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Politik

Kinshasas arme Bevölkerung hat andere Sorgen als die Wahlen

Für viele Menschen im Kongo sind die Wahlen am 30. Juli und die Politik ganz weit weg - für sie geht es ums Überleben, und das wird auch nach der Wahl so sein. Stimmen aus der Hauptstadt Kinshasa.

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Kartoffeltransport in Kinshasa

Lingwala ist einer der ältesten Stadtteile von Kinshasa und heute ein Elendsviertel. Es liegt genau auf einer Achse zwischen dem Golfplatz im Botschaftsviertel Gombe und dem Parlamentsgebäude, dem "Palais du Peuple". Aber schon lange hat sich hier kein Politiker mehr hergetraut. Die Straßen waren einmal sauber, es gab sogar Bürgersteige und Straßenlaternen.

Davon ist nicht mehr viel zu sehen. Unverputzte Steinhäuser reihen sich an bunte Blechhütten und Holzverschläge. Der Müll steht kniehoch in den Gassen, kleine stinkende Seen von Abwässern zwingen die Menschen zu Umwegen. Den Wahlplakaten für den amtierenden Staatspräsidenten Joseph Kabila schenken sie kaum Beachtung.

"Für uns Behinderte ist es schwer"

Im völlig überfüllten Zentrum für Waisenkinder und Behinderte sitzt Emmanuel Naouté in seinem selbstgebauten Rollstuhl, den er über eine umgebaute Fahrradpedale per Hand bedient. Seit der 51-Jährige wegen Polio und einem Schlaganfall nicht mehr seinem Beruf nachgehen kann, kümmert er sich so gut es geht um die Verwaltung des Zentrums: "Für uns Behinderte ist es schwer. Der Staat kümmert sich nicht um uns. Ich habe studiert und war einmal Lehrer. Nach meiner Behinderung musste ich aufhören zu arbeiten." Naouté habe sich immer wieder beworben, wurde aber bis zum heutigen Tag immer wieder aufs Neue vertröstet. "Wir wollen trotz allem, dass diese Wahlen stattfinden. Dann können wir einen guten Präsidenten wählen, der unser Land in eine bessere Zukunft führt, der sich nicht nur um die Geschäftsleute kümmert, sondern wirklich um uns", sagt er.

"Keine Volksvertreter, die den Namen verdienen"

Auch Jean Basila von der deutsch-kongolesischen Nicht-Regierungsorganisation "Brücke der Humanität" hofft auf die Wahlen am 30. Juli, der ersten demokratischen Abstimmung in der Demokratischen Republik Kongo seit 45 Jahren. Die Zustände sind schwer zu ertragen: "Die Straßen sind komplett zerstört, der Müll liegt herum und das Schmutzwasser hier stinkt zum Himmel. Das ist übrig geblieben von der Infrastruktur. Auf der sozialen Seite wirkt sich das noch schlimmer aus, weil die Menschen nicht bezahlt werden. Die Funktionäre nicht, das Militär nicht, die Polizei nicht - wie sollen diese Menschen in solch einer Umgebung ihre Familien ernähren?"

Deshalb seien auch viele Kinder obdachlos, die Eltern schicken sie weg, weil sie nicht mehr für sie sorgen können. "Das sind furchtbare Zustände. Und gleichzeitig sehen wir einen Wahlprozess, der zwar läuft, aber aus dem keine Volksvertreter hervorgehen werden, die den Namen verdienen", sagt Basila.

Korrupte und egoistische Führung

Tatsächlich kann sich kein Kongolese an wirklich integre Politiker erinnern. Nach der Unabhängigkeit von Belgien hat im Kongo unter Marshall Mobutu nicht etwa die Demokratie Einzug gehalten. Sein Nachfolger Laurent Kabila war keineswegs der Mann, den das Land nötig hatte, wie man hier noch auf vielen verrosteten Schildern lesen kann. In den Augen vieler gilt das auch für seinen Sohn, Präsident Joseph Kabila. Die gesamte politische Kultur des Landes versinkt bis heute in einem System aus Korruption und Egoismus.

In Mbudi, zehn Kilometer außerhalb von Kinshasa, am Unterlauf des Flusses Kongo, ist es nicht anders. Hier arbeiten unzählige Menschen auf den riesigen Felsen, die gerade freigelegt sind, weil der Fluss weniger Wasser führt. Mit bloßen Händen, Hammer und Meißel bearbeiten sie die Steine so lange, bis sie das Geröll als Kies verkaufen können - der wird dann im Häuserbau verwendet.

Mavola Monongo schwingt seinen schweren Hammer. Seit zwei Tagen schon bearbeitet er mit stetigem Schlagen auf einen riesigen Meißel den Felsen, auf dem er steht. Morgen soll ein Lastwagen kommen, hat man ihm gesagt, dann kann er 50 Dollar verdienen - davon leben er und seine fünfköpfige Familie vielleicht einen Monat.

"Stehlen gehen kann ich nicht"

"Es fehlt den Politikern doch einfach an Geldmitteln, und Arbeit haben sie auch keine für uns. Manchmal können wir zu Hause nichts essen, aber stehlen gehen kann ich nicht - ich bin Ende 50 und Familienvater. Das kann ich nicht machen, dann verliert meine Familie die einzige Einkommensquelle", sagt Monongo.

Wählen geht Mavola Monongo nicht - er ist nicht registriert. Und selbst wenn er es wäre - wie fast alle Menschen hier auf den Felsen oder im Elendsviertel Lingwala hat auch er einfach kein Vertrauen mehr in die Führer dieses Landes - auch nicht in diejenigen, die am 30. Juli gewählt werden wollen: "Für mich sind es nicht die Politiker, die uns helfen können. Hilfe können wir nur von Gott erwarten."

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