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Kultur

Kirchen für Militärschläge gegen Islamisten

Waffen für die Kurden im Irak? Luftschläge gegen brutale Islamisten? Die Konflikte im Irak und Syrien haben die Friedensdebatte in Deutschlands Kirchen neu entfacht.

Christen und Jesiden fliehen vor entfesselter Gewalt der IS-Kämpfer. Für Bayerns evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ist die Sache klar. Nach einem mehrtägigen Besuch im Nordirak schlug er Alarm: "Wir brauchen internationale Truppen im Irak!" Ähnlich äußerte sich der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck: "Die Menschen in der Region haben keine Zeit mehr, um monatelange Diskussionen abzuwarten." Wer nur zuschaue, lade Schuld auf sich, so Overbeck am Rande einer Tagung der katholischen Militärseelsorge im niedersächsischen Cloppenburg. Gleichwohl müsse bewiesen sein, dass zuvor alle friedlichen Mittel ausgeschöpft wurden. Anders als Overbeck appellierte Bischof Bedford-Strohm an die Verantwortung der Vereinten Nationen: "Der UN-Sicherheitsrat muss endlich zu Beschlüssen kommen", forderte er im Deutschlandfunk. Die UN müsse die internationale polizeiliche Gewalt in die Hand nehmen, anstatt die Entscheidung einzelnen Staaten zu überlassen.

"Hilfe zur Selbstverteidigung ist richtig und sinnvoll"

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Bischof Bedford-Strohm fordert internationale Truppen für den Irak

Heinz-Gerhard Justenhoven, Leiter des katholischen Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg, hält die Forderung Bedford-Strohms für unrealistisch."Die UN-Mitgliedsstaaten stellen kein hinreichend ausgebildetes Kontingent zur Verfügung, das in der Region eine Schutzzone errichten könnte", so der Theologe im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ein Einsatz der Arabischen Staaten unter UN-Mandat ist für Justenhoven ebenfalls unrealistisch, weil die Staaten untereinander zerstritten seien und militärisch auch nicht in der Lage, einen solchen Einsatz durchzuführen. Nach Ansicht des Friedensforschers lautet die entscheidende Frage derzeit: "Wer ist in der Lage, das Recht auf Selbstverteidigung der Menschen wahrzunehmen, die unter dem Terror der IS leiden?" Die Antwort Justenhovens: "Im Augenblick sind das die kurdischen Peschmerga und auch die Kämpfer der PKK, wie auch zunehmend die sich reorganisierende irakische Armee. Die in die Lage zu versetzen, diese Aufgabe wahrnehmen zu können, halte ich für richtig und sinnvoll." Amerikanische Luftangriffe auf IS-Stellungen und begrenzte Waffenlieferungen seien "die notwendige Unterstützung für die Selbstverteidigung", so der Friedensforscher.

Pazifisten sind nur ein Teil der Kirche

Kurdische Kämpfer im Nordirak

Kurdische Kämpfer beschützen Flüchtlinge vor den Islamisten des IS

Grundsätzlich gegen Waffenlieferungen und Militärschläge ist die katholische Friedensbewegung Pax Christi. Die Bundesvorsitzende Wiltrud Rösch warnte die Kirche davor, Militäreinsätze zu rechtfertigen. "Es besteht die Gefahr", so Rösch, "dass die Kirche sich in nationale, wirtschaftliche und Bündnis-Interessen verwickeln lässt." Warnend verwies sie auf die Erfahrung zweier Weltkriege. Bekannt für ihre entschieden pazifistische Position ist auch die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. Bei Diskussionen um Militäreinsätze betont sie stets, dass sie gerechte Kriege für unmöglich hält.

Vertreter mit pazifistischer Grundhaltung gibt es derzeit in beiden großen Kirchen Deutschlands. Die Mehrheit des Kirchenvolks denkt nach Einschätzung von Theologe Heinz-Gerhard Justenhoven jedoch anders. Außerdem werde in wichtigen Dokumenten beider Kirchen zum Frieden der Einsatz militärischer Gewalt als "Ultima Ratio", als letztes Mittel nie völlig ausgeschlossen. "Wir haben in den letzten Jahren Situationen, wie zum Beispiel im Irak, wo man ernsthaft über dieses Mittel nachdenken muss." Gleichzeitig mahnt Justenhoven, die Auswirkungen militärischer Einsätze zu bedenken. Das Beispiel Afghanistan zeige die Gefahr, dass eine Intervention durch Bodentruppen einen Konflikt eher anheizen als lösen könne.

Humanitäre Hilfe kann den Konflikt entschärfen

Prof. Dr. Heinz‑Gerhard Justenhoven

Justenhoven: Hilfe darf nicht auf die Frage eines Militäreinsatzes reduziert werden

Darf man Hilfe auf die Frage eines militärischen Einsatzes reduzieren? Nein, meint Heinz-Gerhard Justenhoven. Nach Einschätzung des Friedensforschers kann viel getan werden, um die Konflikte in Syrien und Irak zu entschärfen. "Im Libanon und in Jordanien müssen die Flüchtlingslager versorgt werden, damit hier nicht die Möglichkeit besteht, noch weitere Kämpfer für den IS zu rekrutieren. Was sollen die Menschen anderes machen, wenn ihnen die blanke Not vor Augen steht?", fragt Justenhoven.

Dass sich den vergangenen Wochen zunehmend Kirchenvertreter zu Wort melden, die einen begrenzten Militäreinsatz gegen den IS fordern, hat laut Friedensforscher Justenhoven vor allem zwei Gründe. Zum einen sei der Schock immens, den der IS mit seinen Gräueltaten auslöse. Auf der anderen Seite sei die sicherheitspolitische Debatte durch die Ukraine-Krise vollkommen in Beschlag genommen. Diesen Stillstand versuchten Kirchenvertreter mit ihrer Stimme aufzubrechen.