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Europa

Kindesmissbrauch: Polen will die chemische Kastration einführen

Die polnische Regierung will schärfer gegen Kindesmissbrauch und Inzest vorgehen. Ein Gesetzentwurf, der zurzeit diskutiert wird, sieht mehr Therapie, aber auch chemische Kastration für verurteilte Kinderschänder vor.

Puppe im Wald

Gegen Kindesmissbrauch sollen härtere Gesetze helfen

Ein schockierender Inzest-Fall hatte den Stein ins Rollen gebracht. Eine inzwischen erwachsene Frau ging in Polen zur Polizei und erzählte, dass sie sechs Jahre lang von ihrem Vater vergewaltigt wurde und zwei Söhne von ihm bekommen hat.

Sofort forderten polnische Politiker härtere Vorgehensweise gegenüber Pädophilen. Der Regierungschef, Donald Tusk, brachte binnen weniger Wochen einen Gesetzesentwurf auf den Weg und kündigte die so genannte chemische Kastration an. Danach sollen verurteilte Pädophile eine Haftstrafe verbüßen und sich anschließend einer Zwangstherapie unterziehen. "Die Therapie würde eine psychiatrische und eine medikamentöse Behandlung beinhalten", erklärt der stellvertretende Justizminister Zbigniew Wrona. "Erst wenn Gutachter eine Therapie für erfolgreich erklären würden, dürfte der Patient die geschlossene Anstalt verlassen und die Therapie ambulant fortsetzen."

Wann ist Therapie erfolgreich?

Donald Tusk (Quelle: AP)

Der polnische Regierungschef Donald Tusk setzt auf "chemische Kastration" bei Kindesmissbrauch

Ab wann allerdings von "Erfolg" gesprochen würde, will in Polen niemand konkretisieren. Sicher ist nur, dass verurteilte Sexualstraftäter unterschiedlich dosierte Hormonpräparate zur Reduktion des Sexualtriebes verabreicht bekämen. Dabei ist das Risiko eines dauerhaften Schadens jedoch groß. Und genau das stört auch manche Verfassungsrechtler. Die geplante Änderung sei mit der polnischen Verfassung nicht vereinbar, sagt der Warschauer Anwalt, Marek Chmaj. Er argumentiert, eine Zwangskastration verletze die Menschenwürde: "Solche Ideen stoßen auf ein breites gesellschaftliches Echo. Aber Artikel 40 unserer Verfassung verbietet körperliche Strafen und die chemische Kastration wäre eine solche."

Doch für manche Politiker wie Premierminister Tusk zählt vor allem die Tatsache, dass härtere Gesetze einen breiten Zuspruch in der Gesellschaft finden. Laut Umfragen sind rund 80 Prozent der Polen für eine "chemische Kastration". Allerdings wird betont, dass der Staat sich verstärkt auch für die Prävention einsetzen solle.

Prävention statt Kastration

Auch Experten beklagen, dass es derzeit an präventiven Maßnahmen fehle, vor allem an Therapie-Infrastruktur. Gerichtsmediziner und Sexualwissenschaftler sprechen sich deshalb für das neue Gesetz aus, da es pädophilen Männern mehr Therapiemöglichkeiten geben würde. "Wenn ein Pädophiler in meine Praxis kommt und mich um Hilfe bittet, muss er sowohl die psychologische als auch eine medikamentöse Behandlung selbst bezahlen" sagt der führende polnische Sexualwissenschaftler Lew Starowicz. "Das gilt auch für ehemalige Verbrecher, die oft arbeitslos sind oder wenig Geld haben. Der Staat finanziert derzeit kaum eine Therapie in dieser Richtung."

Das neue Gesetz könnte das ändern, meinen Experten. Denn es sieht nicht nur chemische Kastration vor, sondern auch den Aufbau einer zentralen Datenbank und neue Therapiezentren. "Derzeit gibt es in den meisten polnischen Städten gar keine Stellen, wo Pädophile gezielt behandelt werden könnten", sagt Starowicz. Die Statistik macht es sichtbar: Landesweit gibt es derzeit in Polen gerade mal 15 Mediziner mit dem Schwerpunkt Pädophilie. Dabei hat Polen damit nicht weniger Probleme als andere europäische Länder: 1800 Verbrechen dieser Art wurden 2007 registriert.

Anbahnung im Internet

Sollte das Gesetz kommen, würde diese Zahl wahrscheinlich steigen: Denn geplant ist auch ein neuer Straftatbestand. "Wer das Internet für sexuelle Kontakte mit Minderjährigen nutzt, müsste dann mit bis zu 3 Jahren Haftstrafe rechnen", kündigt der stellvertretende Justizminister Zbigniew Wrona an. Sollte das Gesetz in derzeitiger Form verabschiedet werden, dürfte die Polizei auch gezielte Provokationen von Pädophilen im Internet durchführen, sagt der Sprecher der polnischen Polizei, Marcin Szyndler. Auf diese Weise könnten Männer überführt werden, die im Netz auf der Suche nach sexuellen Kontakten nach unter 15-Jährigen suchen. Sie müssten in Zukunft nicht nur mit einer Gefängnisstrafe rechnen, sondern auch mit einer hormonellen Therapie als Zwangsmaßnahme.

Über das Gesetz soll in den kommenden Wochen im polnischen Parlament abgestimmt werden. Wenn das gelingt, würde das Gesetz schon Anfang 2009 eingeführt werden. Der politische Druck ist groß.

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