinen Redefluss zu stoppen. Ist er verhalten, ist es die höfliche Anerkennung von Langeweile oder Meinungsverschiedenheiten. Und das Aushalten von Meinungsverschiedenheiten gehört bekanntermaßen zu den Markenzeichen eines Evangelischen Kirchentags. 

Wertediskussion um Griechenland

Und so löst sich die anfängliche Skepsis gegenüber der angeblichen Vereinheitlichung der Sozialpolitik auf europäischer Ebene im Laufe des Podiums langsam in Luft auf. Sogar der ehemalige Europaabgeordnete und Deutsch-Grieche Jorgo Chatzimarkakis streckt trotz aller Kritik an Finanzminister Schäuble die Hand zur Versöhnung aus. "Es stört mich zutiefst, dass die Deutschen zum Buhmann in Griechenland geworden sind", bekennt er. 

Doch trotz aller versöhnlichen Worte: Das negative Image des deutschen Finanzministers in Griechenland wird sich so schnell nicht ändern - auch daran ließ Chatzimarkakis keinen Zweifel. Denn: "Die Rettung des Euro war eine Rettung der Banken, für die in Griechenland die einfache Bevölkerung die Zeche zahlen musste."

Auch er appelliert an die Solidarität der vielfach beschworenen europäischen Wertegemeinschaft: "Griechenlands Wirtschaftsleistung entspricht ungefähr der Größe Hessens. Die EU könnte es sich locker leisten, das Land  durchzuziehen."

Finanzminister Schäuble kann ihm darauf nicht mehr antworten. Er ist schon beim nächsten Termin. Und die meisten Kirchentagsbesucher sind gedanklich schon beim Berliner Sommer und der nächsten Station des Kirchentags: Beim Festgottesdienst in der Lutherstadt Wittenberg am Sonntag.

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