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Politik & Gesellschaft

Kirche trennt sich von Milliardengeschäft

Die katholische Kirche will den hauseigenen Weltbild-Verlag jetzt doch verkaufen. Konservative Katholiken stören sich schon lange daran, dass auch Esoterik und Erotik im Warenangebot stecken.

Das Logo der Buchhandelskette Weltbild plus an einer Filiale in Muenchen (Foto: dapd)

Der Weltbild-Verlag teilte am Dienstag (22.11.2011) mit, die Gesellschafter hätten die Geschäftsführung des Verlags beauftragt, "ohne jeden Verzug entschlossen" einen Käufer für das Unternehmen zu finden. Die Gesellschafter sind zwölf katholische Diözesen, die Soldatenseelsorge Berlin und der Verband Deutscher Diözesen.

Sie beenden mit ihrem Verkaufsentschluss eine Debatte, die lange im Verborgenen schwelte und vor drei Jahren zum ersten Mal ausführlich öffentlich diskutiert wurde: Ist es mit den christlichen Werten und Zielen der katholischen Kirche vereinbar, dass der Weltbild-Verlag unter anderem Bücher mit erotischen und esoterischen Inhalten verkauft? Konservative Katholiken verneinten, andere dachten an die mehr als 1,6 Milliarden Euro Jahresumsatz des Verlages – und der Verlag selbst dementierte Porno-Vorwürfe, wehrte sich gegen Zensur-Ideen und zitierte den "mündigen Bürger".

Der Papst sprach das Machtwort

Dennoch wäre es schon 2009 fast zu einem Verkauf gekommen. Damals hatte unter anderem die "Thalia"-Gruppe Interesse an Weltbild, letztlich stimmte aber der Preis nicht, eine Wunschsumme von mehr als einer Milliarde Euro machte die Runde, die mitten in der losbrechenden Weltwirtschaftskrise niemand mehr zahlen wollte. Weltbild blieb zu 100 Prozent in den Händen der katholischen Kirche.

Im Oktober 2011 stieß dann das Branchenblatt "buchreport" die Diskussion über erotische Literatur im Weltbild-Angebot erneut an. Zum Suchbegriff "Erotik" sollen bei weltbild.de damals mehr als 2500 Treffer erschienen sein, inzwischen gibt es keinen einzigen mehr. Der Weltbild-Gruppe gehört allerdings unter anderem zu 50 Prozent die Verlagsgruppe Droemer Knaur und sie ist zu 33,3 Prozent an buecher.de beteiligt. Hier findet sich weiterhin erotisch Erbauliches, das von Pornos jedoch weit entfernt ist.

Screenshot von http://www.weltbild.de

Wer im Suchfeld "Erotik" eingibt, landet inzwischen einfach immer wieder auf der Startseite

Geschäftsführer Carel Halff wurde nicht müde, immer wieder zu erklären, der Umsatz mit erotischen Büchern habe 2011 bislang weniger als 0,017 Prozent des Gesamtumsatzes ausgemacht. Die neue Diskussion über einen Verkauf konnte er damit aber nicht stoppen. Papst Benedikt XVI. selbst rief Anfang November die deutschen Bischöfe zum Handeln auf. Es sei an der Zeit, die "Verbreitung von Material erotischen oder pornografischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken". Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz reagierte und setzte die Verkaufsdebatte am Montag (21.11.2011) auf die Tagesordnung.

Mitarbeiter befürchten Einschnitte

Einer, der sich besonders über den Weltbild-Verkauf freuen dürfte, ist Joachim Kardinal Meisner. Der Kölner Erzbischof fordert schon lange eine strikte Trennung von Kirche und Weltbild-Verlag. Das Kölner Bistum hatte seine Weltbild-Anteile bereits 2008 an den Verband Deutscher Diözesen übertragen. "Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen. Das ist einfach skandalös", sagte Meisner in der jüngsten Ausgabe der Zeitung "Welt am Sonntag".

Joachim Kardinal Meisner predigt 2007 im Dom in Köln (Foto: dpa)

Joachim Kardinal Meisner hat schon 2008 "Weltbild"-Anteile abgegeben

Selbst der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, dessen Erzdiözese München und Freising immerhin zweitgrößter Weltbild-Gesellschafter ist, stimmte ein: "Wir können noch so große Medienkonzerne haben, wenn sie nicht das Ziel haben, das Evangelium zu verkünden, geht es in die falsche Richtung." Es geht allerdings um mehr als ein lustfreies Weltbild: Seit Papst Benedikt XVI. im September seine Kirche zu mehr "Entweltlichung" aufgerufen hat, geht es auch um die Frage, ob es sich für die katholische Kirche eigentlich ziemt, Besitzer eines marktwirtschaftlich orientierten Unternehmens mit mehr als 6000 Mitarbeitern und Milliardenumsatz zu sein?

Die Weltbild-Mitarbeiter in Augsburg befürchten nun schlechtere Arbeitsbedingungen durch den geplanten Verkauf. Der Weltbild-Verlag ist ein appetitlicher Happen mit einer großen Marktmacht, allerdings auch ein teurer. Das Unternehmen gehört nach eigenen Angaben zu den größten Internet-, Buch- und Medienhandelsunternehmen in Europa. Weltbild hat auf dem Buchmarkt eigene Filialen, einen Onlineshop und einen Katalogversandhandel. Neben Büchern und Zeitschriften vertreibt die Verlagsgruppe auch CDs, DVDs, Elektronik, Geschenkartikel und Haushaltsartikel.

Ein neues Weltbild kommt

Die Zentrale des Weltbild-Verlages in Augsburg (Foto:dpa)

Die Zentrale des Weltbild-Verlages in Augsburg

Die langjährige Geschichte des Verlags nimmt jetzt also eine neue Wendung. 1948 war er als Winfried-Werk GmbH gegründet worden und produzierte anfangs das katholische Magazin "Mann in der Zeit", das 1968 in "Weltbild" umbenannt wurde. 1972 begann das Unternehmen mit dem Versandhandel von Büchern und expandierte in den 1980er Jahren ins deutschsprachige Ausland. 1997 wurde der Onlineshop gegründet, 2006 fusionierte das stationäre Geschäft der Verlagsgruppe mit der Familie Hugendubel, 2009 wurden mehrere hundert Stellen abgebaut.

Die Zukunft unter einem neuen Eigentümer, wer immer es sein wird, kann in viele Richtungen gehen: von einer Teil- über eine Komplettzerschlagung bis hin zum Ausbau der Internetpräsenz und dem Wegfall der teilweise stark modernisierungsbedürftigen Filialen. Eins wäre nach einem Verkauf allerdings auf jeden Fall möglich: Weltbild könnte dann tatsächlich Pornos verkaufen.

Autorin: Marlis Schaum

Redaktion: Michael Borgers