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Politik & Gesellschaft

Kinderurlaub vom Strahlenalltag

500.000 Kinder in Weißrussland leben noch heute auf dem durch Tschernobyl verstrahlten Gebiet. Viele von ihnen verbringen ihre Ferien in Deutschland – mithilfe deutscher Vereine.

Ilja ist 10 Jahre alt, lebt in Weißrussland, war als Tschernobyl-Kind im Sommer 2010 in Wipperführt.; Dezember 2010 Putki (Weißrussland); Copyright: DW/Olga Kapustina

Ilja ist 10 Jahre alt und war als Ferienkind in Deutschland

Wie jedes Jahr, wollen die Mitglieder des "Fördervereins Tschernobyl-Kinder in Petuchowka" auch in diesem Sommer 13 Kinder aus Weißrussland für einen Monat nach Wipperfürth einladen. Für die Reise benötigen sie mindestens 4000 Euro. Das Geld bringen die Vereinsmitglieder selbst auf – zum Beispiel indem sie geräucherte Forellen auf dem Weihnachtsmarkt oder Kuchen auf einem Stadtfest verkaufen.

Sinkendes Interesse

Doch die Finanzierung ist nicht das größte Problem des kleinen Vereins, den es seit 15 Jahren gibt. "Die Kinder wohnen in Deutschland bei einer Gastfamilie. Von Jahr zu Jahr wird es immer schwieriger, Gasteltern zu finden", sagt der Vorsitzende des Vereins, Georg Rickert. Die ursprünglichen Vereinsmitglieder werden immer älter und steigen aus. Neue Gastfamilien zu gewinnen sei schwer, denn die jüngere Generation der Deutschen habe keinen direkten Bezug zur Tschernobyl-Katastrophe.

Georg Rickert, Vorsitzender des Fördervereins Tschernobyl Kinder in Petuchowka; 26.11.2010 Wipperfürth; DW/Olga Kapustina

Georg Rickert engagiert sich seit Jahren für Tschernobylkinder

Oft spielen auch Vorurteile eine Rolle, sagt Rickert. So fragen einige Menschen zum Beispiel, ob man eigene Kleidung mit den Sachen von den Kindern zusammen waschen kann. Trotz der Schwierigkeiten will Georg Rickert nicht aufgeben. Ständig ist er auf der Suche nach neuen Gasteltern, organisiert die Sommerreise und versucht gleichzeitig Geld für Geschenke aufzutreiben. Von Beruf ist er eigentlich Informatiker. Sein Engagement für die Tschernobyl-Kinder wurde zu seiner Berufung.

Urlaub von der Strahlenbelastung

In Deutschland gibt es mehrere hundert Initiativen, die sich für die Tschernobyl-Kinder engagieren. Sie schicken humanitäre Hilfe, medizinische Geräte oder laden die Kinder ein, einen Sommer in Deutschland zu verbringen. 100.000 Kinder und Jugendliche aus Weißrussland waren seit der Tschernobyl-Katastrophe in der Bundesrepublik. Deutschland ist auf Platz zwei nach Italien, was die Zahl der Einladungen angeht.

Dabei war das deutsche Engagement für die Tschernobyl-Kinder am Anfang ein "Seiteneffekt", sagt die Historikerin und Politologin Melanie Arndt. "Ab dem Jahr 1988, im Zuge der Perestroika, als die Sowjetunion sich öffnete, kamen die ersten Deutschen nach Weißrussland", erzählt Arndt. Die christlichen Organisationen wollten sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen: Weißrussland war besonders stark vom deutschen National-Sozialismus betroffen. "Die deutschen Reisenden haben die Situation in den Kinderheimen zum Beispiel gesehen und dachten sich, man müsste da was tun", sagt Arndt.

Ferien auf dem Bauernhof

Zurück in Wipperfürth im Bergischen Land. Hier lebt Familie Habbel auf einem Bauernhof. Mutter Simone Habbel wurde vor 14 Jahren auf dem Schützenfest gefragt, ob sie ein Tschernobyl-Kind aufnehmen will. "Ich habe dann gefragt, ob die Kinder krank sind. Als ich gehört habe, dass sie nicht an akuten Krankheiten leiden, war das für mich ok", erinnert sich Simone Habbel heute. Im Haus hängen inzwischen sieben Fotos von den Kindern aus Weißrussland – jedes Kind darf zwei Mal nach Wipperfürth kommen.

Emblem des Fördervereins Tschernobyl Kinder in Petuchowka; 26.11.2010 Wipperfürth; Copyright: Olga Kapustina

Emblem des Fördervereins

Über die Aufnahme eines neuen Kindes entscheidet die ganze Familie. "Ohne die Unterstützung der eigenen Kinder würde das nicht gehen", sagt Simone. Inzwischen ist die jüngste Tochter Jana für die Betreuung des weißrussischen Gastes zuständig. Die 11-Jährige freut sich, wenn ein Kind aus Weißrussland im Sommer kommt. Letztes Jahr war der 10-jährige Ilja Lewschunow da. "Er konnte alles verstehen. Mit ihm konnte man prima spielen. Er erzählte mir, wie es in seiner Schule ist. Also ich fand das jetzt so, als wäre das mein eigener Bruder", erzählt Jana.

Im verstrahlten weißrussischen Dorf

Rund 2000 Kilometer von Wipperfürth entfernt, im weißrussischen Dorf Putki erinnert sich Ilja an seine Ferien in Deutschland. Er blättert in einem Fotoalbum, das er aus Wipperfürth mitgebracht hat. Auf den Bildern sieht man Ilja und seine Gastfamilie im Zoo oder bei einem Picknick. Was hat Ilja an seinen deutschen Ferien am meisten gefallen? "Im Vergnügungspark spielen und auf dem Trecker fahren", sagt er.

Iljas Mutter sagt, dass er noch wochenlang nach seiner Rückkehr aus Deutschland von seinen Ferien dort schwärmte. Und jetzt kann er es kaum erwarten, bis er im Sommer zum zweiten Mal nach Wipperfürth fährt. Seine Mutter kann das gut nachvollziehen – schließlich war sie als Kind selbst dank der ausländischen Tschernobyl-Initiativen in Kanada und Frankreich.

Autorin: Olga Kapustina
Redaktion: Helle Jeppesen