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Deutschland

Kioske kämpfen um ihre Existenz

Zigaretten, Alkohol, Zeitungen und auch Süßigkeiten und Eis für die Kinder: Kioske sind in deutschen Städten eine Institution. Aber viele Kioskbetreiber brauchen neue Ideen, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen.

Frühmorgens in einem Kiosk am Bonner Hauptbahnhof. Die Verkäuferin erkennt ihren Kunden von weitem, greift zur roten Zigarettenschachtel und reicht sie ihm mit einem Lächeln. Der Mann grinst, zahlt, bedankt sich und geht wieder. Solche Szenen wiederholen sich an diesem Morgen noch viele Male. Kiosk-Besitzerin Shirin Mazandanani scheint voll in ihrem Element. Die Deutsch-Iranerin scherzt mit ihren Kunden, kümmert sich um deren Belange und weiß genau, wem sie wie begegnen muss. Ein Traumjob, der sie erfüllt? "Um Gottes Willen, nein!", ruft sie.

Kioske in Deutschland (Foto: DW/C. Ignatzi)

Shirin Mazandanani bedient einen Kunden in ihrem Bonner Kiosk

Shirin Mazandanani, 52 Jahre alt, ist gelernte Krankenschwester. Spaß macht ihr die Arbeit im Kiosk "gar nicht", wie sie betont. Den Job macht sie, um sich und ihre Kinder über Wasser zu halten. Mehr werfe so ein Kiosk heutzutage auch gar nicht mehr ab. "Es geht gerade so", sagt sie. "Dabei konnte man vor ein paar Jahren noch gut davon leben." Gründe dafür, warum es nicht mehr so läuft wie es sollte, gebe es einige.

Probleme summieren sich

Da wäre zum Beispiel die Wirtschaftskrise vor einigen Jahren: "Danach haben wir alle die Kurve nicht mehr so wirklich bekommen." Außerdem, sagt Mazandanani, würden die Kosten steigen: "Unsere Gewinnmargen wurden im Laufe der Jahre immer schlechter, die Miete immer teurer." Auch die Konkurrenzsituation sei enorm, vor allem in Bahnhöfen. "Wir haben allein im Bonner Hauptbahnhof auf wenigen Metern vier Kioske", sagt Mazandanani. Das Verhältnis untereinander sei nicht das Beste. Die Betreiber müssen sich im Wettbewerb gegeneinander durchsetzen.

Schließlich kam zu den Problemen, die die Büdchenbesitzer ohnehin schon hatten, die zunehmende Lockerung des Ladenschlussgesetzes hinzu. Seit 2006 sind auch viele Supermärkte in Deutschland lange geöffnet, auch noch spätabends und am Wochenende. Der Kiosk ist schon lange nicht mehr die letzte Anlaufstelle für Späteinkäufe.

Zeitungskiosk im Bonner Regierungsviertel (Foto: picture alliance/dpa)

Platz für einen Kiosk ist in der kleinsten Hütte - mal mitten im Wohngebiet, mal im Grüngürtel

Kein Grund zur Panik

Trotz dieser offenbar schwierigen Aussichten für Kleinhändler warnt Sabine Möller vor einer Panikmache. Die Professorin des Lekkerland Stiftungslehrstuhls für Convenience und Marketing hat 2011 eine Studie über Kioske herausgebracht. "Wir schätzen, dass es rund 38.000 Kioske in Deutschland gibt", sagt sie im Interview mit der DW. In zehn Städten lief sie gemeinsam mit einer Kulturwirtin die Kioske ab, um sich zu erkundigen, wie es läuft. Das Ergebnis: "Zwar gibt es Läden, die keine Profite abwerfen, aber die Meinung der meisten ist: Wenn ein Kiosk schließt, macht der nächste auch wieder auf."

