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Musik

Kinderoper: Wagners "Ring" für die Kleinen

Die Nixen im Rhein fahren Rollschuh und Drachenblut schmeckt nach Ketchup. Bei den Bayreuther Festspielen hat man Wagners Ring kindgerecht umgesetzt und liegt damit voll im Trend: Kinderoper hat Zukunft.

Frosch Grafik DER RING DES NIBELUNGEN - für Kinder (Foto: Bayreuther Festspiele) Quelle: http://www.bayreuther-festspiele.de/deutsch/spielplan/wagner_fuer_kinder_456.html

Statt Alt-Revoluzzer Frank Castorf als neuen Ring-Regisseur zu berufen, solle man doch einfach den "Kinder-Ring" von Maximilian von Mayenburg auf die große Bühne des Bayreuther Festspielhauses bringen, frotzelte man in diesen Tagen in der Wagnerstadt. Erst kürzlich feierte der Kinder-Ring auf einer Probebühne in Bayreuth Premiere, und kleines und großes Publikum zeigten sich gleichermaßen begeistert. Die Stärke der geistreichen und kurzweiligen Produktion besteht darin, dass sie die Zuschauer nicht auf den Arm, sondern bei der Hand nimmt und unbeirrt an das große Wagner-Epos heranführt. Geht das? Der Ring (16 Stunden Originalpartitur) in anderthalb Stunden? Ja. Und wie das geht!

Rheintöchter auf Rollschuhen

Da kommen die Nixen schon mal mit den Rollschuhen angefahren, das Rheingold wird durch eine dem Orchester abgetrotzte Trompete symbolisiert, Wotan kann das Kleingedruckte im Vertrag mit den Riesen nicht erkennen ("Wer liest schon Verträge!"), und Drachenblut, stellt Jung-Siegfried fest, schmeckt nach Ketchup. Der Held hat gerade wacker gekämpft und schmiedet jetzt sein Schwert auf einem alten Küchenherd, der mit einer Geige angeheizt wurde.

Bei all der gelungenen Unterhaltung verlieren Maximilian von Mayenburg und sein Dirigent Hartmut Keil, der die Kinder-Fassung des Rings anfertigte, nicht den Wagnerschen roten Faden und erzählen konsequent und fesselnd die Geschichte des Rings: eine Geschichte von Liebe und Verrat, vom Aufstieg und Fall der Helden.

Szenenbild der Kinderoper 'Der Ring des Nibelungen' (Foto: dpa)

Kinder schauen beim Ring nicht nur zu, sondern sind auch als Akteure willkommen

"Regel Nummer eins ist, dass man nicht denkt: Kinder verstehen eh nichts", betont Regisseur Maximilian von Mayenburg. "Wichtig ist einfach, dass man sich kurz und klar fasst." Bei der Bearbeitung hat er heikle Stellen keinesfalls ausgespart: "Siegfried stirbt am Schluss; es gibt Liebe, und daraus entsteht ein Kind. Das sind Teile des Lebens, die eine wichtige Rolle spielen, das wissen auch Kinder."

Übrigens hat die Wagner-Welt viel mehr Ähnlichkeiten mit den bekannten Märchen, als man vielleicht denkt: Die Verwandlung von Alberich in einen Lindwurm und eine Kröte findet ihre Entsprechung im "Gestiefelten Kater" der Brüder Grimm. Und die Frau, die im Feuer schläft, könnte Dornröschen sein. Solche Aspekte seien sehr gut für Kinder geeignet, meint der Regisseur.

Wagner für die Wagnerianer von morgen

Katharina Wagner in einer Berliner Schulklasse (Foto: dpa)

Katharina Wagner stellt das Projekt Kinderoper einer Schulklasse vor

Der Kinder-Ring wird von dem gleichen Sänger-Ensemble gesungen und gespielt, das am Abend davor oder danach auf der legendären Bühne nebenan in kleineren Rollen in den "Meistersingern" oder im "Lohengrin" zu hören ist. Sabine Hogrefe, die Brünnhilde des "Ringes" 2010, gab sich in der Kinderproduktion in der gleichen Rolle die Ehre. Norbert Ernst, in beiden Partien Siegmund und Siegfried, ist umgekehrt ein Kandidat für die Helden-Besetzung im "Ring" 2013. Die 29 Musiker des Brandenburgischen Staatsorchesters spielen markante Ring-Motive nur kurz an. Es reicht aber, um die kleinen Hörer in die märchenhafte Wagner-Welt zu versetzen.

