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Kultur

Kinnerets zweites Leben nach dem Terror

Kinneret, eine junge Frau aus Tel Aviv, arbeitete in einem Coffee-Shop, als sich ein Selbstmordattentäter vor ihr in die Luft sprengte. Sie überlebte und macht jetzt auf das Schicksal von Terroropfern aufmerksam.

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Terrorüberlebende Kinneret am Strand von Tel Aviv

"Kinneret, kannst du heute Abend für einen Kollegen einspringen?" Dieses Telefonat war das Schicksal, denkt Kinneret heute, wenn sie versucht, sich an den 30. März 2002 zu erinnern. Der Freund, mit dem sie damals im "My Coffee Shop" im Zentrum von Tel Aviv arbeitete, wurde für einen Einsatz nach Ramallah eingezogen. Es war eine der blutigsten Zeiten der zweiten Intifada und der junge Mann hatte Angst um sein Leben. Doch an jenem Abend hätte sie, Kinneret, fast ihr Leben verloren, der Junge kam unverletzt aus Ramallah zurück.

"Ich stand in einem Feuerball"

KKinneret vor dem Anschlag

Kinneret vor dem Anschlag

"Meine Erinnerung erlischt irgendwann am Abend davor", sagt Kinneret, die ein überwältigendes Lächeln hat. Der Anruf von ihrem Chef sei mit das letzte gewesen, woran sie sich noch erinnern könne. Was an dem Abend selbst geschah, konnte sie nur mit Hilfe der Aussagen von Augenzeugen rekonstruieren.

Kinneret stand hinter dem Tresen des "My Coffee Shop", als ein 23-jähriger zu ihr kam und einen Kaffee bestellte. Manche sagen, sie habe ihm den Kaffee noch gebracht, andere sagen, er habe es sofort getan. Er zündete eine Bombe. Der Tresen fing Feuer, die Alkoholika, deren Flaschen bei der Explosion zerbarsten, tränkten den Boden und das Mädchen. Kinneret ging in einem Feuerball auf.

Dutzende von Operationen

Fast ein halbes Jahr kämpfte Kinneret um ihr Leben. Sie lag im Koma, 70 Prozent ihrer Haut waren verbrannt. Sie verlor ihr rechtes Auge und die Finger der linken Hand. Nachdem sie wieder erwachte, folgten Operationen, um das einst schöne Mädchen wieder herzustellen. Wie viele? "Ich weiß es nicht", sagt Kinneret, aber ja, es waren Dutzende. Heute sitzt sie auf einem Sofa, in einem gelben Stretchanzug, den sie ständig tragen muss. Ihr Gesicht lässt ihre einstige Schönheit erahnen, die Narben an ihren Wangen fallen bei ihrem strahlenden Lächeln kaum auf. Die Augenbrauen sind ein Permanent-Make up, ihre eigenen sind verbrannt und wachsen nicht mehr nach. Der gelbe Stretchanzug hält ihre Haut zusammen. Als die Ärzte ihr zum ersten Mal erlaubten, den Anzug abzulegen, brach Kinneret zusammen. "Ich konnte nicht", sagt sie, "Das ist doch meine Haut!"

Kinneret nach dem Anschlag

Kinneret in New York. Hier füllt sie Säle mit jungen Menschen

Kinneret hat das Feuer überlebt. Doch mindestens genauso schwierig sei es, mit dem Leben danach fertig zu werden, sagt sie. "Wachsen" ist das häufigste Wort, das sie dann benutzt. "Mit dem Leben hadern bringt nichts. Irgendwann ist man an dem Punkt, an dem man das alles sein lassen muss, ansonsten kann man nicht daran wachsen. Und das muss jeder. Denn nichts ist stärker als das Leben."

Menschen berühren

Eines half Kinneret, ihrem Dasein in einem entstellten Körper, ihrem Leben mit der Behinderung einen neuen Sinn zu geben: Sie begann, über das Erlebte zu reden, vor Schulklassen, mit Politikern und mit Menschen im Ausland. In den USA füllt sie Säle mit jungen Menschen, und berührt sie mit ihrer Stärke, über das Geschehene zu lachen, aber für die Opfer zu werben. "Ich gehe heute selten aus. Ich mag das nicht. Aber nicht weil ich denke, es könnte mit noch einmal passieren. Nein, ich hatte meine Chance", sagt Kinneret und legt ihr überwältigendes Lachen auf. "Nein, es ist, weil die Leute mich dann anstarren, und das belästigt mich. Sie sehen etwas, was sie nicht sehen wollen. Für sie ist mein Gesicht die Realität, die jeden Tag in Israel vorgeht. Und das ertragen sie nicht."

Wachrütteln, das will Kinneret. In Israel gebe es keine Organisation, die den Überlebenden von Terroranschlägen längerfristig helfe, klagt sie. Mehr als 10.000 Terror-Überlebende sind es seit 1998, die zumeist mit ihrer Situation alleine gelassen würden. Das zu ändern ist ihr Ziel - und dafür drehte sie einen Film: 'Kinneret lives', Kinneret lebt ist in Israel zu sehen und bald auch in Europa. Der Film ist eine Anklage an den Terror in der Heimat Kinnerets, aber auch ein großes "Ja" zum Leben mit den Wunden.

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  • Datum 27.10.2005
  • Autorin/Autor Constantin Schreiber
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7Iat
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