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Kultur

Kirche als Heimat fern der Heimat

Für die griechisch-orthodoxen Gläubigen in der süddeutschen Stadt Esslingen ist die Basilika "Mariä Verkündigung" mehr als nur ein religiöser Ort. Hier spielt sich das griechische Leben ab, die Kirche bedeutet Heimat.

Langsam öffnet sich die schwere, mit kunstvollen Holzschnitzereien verzierte Eingangstür zum sonntäglichen Gottesdienst. Dichter Weihrauch wabert über die voll besetzten Bankreihen. Viele haben keinen Sitzplatz gefunden und stehen in den Gängen. Gesänge des Priesters und der Vorsänger erfüllen das Kirchenschiff.

"Die Gemeinde ist ein Treffpunkt der Griechen", flüstert Katerina Crisoula, die seit vielen Jahren in ihrer Freizeit Besucher durch die Basilika führt. "Deshalb auch dieser Baustil der byzantinischen Basilika mit der hohen Kuppel: Beim Betreten sieht man die griechische Fahne. Sie soll vor allem die Älteren an die Heimat erinnern."

Schon ab halb neun herrscht in der Kirche "Mariä Verkündung" reges Kommen und Gehen: Die älteren Gemeindemitglieder finden sich ein bisschen früher ein, die Jüngeren etwas später. Man sieht sich und kennt sich.

Eingangsbereich der Basilika Maria Verkündigung in Esslingen - Copyright: S. A. Hiller, 2013

Zwei Altäre säumen den Durchgang zur Basilika

"Die Kirche ist ein sehr wichtiger Punkt in unserem Leben", sagt Katerina Crisoula. Seit fast 50 Jahren besteht die griechisch-orthodoxe Gemeinde in Esslingen. Heute zählt sie rund 5000 Mitglieder. Anfangs fanden die Gottesdienste in verschiedenen Räumen und an verschiedenen Orten statt. 1974 zog die Gemeinde dann in eine Baracke in der Nähe der jetzigen Kirche.

"Damals, bis Mitte der 1980er Jahre, hatten wir zwar einen festen Platz, aber immer wieder wechselnde Priester", erzählt Katerina Crisoula. "Das Gemeindeleben begann erst richtig 1986, als unser Priester Michael Neonakis in die Kirchengemeinde kam. Er pflegte von Anfang an die griechische Kultur und prägte das Gemeindeleben und den Zusammenhalt ungemein. Auf seine Initiative hin entstand der Plan zum Bau der Basilika. Schon ein Jahr nach seiner Ankunft hier sagte er: 'Wir brauchen eine neue Kirche!'" Und so wurde die Basilika im Jahre 1995 eingeweiht.

Spenden und Kerzen

Das Gotteshaus ist mit Hilfe von Spenden errichtet worden, vom Rohbau bis zu den kunstvollen Wandmalereien in den drei Seitenschiffen der Basilika. Dabei haben die Gläubigen selbst die hier abgebildeten Heiligen ausgesucht: Auf einer Liste konnten die Gemeindemitglieder auswählen, wer dargestellt werden soll. Mit der künstlerischen Umsetzung wurden dann griechische Maler beauftragt. So wurde der Innenraum nach und nach prachtvoll verziert.

Der Metropolit Augustinus liest die Lithurgie. Copyright: Griechisch-Orthodoxe Kirche Maria Verkündigung Esslingen, 2013

Metropolit Augustinus liest die Liturgie

Schlicht gehalten ist hingegen der Gemeindesaal unterhalb der Basilika. Hier befindet sich auch die Kerzenwerkstatt. "Wir bezahlen ja keine Kirchensteuer", sagt Katerina Crisoula. "Alles ist mit freiwilligen Spenden der Gläubigen finanziert, ein großer Teil eben auch durch die Herstellung unserer Kerzen. Wir verkaufen und versenden sie in ganz Deutschland." Die Kerzen werden aus Bienenwachs gedreht. "Sie rauchen dann nicht so stark", erklärt die Griechin. In der Werkstatt werden Kerzen in unterschiedlichen Größen hergestellt - und in zwei Farben: Gelbe Kerzen werden während des gesamten Kirchenjahres verwendet, weiße kommen an hohen Feiertagen zum Einsatz.

Beim großen Fest kommt man sich näher

Kerzenverkauf Kirche Maria Verkündigung, Esslingen Copyright: S. A. Hiller, 2013

Kerzen "made in Esslingen" gehen an griechische Gemeinden in ganz Deutschland

Zum Beispiel zu Ostern - neben Weihnachten das größte Fest im orthodoxen Kirchenjahr. 40 Tage vor Ostern beginnt die Fastenzeit, in der Milch- und Fleischprodukte gemieden werden. "Das ist aber freiwillig", betont Katerina Crisoula." In vielen Familien der Gemeinde werden die Bräuche noch hoch gehalten. Einer zum Beispiel ist rot gefärbte Eier als Zeichen für das Blut Jesu zu essen und ebenfalls ist der Hefezopf eine althergebrachte Speise."

Während der gesamten Karwoche finden in der Kirche täglich Gottesdienste statt, an Gründonnerstag, dem Donnerstag vor Ostern, ist die Kirche die ganze Nacht über geöffnet.

Die Feste bringen nicht nur die Gemeindemitglieder zusammen - sie sind auch offen für andere Esslinger Bürger. "Viele Esslinger kommen zum Beispiel zu unserer Prozession am 6. Januar", sagt Katerina Crisoula. "Wir feiern dann die Taufe Jesu Christi mit einem großen Gottesdienst und anschließender Prozession zum Neckar." Danach geht Michael Neonakis traditionell in alle griechischen Häuser in der Gemeinde. Das kann dann schon mal drei, vier Wochen dauern.

Metropolit Augustinus Copyright: Griechisch-Orthodoxe Kirche Maria Verkündigung Esslingen, 2013

Vom Thronstuhl herab segnet Metropolit Augustinus das Brot

Blätter der Dankbarkeit

Nach der dreistündigen Sonntagsliturgie hält Katerina Crisoula beim Hinausgehen an einem Marienaltar an, der über und über mit rechteckigen silberfarbenen Papieren behängt ist. Es sind sogenannte Dankbarkeitsblättchen. Sie tragen verschiedene Motive: mal eine Hand, mal einen Fuß oder ein Haus. Leise sagt Katerina Crisoula: "Wir beten zur Mutter Gottes und bitten sie, wenn wir sie brauchen. Wenn das Gebet erhört wurde, kaufen wir ein Blättchen und hängen es hier auf. Es ist ein Dankeschön an Gott. Und mit den Blättchen wird die Dankbarkeit für alle sichtbar."

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