Der "Kinder-Ring" ist eine Produktion des Projektes "Wagner für Kinder", das von Katharina Wagner persönlich vor drei Jahren ins Leben gerufen wurde. "Wenn Kinder die Musik einmal interessiert, gibt es ganz gute Chancen, dass sie sagen: Ich möchte mir auch mal was anderes angucken", ist die künstlerische Leiterin der Festspiele überzeugt.

Vom Schülerdrama zur Kinderoper

Schon im 17. Jahrhundert wurden an unterschiedlichen Klosterschulen Musikdramen mit den Schülern aufgeführt. Mozart komponierte "Apollo et Hyacinthus" als lehrreiches Jugendstück. Die Entwicklung der Pädagogik und die Vorstellung vom Kind als eigenständige Persönlichkeit führten Ende des 19. Jahrhunderts zur Entstehung des Genres Kinderoper. Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" verpasste dem neuen Genre einen Popularitätsschub, "Das Kind und der Zauberspuk" von Maurice Ravel (1925), "Der kleine Schornsteinfeger" von Benjamin Britten (1949) und Hans Werner Henzes "Pollicino" (1980) sind einige der bekanntesten Nachfolger.

Aufführung der Schneekönigin in der Opera piccola (Foto: Janine Albrecht)

Aufführung der Schneekönigin in der Opera piccola

1996 wurde in Köln die erste staatliche Kinderoper gegründet, die bis jetzt an der Spitze der Bewegung in Deutschland steht. Sie bietet Musiktheater für Kinder in höchster Qualität und erfreut sich großer Beliebtheit. Für viele Kölner Familien ist der Besuch der Kinderoper eine liebgewonnene Abwechslung zum Nachmittag im Kino oder im Zoo geworden.

Der große Erfolge zog schnell Nachahmer an. Mittlerweile gibt es auch in Dortmund ein "Opernhäuschen" für junge Hörer. Die Deutsche Oper und die Komische Oper in Berlin sowie die Bayerische Staatsoper in München lassen Produktionen für Kinder entstehen, und die "Opera piccola" der Hamburgischen Staatsoper feierte neulich ihr zehnjähriges Bestehen. Die meisten Projekte verbinden Musikproduktionen mit einer breit angelegten pädagogischen Arbeit, so gibt es in Hamburg ein ganzes Opernstudio, das kleine Sänger und Orchestermusiker ausbildet und in den Produktionen beschäftigt.

Oper versus Spielkonsole

Louwrens Langevoort (Foto: @picture-alliance/dpa)

Louwrens Langevoort

Kinderoper: eine Oper "von Kindern" - oder eine Oper "für Kinder"? "Unbedingt beides", meint Louwrens Langevoort, der als Intendant des Hamburger Opernhauses die "Opera piccola" ins Leben rief und auch jetzt, als Leiter der Kölner Philharmonie, Produktionen "von Kindern für Kinder" begrüßt. Dennoch können Kinderoper oder Kinderstudio eine Musikausbildung nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Es sei lediglich eine weitere Möglichkeit, die Kinder für klassische Musik zu begeistern, meint der Kulturmanager. Vor allem für "musikferne" Elternhäuser könne dieses zusätzliche Angebot eine Rolle spielen.

Auch Maximilian von Mayenburg sieht verschiedene Arten, um Kinder an die klassische Musik heranzuführen. Eine Kinderfassung der Oper sei eine Möglichkeit, sagt er, aber es schade auch nicht, Kinder in eine richtige Oper mitzunehmen. "Da gibt es so viel zu entdecken und zu erleben", findet er. Man weiß allerdings nie, ob und wann der berühmte Funke überspringt. Aber im Kampf um den opernbegeisterten Nachwuchs soll nichts unversucht bleiben. Nicht "Klein-Oper gegen Groß-Oper" lautet die Devise, sondern "Oper gegen Spielkonsole".

Autorin: Anastassia Boutsko
Redaktion: Suzanne Cords

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