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Deutschland

Kirche schaltet Hotline ab

Vor zwei Jahren hat die katholische Kirche eine Hotline für ehemalige Heimkinder eingerichtet, die Opfer von Gewalt geworden sind. Nun wird das Angebot eingestellt – die Betroffenen fühlen sich alleingelassen.

Dass in der Vergangenheit zahlreiche Kinder in staatlichen und kirchlichen Heimen in Deutschland misshandelt und sexuell missbraucht wurden, ist erst seit einigen Jahren bekannt. Durch Medienberichte, in denen Opfer ihr Schweigen brachen, wurde die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam. In den 1950er und 1960er Jahren lebten rund 800.000 Kinder in Deutschland in staatlichen oder kirchlichen Heimen; 300.000 davon in Einrichtungen der katholischen Kirche. Wie viele von ihnen misshandelt wurden, ist nicht bekannt, Betroffenen-Organisationen gehen aber von vielen Tausenden Opfern aus.

Als Reaktion auf den öffentlichen Druck, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen, richtete die katholische Kirche in Deutschland vor zwei Jahren eine Hotline für Menschen ein, die in kirchlichen Einrichtungen Opfer von Gewalt geworden waren. Dort konnten sie anrufen und von ihren Erlebnissen berichten. Anfang 2010 habe es einen "großen Bedarf" dafür gegeben, sagt Johannes Stücker-Brüning, der beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz arbeitet und dort für das Thema "Heimerziehung" zuständig ist.

Ehemalige Heimkinder protestieren vor dem Brandenburger Tor gegen Missbrauch in Kinderheimen (Foto: dpa)

Ehemalige Heimkinder protestieren in Berlin gegen Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen

Erst Zuhören, dann Beraten

Die Telefonleitung sei nicht eingerichtet worden, um in konkreten Fällen sofort helfen zu können, so Stücker-Brüning. Zunächst sei es darum gegangen, den Opfern die Möglichkeit zu geben, über ihre Erfahrungen zu sprechen. "Wir hatten den sicheren Eindruck: Zuhören ist das Mittel der Wahl." Im Laufe eines solchen Telefongesprächs habe dann "eine Art Erstberatung stattgefunden."

Das hat aber offenbar nicht jeder Anrufer so empfunden. Reiner Kleine aus dem westfälischen Bünde hat andere Erfahrungen gemacht: Er habe von seinen Erlebnissen erzählt, man habe ihm auch zugehört, aber dann habe er "nichts mehr von denen gehört". Bis heute hat er keine Entschädigung für das erhalten, was er habe erdulden müssen.

Unzufriedenheit bei den Betroffenen

Der Kirche sei es, so Johannes Stücker-Brüning, bei den Telefongesprächen in erster Linie darum gegangen, zuzuhören und die Opfer von damals wenigstens im Nachhinein ernst zu nehmen. "Es darf nicht passieren, dass sie sich erneut gedemütigt fühlen, weil ihnen nicht zugehört wird." Vor allem dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Kirche höre nicht zu, weil "sie Angst um die eigene Haut hat."

Ex-Heimzögling Reiner Kleine ist das nicht genug. Er hat den Endruck gewonnen, der Kirche sei es nur "um die Statistik" gegangen, erzählte er gegenüber der Deutschen Welle. Die Telefonhotline ist in seinen Augen nur ein "Propagandamittel", um zu zeigen: Wir kümmern uns doch. Und außerdem merkt er an: "Wenn es mir darum gegangen wäre, es zu erzählen, dann hätte ich es irgendjemandem gesagt, aber doch nicht den Tätern."

Das muss Kirche aushalten

Mit traumatisierten Menschen zu sprechen ist eine schwierige Aufgabe, die bei der sogenannten "Heimkinder-Hotline" Mitarbeiter übernommen haben, die dafür geschult worden sind. Obwohl die Mitarbeiter selbst keine persönliche Schuld tragen an dem, was den Anrufern widerfahren ist, mussten sie sich dennoch Tag für Tag das Versagen der Institution vorhalten lassen, für die sie arbeiten.

Kirchenmann Johannes Stücker-Brüning kennt diese Belastung. Seine Erfahrung habe gezeigt: Je intensiver ein Gespräch geworden sei, desto "stärker hat sich die Not gezeigt, die die Person auch heute noch, teilweise 40, 50 Jahren nach diesen Ereignissen, erlebt." Aber das müsse die Kirche, das müssten ihre Angestellten ertragen. Denn alle wüssten, dass die Kirche "diese Vorwürfe sehr wohl hören muss".

Aus der Verantwortung gestohlen?

Stücker-Brüning sieht die Hotline als Erfolg. Er weist darauf hin, dass es seit Anfang 2010 immerhin 909 Kontakte gegeben habe - alles Schicksale von Menschen, die in ihrer Jugend und Kindheit unter Gewalt gelitten hätten. Ihnen hätte erst die Hotline eine Gelegenheit geboten, von ihrer Vergangenheit zu erzählen, unter der sie noch immer leiden.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (Foto: dpa)

Erzbischof Zollitsch zieht eine positive Bilanz der Hotline

Am 30. Juni hat die Hotline ihre Arbeit eingestellt. Reiner Klein, der so zwiespältige Erfahrungen mit ihr gemacht hat, hält das für zynisch. Durch diese Entscheidung sende die Kirche das Signal, das eigentliche Problem sei gelöst. Das kann er nicht glauben: Die Opfer könnten sich erst nach vielen Jahren öffnen und von ihren Erlebnissen erzählen. Es müsse noch viele unaufgeklärte, nicht erzählte Schicksale geben. Die Kirche, so Klein, überlasse jetzt die Aufklärung ihrer Vergehen anderen und stehle sich aus der Verantwortung.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, begründet die Einstellung der Hotline damit, dass es inzwischen auch "sehr gute andere Angebote" gebe. Johannes Stücker-Brüning nennt als Beispiel eine Initiative von Bund und Ländern, die von den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland unterstützt wird: Der Fonds "Heimerziehung". Für die Katholische Kirche sei das Thema "Gewalt gegen Kinder" mit der Einstellung der Hotline nicht beendet, sagt er, denn: "Wir als katholische Kirche beteiligen uns an diesem Fonds."