Das Problem, das die Verkäufer aber hätten, sei das klassische Büdchen-Sortiment: "Es wird immer weniger geraucht, Printmedien stehen unter wirtschaftlichem Druck und Süßwaren sind auch keine Ware mit steigendem Absatz", sagt Möller. Dennoch gehören Zigaretten nach wie vor zu einem Kiosk, ist sich die Bonner Betreiberin Mazandanani sicher: "Etwa 60 Prozent der verkauften Waren sind Zigaretten." Doch der einst lukrative Gewinnbringer sei nicht mehr das, was er einst war. Die Steuern seien deutlich gestiegen. Wo Gewinne von zwölf Prozent erzielt wurden, sei es heute nur noch die Hälfte. "Ich will gar nicht wissen, wie ein Kioskbetreiber lebt, der seinen Laden irgendwo in einer Ecke hat, wo ihn kaum jemand findet", sagt Mazandanani.

Shirin Mazandananis Kiosk im Bonner Hauptbahnhof (Foto: DW/C. Ignatzi)

Shirin Mazandananis Kiosk im Bonner Hauptbahnhof

Ein fester Kundenstamm hilft

Sie hat den Vorteil, am Hauptbahnhof einen Kundenstamm zu haben, der dort jeden Tag vorbeikommt. Vor allem die Kundenbindung ist es nämlich, die viele dazu bewegt, lieber beim Kiosk vorbeizuschauen als im billigen Discounter, der Anonymität bedeutet.

Ein älterer Mann betritt den Kiosk am Bonner Hauptbahnhof. Shirin Mazandanani sieht ihn und ruft ihm entgegen: "Wie viele?" - "Sechs!", antwortet der Mann. "Na, da kaufen wir wohl fürs Wochenende ein, was?" Der Mann nimmt seine Zigaretten und schmunzelt. "Ich komme gerne hierher, weil ich in der Nähe wohne und hier eine sehr nette Verkäuferin arbeitet." Die beiden lächeln sich an wie ein altes Ehepaar. Auch zwei ältere Frauen, die sich Zeitungen besorgt haben, gehören zu den Stammkunden. Warum sie nicht zum Discounter gehen? "Weil man hier schneller etwas findet als in einem großen Supermarkt", sagt eine. Trotz der Konkurrenz durch große Supermärkte bleiben Kioske also beliebt.

Kiosk in Fliegenpilzform in Regensburg (Foto: picture alliance/dpa)

Wer bestehen will, muss individuell sein: ein Regensburger Kiosk in Fliegenpilzform

Neue Wege gehen

Professorin Sabine Möller glaubt, dass Ladenbesitzer mit ein paar Kniffen dafür sorgen können, dass ihr Geschäftszweig auch in Zukunft besteht: "Es gibt zwei Trends. Zum einen wird das Sortiment der Kioske immer unbeliebter, zum anderen wollen die Kunden aber auch gar nicht mehr den Großeinkauf am Samstagvormittag machen, sondern nutzen lieber wieder die Nahversorgung. Das ist eine große Chance für die Kioskbetreiber." Wer sein Sortiment so aufstelle, dass er ein Alleinstellungsmerkmal hat, werde am Markt bestehen.

Das klappt etwa in Hannover bei vielen Kiosken, erzählt Arne Vorderwülbecke vom Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie an der Universität Hannover. In einer Studie hat er untersucht, ob es ein Kiosksterben in der niedersächsischen Stadt gibt: "Teilweise ist das so, aber nur fünf Prozent gaben an, ihren Laden in den nächsten drei Jahren schließen zu wollen", sagt er. Viele gingen stattdessen neue Wege: "Bei uns gibt es Kioske, die Frischetheken haben, 150 unterschiedliche Biersorten im Sortiment oder andere Alleinstellungsmerkmale."

Frische Lebensmittel bietet auch Shirin Mazandarani an - im Gegensatz zu vielen anderen Kiosken in Bonn. Trotzdem ist die Konkurrenz im Bahnhof groß. Aufgeben will die Deutsch-Iranerin aber nicht - trotz all der Probleme, die sie in ihrer täglichen Arbeit hat. Mindestens noch zehn Jahre will sie weitermachen, sagt sie, "bis mein Sohn mit dem Studium fertig ist".

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