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Bildung

Kirche ist nicht nur Glauben

Geheimtipp oder erste Adresse? Für viele Studierende sind die Hochschulgemeinden eine wichtige Anlaufstelle. Ob Seelsorge, Beratung oder einfach nur ein Dach über dem Kopf: Studierendengemeinden sind vielseitig aktiv.

Kreuz vor bedecktem Himmel (Foto: dpa)

Über 125 Katholische Hochschulgemeinden (KHG) und rund 140 Evangelische Studierendengemeinden (ESG) gibt es in Deutschland. Gerade für Studierende aus dem Ausland, die nicht über festgelegte Stipendienprogramme nach Deutschland kommen, sind die Gemeinden ein Weg, um mit anderen gleichgesinnten Studierenden in Kontakt zu kommen. Dabei bieten die Hochschulgemeinden weit mehr als Gottesdienste und Seelsorge. Dagmar Müller, Studierendenpfarrerin der ESG in Bonn, kümmert sich besonders um ausländische Studierende.


Dagmar Müller, Studierendenpfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde Bonn (Foto: ESG Bonn)

Dagmar Müller

DW-WORLD.DE: Frau Müller, können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Arbeit als Studierendenpfarrerin geben?

Dagmar Müller: Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Neben Gottesdiensten und Seelsorge bin ich auch zuständig für unser Studierendenwohnheim. Wir haben ein Wohnheim mitten im Poppelsdorfer Schloss, da wohnen 80 Studierende aus 20 Nationen, die ich begleite und betreue. In unserer Hochschulgemeinde machen wir auch Reisen. Wir haben ein Austauschprogramm mit polnischen Studenten. Dieses Jahr waren wir in Polen, und nächstes Jahr kommen die polnischen Studierenden zu uns, das ist also ganz vielfältig. Darüber hinaus bin ich auch noch ausgebildete psychologische Beraterin.

Wo setzt die Bonner Evangelische Studierendengemeinde den Schwerpunkt ihrer Arbeit?

Ich würde sagen, dass dieses Wohnheim ein Schwerpunkt ist. Es ist auch ein Anziehungspunkt für viele andere Studierende, die von außen zu unseren Veranstaltungen kommen, zum Beispiel zu Filmabenden oder zu Partys. Die Studierenden leben in diesem Studentenheim nicht auf so langen Fluren, sondern in Wohngemeinschaften, das heißt, sie haben Wohnungen zusammen und müssen sich zusammen arrangieren. Da kommen natürlich die kulturellen Unterschiede zum Tragen, etwa bei Besuchsregelungen. Ausländische Studierende sind oft viel gastfreundlicher als die deutschen, und Familienangehörige dürfen lange zu Besuch kommen, das gibt dann schon mal Probleme. Auch die Putzvorstellungen sind anders, die Vorstellungen von Reinheit und Sauberkeit und von Lautstärke. Da merkt man schon kulturelle Unterschiede, aber man genießt es auch. Wenn man verschiedenen Religionen hat, dann gibt es insgesamt auch mehr Feiertage und man hat gemeinsam mehr zu feiern, ob es das Fastenbrechen im Ramadan ist oder Weihnachten.

Sie haben sich ja auch auf die Fahnen geschrieben "Toleranz und Dialog zwischen verschiedenen Kulturen zu fördern". Wie sieht das konkret aus?

Studierende der Universität Bonn in der Bibliothek (Foto: Frank Homann)

Junge Menschen aus aller Welt studieren in Bonn - und die ESG hat für alle ein offenes Ohr.

Das findet in Gesprächskreisen statt, wo wir auch die verschiedenen Religionen zum Thema machen. Ausländische Studierende können auch bei uns unabhängig von Religion oder Konfession Hilfe erhalten auch in finanziellen Bedrängnissituationen: Wir haben die Möglichkeit, sie über eine gewisse Zeit finanziell mit kleinen Stipendien zu unterstützen. Das gilt allerdings nicht für Doktoranden mit eigenem Stipendienprogramm, sondern für die sogenannten Freemover, die auf eigene Faust hierher kommen. Sie finden bei uns Rat und Hilfe, und im Notfall ist bei uns immer ein Bett frei.

