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Kultur

Kino zum Lesen: Geschichten für Hollywood

Unzählige Filmschaffende verließen in den Jahren nach 1933 Deutschland. Die meisten verschlug es nach Hollywood. Viele versuchten sich als Autoren. Nur wenige konnten dauerhaft Fuß fassen.

Am 10. Mai 1933 brannten die Bücher in Deutschland. An vielen Orten auch schon vorher. Mit den öffentlichen Bücherverbrennungen setzen die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtergreifung ein deutliches Zeichen. Missliebige Texte und Schriften wurden Opfer der Flammen. Schriftsteller und Publizisten, Drehbuchautoren und Dichter wurden zum Schweigen verurteilt. Viele verließen daraufhin das Land - wenn sie nicht schon vorher ins Exil gegangen waren. Zunächst wurden die westeuropäischen Länder zur Anlaufstation. Doch auch in Frankreich, Belgien und Holland wurde die Lage schnell brenzlig. Die meisten versuchten nach Amerika zu gelangen. Hollywood lockte vor allem Regisseure und Drehbuchautoren hofften auf Arbeit.

Bücherverbrennung im Dritten Reich (Foto: picture alliance Georg Goebel)

Bücherverbrennung im Dritten Reich

In Hollywood war der Filmagent Paul Kohner erster Ansprechpartner der Filmemigranten aus Deutschland. Kohner war bereits Jahre zuvor in die USA ausgewandert und hatte sich dort als Vermittler zwischen Produzenten und den kreativen Kräften des Kinos einen Namen gemacht. Kohners Nachlass wird in Deutschland von der "Stiftung Deutsche Kinemathek" betreut. Aus diesem stammen auch die Texte, die jetzt erstmals veröffentlicht wurden. Der Band "In der Ferne das Glück - Geschichten für Hollywood" versammelt 25 Manuskripte von Filmschaffenden, die diese im Exil verfasst haben. Darunter sind so prominente Namen wie Heinrich und Klaus Mann, Joseph Roth und Vicki Baum.

Texte schreiben um zu überleben...

Die Texte sind bisher nie veröffentlicht worden, erzählt Wolfgang Jacobsen von der "Stiftung Deutsche Kinemathek" und Herausgeber des Bandes im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Das war kein literarischer Anspruch. Die wollten Geld verdienen." Abgedruckt sind zum Teil nur wenige Seiten umfassende Drehbuchentwürfe: "Es sind Ideenskizzen vorhanden, es sind Exposees, es gibt auch weiter ausgearbeitete Entwürfe, die bis hin zu einem Drehbuch tendieren. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie nicht realisierst worden sind, dass sie auch nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren. Es sind keine ausgefertigten literarischen Erzeugnisse, sondern eine Art Vorstufe zur Literatur, die hätte Film werden sollen."

Heinrich Mann und seine Frau Nelly in Hoboken 1940 (Foto: AP Photo)

Heinrich Mann und seine Frau Nelly kurz nach ihrer Ankuft in den USA 1940

Und doch: Viele der Texte liest man mit großem Gewinn. Bei manchen entstehen sofort Filmbilder im Kopf. Vicki Baum, die mit ihrem später auch verfilmten Roman "Menschen im Hotel" berühmt wurde, schreibt vom Traum einfacher Menschen, die zu Geld und Glück kommen. Die Entwürfe erscheinen wie Blaupausen für die in den '30er und '40er Jahren so beliebten Screwball-Comedys aus Hollywood. Fritz Kornter, in Deutschland eine Theaterlegende, schreibt die irrwitzig-absurde Geschichte von "Hitlers Frauen". Den Film hätte man gern gesehen!

Visionäre Manuskripte

Der Text "The United States of Europe" von Klaus Mann ist eine kühne Vision eines künftigen Nachkriegseuropas, das noch heute bestürzende Aktualität hat. Und Joseph Roths Text "Kinder des Bösen" zeichnet eine über mehrere Jahrzehnte dauernde melodramatische Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Weltkriege in Europa nach, bei der man sich wundert, warum daraus kein Film wurde.

"Die Themen und Motive sind ganz unterschiedlicher Art", erzählt Jacobsen. Es gebe Texte, die ganz eindeutig europäisch geprägt waren, aber auch Stoffe, die über das hinausgingen und nicht den Assimilationsgedanken enthalten. "Es gab Autoren, die sich der Lebenswirklichkeit ihrer neuen Heimat zu nähern versuchen, in der sie gerade angekommen und plötzlich mit einer fremden Sprache konfrontiert sind." Es habe aber auch Autoren gegeben, die auf gerade in Hollywood akute und populäre Genres eingegangen sind, zum Beispiel den Anti-Nazi-Film.

Eine Sozialgeschichte des Exils

Jacobsen bewertet den Nachlass des Filmagenten Paul Kohner als "Glücksfall einer Überlieferung, die uns nicht nur einen Einblick in die Situation von bestimmten Autoren, Schauspielern und Regisseuren gewährt." Der Nachlass gebe auch einen Einblick über die Umstände ihrer Entstehung, das sei auch "ein Stück Sozialgeschichte des Exils". So beglückend es ist, die Texte der prominenten Autoren nun erstmals zu lesen, so bestürzend ist einmal mehr der Gedanke, welch großen Aderlass das deutsche Kino in den frühen 1930er Jahren zu verkraften hatte.

"In der Ferne das Glück - Geschichten für Hollywood", herausgegeben von Wolfgang Jacobsen und Heike Klapdor, ist im Aufbau Verlag erschienen (ISDN 978 3 351 03527 3).

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