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Europa

Kinomobilny: deutsch-polnische Kurzfilmtour

Seit 2007 gibt es zwischen Oder und Neiße keine Grenzkontrollen mehr. Doch Deutsche und Polen wissen auch heute noch wenig voneinander. Ein nomadisches Filmprojekt will dies ändern – in der Tradition eines Wanderkinos.

Logo Kinomobilny auf einem Wohnwagen (Foto: DW/ Nadja Bülow)

Wanderkino im Zick-Zack-Kurs

Boxberg bei Bautzen wirkt wie ausgestorben. Etwas orientierungslos läuft Julia Schneeweiss mit zwei Mitstreiterinnen durch das Dorf. Begegnet ihnen doch zufällig ein Boxberger, drücken sie ihm mit einladenden Worten einen Flyer in die Hand, der in hellblauer Schrift das heutige Freiluftkino ankündigt.

Julia wirkt etwas nervös. Werden die Dorfbewohner heute Abend kommen? Seit sechs Jahren organisiert die 30-Jährige mit dem selbst gegründeten Verein "Moviemiento" europaweit Kurzfilmtouren. Doch die Filmvorführungen auf dem Land sind für sie eine Premiere: "Wir wollten dieses Mal ganz bewusst nicht in die großen Städte fahren, sondern ganz in Tradition des Wanderkinos die Filme dorthin bringen, wo die Menschen nur wenig kulturelles Angebot haben."

Ein Wohnwagen wird zum Kinomobil

Während Julia noch in letzter Minute versucht, die Boxberger für den Filmabend zu begeistern, dekoriert der Rest des rund 20-köpfigen deutsch-polnischen Kinoteams mit Lichterketten, Liegestühle und Lampen das Amphitheater am Dorfrand. Direkt vor dem Eingang steht das Kinomobil – ein weiß-blauer Wohnwagen, umgebaut zu einer Kino-Popcorn-Bar.

Film auf Leinwand im Freiluftkino (Foto: DW/ Nadja Bülow)

Sommerkino nach Sonnenuntergang

Pünktlich zum Sonnenuntergang erscheinen rund 20 Boxberger im Amphitheater. Der große Ansturm ist ausgeblieben, doch das kleine Grüppchen zeigt sich sehr interessiert an den sieben polnischen und deutschen Kurzfilmen. Diese erzählen von Klischees und Stereotypen, zeigen aber auch eine neue, erfrischende Sicht auf das jeweilige Nachbarland: Ein Hase, der seine große Liebe an der Berliner Mauer sucht, polnische Hooligans und der Wahnsinn deutscher Bürokratie. Alle Filme laufen in der jeweiligen Originalfassung und sind entweder deutsch oder polnisch untertitelt. Finanziert wird das Kinoprojekt unter anderem aus EU-Mitteln und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Die Organisatoren reisen mit dem Fahrrad

Am nächsten Tag sind der Beamer, die Lampen und die Dekoration gepackt und das Wanderkino wieder auf Tour. Doch in dem voll gestauten Kinomobil können nur vier Leute mitfahren, der Rest des Kinoteams tritt in die Pedale. Der Fahrradweg führt vorbei an einem riesigen Braunkohle-Tagebau, durch Naturschutzgebiete und verschlafene Dörfer. Nach 25 Kilometern erreicht das Kinoteam die Neiße.

Das Kinomobilny-Team steht mit Fahrrädern nebeneinander (Foto: DW/ Nadja Bülow)

Das Team des Projekts Kinomobilny

Die kleine Brücke ist schnell überquert. Der erste Grenzübertritt der "Kinomobilny"-Tour, fünf weitere werden noch folgen. Denn das Kinoteam fährt die Grenzregion im Zick-Zack-Kurs ab und wird abwechselnd in insgesamt acht deutschen und polnischen Dörfern ihr Freiluftkino aufbauen.

Während der Berliner Verein "Moviemiento" für die deutsche Seite zuständig ist, organisiert das "Kulturkollektiv" der Universität in Danzig die Tour in den polnischen Dörfern. Tomasz Dziemianczuk ist von Anfang an bei der Tour dabei. Für den Danziger ist die Grenzregion Neuland. Er wundert sich darüber, dass es so wenig Austausch zwischen Deutschen und Polen gibt: "Obwohl die Grenze offen ist, bleiben die Menschen in ihren Dörfern, gehen kaum auf die andere Seite und sprechen nur selten die andere Sprache. Ich finde das wirklich merkwürdig, ich meine, heute ist es so einfach auf die andere Seite der Grenze zu gehen, aber die Leute kennen sich gar nicht."

Junges Publikum in Polen

Das Kinomobilny-Team fährt mit Fahrrädern auf einer Landstraße und stoppt vor einem Bahnübergang (Foto: DW/ Nadja Bülow)

Der Weg ist das Ziel beim Wanderkino

In Zary – dem ersten Stopp des Kinomobils in Polen – hat sich das Publikum im Vergleich zu Boxberg verdoppelt. Etwa 40 Besucher sind zur Filmvorführung gekommen, davon auffallend viele junge Leute. Sie zeigen sich überrascht, dass endlich einmal auch in ihre kleine Stadt ein kulturelles Projekt gekommen ist. Die 21-jährige Maja findet es wichtig, dass vor allem die polnische Jugend mehr über Deutschland erfährt: "Wir leben mit so vielen Vorurteilen und Stereotypen und es ist so schwer diese zu überwinden. Deswegen sind solche Projekte wirklich wichtig."

Packen – Auspacken – und wieder Packen. Kaum ist das Publikum gegangen, baut das Kinoteam das Freiluftkino wieder ab. Die Organisatoren wirken zufrieden, aber auch etwas erschöpft, schließlich haben sie bereits eine 50 Kilometer lange Fahrradtour hinter sich. Und schon morgen steht ein neuer Grenzübertritt bevor – für das nächste Freiluftkino auf deutscher Seite.


Autor: Nadine Wojcik
Redaktion: Nicole Scherschun

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