Wissen die, dass sie zu Ihnen kommen können?

Ja, das ist eine ganz verrückte Sache. Das spricht sich auch in den Heimatländern der Studierenden herum. Die Studierenden kommen und sagen: 'Man hat mir gesagt, wenn du nach Deutschland kommst, dann geh’ zur ESG, die sagen dir, wo es langgeht.'

In Zeiten von Bachelor und Master haben Studierende ja oft ganz andere Probleme. Es geht darum, Stundenpläne zu füllen und seine Zeit einzuteilen. Merken Sie da Veränderungen? Müssen Sie mehr um die Leute werben oder kommen die Studierenden gerade jetzt zu Ihnen? Haben Bachelor und Master einen Einfluss auf das Gemeindeleben?

Das hat auf jeden Fall einen Einfluss, weil die Studierenden wirklich schwer beschäftigt sind. Sie sind teilweise von morgens acht Uhr bis abends acht Uhr an der Uni, und sich danach noch in eine weitere erwachsenenbildende Veranstaltung zu setzen, das ist sicherlich nicht angesagt.

Wie gehen Sie damit um?

Wir müssen andere Programme anbieten. Das tun wir auch. Es gibt mehr gemeinschaftlich ausgerichtete Programme wie gemeinsam Essen, Gemeinschaft erleben, zusammen Sport machen. Früher gab es mehr entwicklungspolitische Angebote, Vorträge und Seminare, und da haben wir einfach festgestellt, dass der Besuch immer weniger wurde.

Spüren Sie die Belastung der Studierenden durch Bachelor und Master auch in Ihrer Beratungstätigkeit?

Allgemein würde ich sagen, dass die Studierenden mehr unter Prüfungsängsten leiden und auch von Zukunftssorgen geplagt sind. Das hängt natürlich nicht nur mit Bachelor und Master zusammen, sondern mit der allgemeinen Situation, wo man die Sorge hat, ob man hinterher einen passenden Job bekommt. Was ich auch festgestellt habe, ist, dass wir mehr psychisch belastete Studierende haben. Das heißt, dass Konflikte wie Autonomie und Abhängigkeit stärker ausgeprägt sind als früher, dass wir verstärkt auch Persönlichkeitsstörungen haben. Auch die Suchtgefahr steigt, und mit diesem massiven Trinken haben wir zum Teil auf Partys Probleme.

Absolventen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Foto: dpa)

Sie haben den Prüfungsstress hinter sich: Bachelor-Absolventen der Universität Bonn

Da sehen Sie also auch eine Veränderung?

Ja, war es früher noch der typische Stress mit den Eltern oder Liebeskummer, so sind die Probleme jetzt doch größer und schwieriger geworden.

Ist die Evangelische Studierendengemeinde dann so etwas wie eine Anlaufstelle und ein Auffangbecken für all diese Probleme oder prangern Sie auch aktiv Missstände an?

Absolut! Wir hatten ja in Bonn ein Problem mit zusätzlichen Betreuungsgeldern, die ausländische Studierende aus Nicht-EU-Ländern zusätzlich zahlen sollten. Wir haben uns da für die Studierenden eingesetzt, und heute gibt es keine Betreuungsgebühren mehr. Eine andere Sache ist, dass wir zurzeit mit dem Entschluss der neuen Regierung, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern, eine Aktionsgruppe bei uns im Haus haben, die sich gegen diese Verlängerung ausspricht. Wir sind eine Atomstromfreie Zone, wir haben Ökostrom bei uns im Haus. Das ist uns wichtig, auch da Zeichen zu setzen - und wenn man an unserem Haus vorbei kommt, kann man nicht dran vorbeigehen, ohne die großen Banner und Plakate zu diesem Thema zu sehen.


Das Gespräch führte Gaby Reucher
Redaktion: Claudia Unseld

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