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Kultur

Kirchenmoral ist heiliger Schein

Sex und Kirche, ein heikles Thema. Theologe David Berger sagt: die katholische Kirche steckt voller Heuchelei und Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Sexualität haben. Er hat ein Buch darüber geschrieben.

Betender Priester vor Regenbogenfahne - Symbolbild Homosexualität und Kirche (Grafik: DW)

David Berger ist 42 Jahre alt und gläubiger Katholik. Er ist Doktor und habilitierter Professor der Theologie und er war Herausgeber und Chefredakteur der wichtigsten katholischen theologischen Zeitschrift in Deutschland mit dem Titel "Theologisches". Jetzt will der hochrangige Theologe aufdecken, was sich in den erzkonservativen Kreisen der katholischen Kirche wirklich abspielt. In seinem diese Woche erschienenen Buch "Der Heilige Schein" kritisiert er eine verlogene Sexualmoral vieler Kirchenvertreter. Und er bekennt: ich bin schwul.

Buchcover Der heilige Schein von David Berger (Foto: ullstein Verlag)

David Berger hat eine Blitzkarriere gemacht in der Katholischen Kirche. Schon früh war bei ihm der Wunsch entstanden, später einmal Priester zu werden. Und das war ihm keineswegs in die Wiege gelegt. Denn aufgewachsen ist er in einem Elternhaus, das sich Liberalität auf die Fahnen geschrieben hatte, in einer klassischen 68-Familie. Während Kleinkind David seine ersten Gehversuche macht, sitzen im Wohnzimmer politische Aktivisten und Kriegsdienstverweigerer mit langen Haaren und großen Bärten, die über den Vietnamkrieg diskutieren.

Mehr Schein als Sein

Es war also eher Abgrenzung vom Elternhaus, als er sich für die strengen Regeln der Katholischen Kirche begeisterte - und für deren Ästhetik: die weihevolle Atmosphäre vor allem traditioneller Gottesdienste, die prachtvolle Kleidung, Kerzenschein und Weihrauch. Priester ist er aber nicht geworden. Denn David Berger war klar, das Zölibat hätte er nicht halten können und wollen. Schon 1989 hat er seine große Liebe gefunden, einen Mann, mit dem er heute noch zusammenlebt. Seine Beziehung war immer eine Parallelwelt neben der homosexuellenfeindlichen Umgebung der Katholischen Kirche.

Priester mit Bibel und Kreuz (Foto: ANP)

Zündstoff für die Kirchenmänner

"Offiziell schließt sich das zwar aus", sagt David Berger, "aber wenn man es genauer betrachtet, gibt es eine große Zahl homosexueller Priester. Und auch viele, die das ausleben". Das werde von der Kirche auch geduldet, aber nur solange es im Geheimen geschieht, solange der Heilige Schein gewahrt bleibe. Das Bild einer enthaltsamen, rein heterosexuellen Kirche müsse bestehen bleiben, dann sei alles in Ordnung. Auch David Bergers persönliche Entwicklung zeigt, der Mensch ist zu starker Verdrängung fähig. Die Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen, die Homophobie vieler vor allem konservativer Kirchenvertreter, schien ihm lange ein zu vernachlässigender Makel.

Zündstoff für die Konservativen

Spät, aber deutlich entschied er sich dann anders. Als Auslöser nennt Berger einen Fernsehauftritt des Essener Bischofs Franz Josef Overbeck. Der hatte in einer Talk-Show im April dieses Jahres betont, Homosexualität sei eine Sünde. David Berger wandte sich daraufhin an die Öffentlichkeit und kritisierte jene, denen er jahrelang als konservativer Theologe gedient hatte. Die scharfen Angriffe vieler katholischer Geistlicher deutet er psychologisch und hält sie für Projektion. Das, was man an sich selbst nicht mag, müsse man bei anderen um so schärfer kritisieren. Die Priester, die die größten Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Homosexualität hätten, würden am häufigsten durch homosexuellenfeindliche Äußerungen auffallen.

Ein lesbisches Pärchen in der Kirche (Foto: relivision)

Homosexualität wird geduldet solange es im Geheimen geschieht

David Bergers Buch bietet reichlich Zündstoff. Nicht nur weil er die Vermutung bestätigt, dass es in der Katholischen Kirche reichlich Verklemmte gibt, homo- ebenso wie heterosexuelle. Durch seinen Erfolg gerade in konservativen Kreisen, wurde er zu sogenannten "Herrenabenden" eingeladen, an denen Kirchenvertreter und finanzstarke Unternehmer teilnahmen. Was er an rechtsradikalen, antidemokratischen und antisemitischen Thesen zitiert, wäre – wenn es zutrifft - ein Fall für den Verfassungsschutz. Außerdem werden durch Bergers Ausführungen unheilige Allianzen offenbar: die Nähe von extrem konservativen Katholiken und radikalen Islamisten. Was auf den ersten Blick als Widerspruch erscheint, erkläre sich durch eine wesentliche Gemeinsamkeit: eine Aversion gegen die Moderne und gegen den Liberalismus, und auch gegen die USA.

Nährboden für Missbrauch

Und noch mehr Explosives steckt in Bergers Buch mit Blick auf die Skandale, die in der Katholischen Kirche in den vergangenen Monaten aufgedeckt wurden. Die strenge Reglementierung der Priesterausbildung und das ausgebaute System der Vertuschung, so der Theologe, biete einen Nährboden für Missbrauch: "Die traditionelle Priesterausbildung hält im Grunde die Priester im Stand von Fünft- oder Sechstklässlern." Durch die autoritäre Bevormundung finde kein Reifungsprozess statt. Gerade in der konservativen Ausbildung würden die Priesteranwärter fern der Welt gehalten, ohne Zugang zu Fernsehen, Radio und Internet. Dadurch blieben viele auf dem Entwicklungsstand von pubertierenden Jugendlichen und wüssten gar nicht, was mit ihnen passiert, wenn sie sich verliebten oder sexuelle Gefühle entstünden.

Bei soviel hochbrisanten Enthüllungen und Thesen ist nicht verwunderlich, dass die großen katholischen Institutionen, wie die Deutsche Bischofskonferenz, einen Kommentar zu Bergers Buch ablehnen. Verwunderlich ist dagegen, dass David Berger die Katholische Kirche nicht ablehnt. Er will - ganz missionarisch - helfen, damit sie ihre positiven Kräfte entwickeln kann.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Marlis Schaum

David Berger: Der Heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche. Ullstein Verlag 2010. 299 S. 18 € ISBN 9783550088551