1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

"Kino Jenin" eröffnet mit deutscher Hilfe

Viele Jahre hat man Kinos im Westjordanland vergeblich gesucht. Während der ersten Intifada wurde das größte Filmtheater in Jenin geschlossen. Mit deutscher Unterstützung wird jetzt ein neues Kino eröffnet.

Außenansicht des Kino Jenin im Westjordanland (Foto: DW)

Das "Cinema Jenin" im Westjordanland

Bis zur letzten Minute wird im großen Kinosaal in Jenin gearbeitet. Noch ist nicht alles fertig, aber das bringt hier niemanden aus der Ruhe - palästinensische Gelassenheit eben. Vor zwei Jahren hatte ein palästinensisch-internationales Team begonnen, das alte Kino in Jenin wieder auf Vordermann zu bringen. Der deutsche Filmregisseur Markus Vetter, einer der Initiatoren des Projekts, kann das nahende Ende der Renovierungsarbeiten noch gar nicht fassen: "Meine Gefühle sind schwer zu beschreiben. Früher hat man sich immer gewünscht, dass das Projekt zu Ende kommt, dass das Kino eröffnet. Und jetzt wird man realisieren, dass man es geschafft hat."

Geschlossen nach der ersten Intifada

Marcus Vetter mit einem der palästinensischen Helfer (Foto: Irris Makler)

Markus Vetter hat viele junge Freiwillige für das Projekt gewinnen können

Sein palästinensischer Mitstreiter, Projektleiter Fakhri Hamad, ist ebenso erschöpft, aber guter Dinge. 300 Gästen soll der Kinosaal Platz bieten, das Open-Air Kino zeigt den Eröffnungsfilm "Ein Herz aus Jenin". Vor mehr als 20 Jahren war das Kino während der ersten Intifada geschlossen worden. Am Donnerstag (05.08.2010) will man einen Neuanfang starten. Mit dem "Cinema Jenin" sei eine eigene kleine Welt erschaffen worden, so der Palästinenser: "Es ist ein Platz geworden um Kindern, Jugendlichen und den Familien in Jenin zu ermöglichen, Filme zu sehen und die Welt des Kinos zu entdecken."

Das Projekt "Cinema Jenin" begann vor zwei Jahren – nach den Dreharbeiten zum Film "Ein Herz aus Jenin" von Markus Vetter. Der Film erzählt die Geschichte des Palästinensers Ismael Khatib, dessen Sohn beim Spielen von israelischen Soldaten erschossen wurde. Der Vater entschied sich, die Organe seines toten Sohnes an israelische Kinder zu spenden. Monatelang war der deutsche Regisseur für die Dreharbeiten in der Stadt unterwegs, und entdeckte dabei das verlassene Kino. So entstand die ehrgeizige Idee für die zunächst Unterstützung gesucht werden musste.

Ehrenamtliche Helfer

Ismael Khatib bei einem treffen mit der israelischen Familien, dessen Kind er gerettet hat (Foto: boxfish films)

Ismael Khatib bei einem Treffen mit der israelischen Familien, dessen Kind er gerettet hat

Heute ist die Liste der Sponsoren lang, das Auswärtige Amt in Berlin steckte die größte Finanzhilfe in das Projekt. Mit dabei ist auch die palästinensische Autonomiebehörde. Doch ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer aus dem In- und Ausland wäre die Renovierung wohl nicht möglich gewesen. Die junge Palästinenserin Muna ist seit sieben Monaten dabei und hat ihre Freizeit in das Kino investiert. Neben einer Theatergruppe, dem Freedom Theater, gibt es kaum Kultureinrichtungen in Jenin, erzählt sie: "Ich denke es ist das beste Projekt hier bei uns. Es wird jede Menge Türen öffnen für viele Menschen, vor allem für junge Leute wie mich. Einen eigenen Ort zu haben, an dem man eine gute Zeit verbringen kann, neue Dinge sieht und sich auch mit anderen Kulturen austauschen kann. Das ist wichtig."

Im doch eher konservativen Jenin ist die bunte Truppe aus ausländischen und palästinensischen Freiwilligen ein ungewohntes Bild. Aber bislang habe daran keiner Anstoß genommen, heisst es unter den Freiwilligen. Vor allem viele junge Deutsche hat es ins Westjordanland gezogen. So auch Maik aus Reutlingen. Der 23-jährige hat erst vor kurzem seinen Wehrdienst abgeleistet und ist dann gleich nach Jenin abgereist. Er ist von dem Erfolg des Projekts begeistert: "Das Projekt ist der Wahnsinn. Man lernt einen Haufen Leute kennen und kann viele Erfahrungen sammeln. Ich meine, wer baut schon ein Kino?"

Mit Vorurteilen aufräumen

Filmplakat: Das Herz von Jenin (Foto: Arsenal)

Mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet: "Das Herz von Jenin"

Dass junge Deutsche wie Maik wochen- oder gar monatelang ihre Zeit in der Stadt verbringen, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Jenin galt vor allem unter Israelis als eine Hochburg palästinensischen Terrors. Der israelisch-palästinensische Konflikt traf die kleine Stadt im Norden des Westjordanlands mit rund 35.000 Einwohnern besonders hart. Inzwischen geht es wieder aufwärts. Und ein Projekt wie das "Cinema Jenin" soll helfen, das Image der Stadt zu verändern. Dem Initiator Markus Vetter war es wichtig, ein professionelles Lichtspielhaus zu bauen. Er wolle mit den Vorteilen, die vor allem im Ausland über Jenin vorherrschen, aufzuräumen: "Wir wollen nicht vorschreiben, wie diese Stadt ist. Aber jeder, der hierher kommt, fühlt mit all seinen Sinnen, dass Jenin eine sehr warmherzige Stadt ist. Und das das, was man gehört hat, so nicht stimmt."

So soll das Kino auch mehr sein, als ein Vorführraum: Eine Begegnungsstätte und ein Ort des Austauschs sollen entstehen. Ob auch mit Israelis, das wird hier noch heftig diskutiert. Jetzt erstmal sind die Macher stolz darauf, eines der modernsten Kinos in der Region geschaffen zu haben – und weiteres soll folgen: Als nächstes ist ein Untertitelungsstudio und eine Filmschule geplant.

Autorin: Tania Krämer

Redaktion: Stephanie Gebert

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema