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Rohstoffe

Kinderarbeit für Elektro-Autos?

Ob E-Autos, Laptops oder Smartphones: Kobalt steckt in fast allen Akkus. Hauptlieferant ist die Demokratische Republik Kongo, in deren Minen Verletzungen der Menschenrechte an der Tagesordnung sind.

Kasulu in der ehemaligen Katanga-Provinz in der Demokratischen Republik Kongo. Junge Männer klettern in ein tiefes dunkles Loch, ohne Helm, ohne Sicherheitsausrüstung, nur mit Taschenlampe und Werkzeug ausgerüstet. Unten verzweigt sich der ungesicherte Stollen in noch engere Gänge. Mit Meißel und Handhacken bauen die Männer Kobalt ab, legen die Steine in Säcke, die dann mit Seilen nach oben gezogen werden.

Die Szene hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International während einer Recherchereise in der ehemaligen Katanga-Provinz von den Minenarbeitern, den "Creuseurs", selbst aufnehmen lassen. Die Männer bauen in den ungesicherten Stollen Kobalt ab, um es bei Zwischenhändlern weiter zu verkaufen. Oben am Fluss stehen Frauen im Wasser, um das Gestein auszuwaschen, Kinder und junge Männer klauben mit der Hand kobalthaltige Steine heraus.

"Weder die Kinder noch die Erwachsenen, die wir dort trafen, hatten irgendeine Form von Schutzausrüstung", erzählt Lauren Armistead von Amnesty International. Sie hat im Mai 2015 für den Bericht "This is what we die for" ("Dafür sterben wir") zusammen mit ihrem Kollegen Mark Dummett  und einem Mitarbeiter der afrikanischen NGO Afrewatch die Verhältnisse im Kleinbergbau für Kobalt in der DR Kongo recherchiert. Im Januar 2016 wurde der Bericht veröffentlicht und hat seitdem für Aufmerksamkeit gesorgt, nicht zuletzt weil Amnesty im Kleinbergbau, dem sogenannten artisanalen Bergbau, die weit verbreitete Kinderarbeit dokumentiert hat.

Tödliche Kinderarbeit

"Das jüngste Kind, das wir trafen, war erst sieben oder acht Jahre alt, als es in den Minen geschickt wurde." Das sei jedoch ein Einzelfall, betont Armistead im DW-Interview. "Die meisten Kinder waren Teenager, die hauptsächlich im Freien das Geröll der alten Industrieminen sortierten oder die Steine aus den Minen zerkleinerten."

Afrika Kongo Kobaltgewinnung (Getty Images/P. Pettersson)

Alle Formen von Kinderarbeit sind laut ILO-Konvention im Bergbau verboten.

Das Einatmen des giftigen Kobaltstaubs, der entsteht, wenn der Abraum nochmals zerkleinert wird, verursacht eine oft tödliche Lungenkrankheit. "Sowohl Kinder als auch Erwachsene klagten über Atemprobleme, Husten und Nebenhöhleninfektionen", so Armistead.  Auch die Säcke mit dem Kobaltgeröll seien viel zu schwer für Kinder, dazu kämen noch Arbeitstage von 10 bis 12 Stunden in der sengenden Sonne, in Kälte oder im Regen.

Ohne Kongo keine Akkus

Im sogenannten Kupfergürtel in der Demokratischen Republik Kongo, gibt es die weltweit größten Vorkommen von Kobalt, das als Nebenprodukt beim Kupfer- oder Zinnabbau gewonnen wird. Über die Hälfte der Weltproduktion an Kobalt kommt aus den Provinzen Haut-Katanga und Lualaba, Teile der ehemaligen Katanga-Provinz. Hier fängt die Weltreise des Kobalts an.

Aus den dunklen Stollen in Kasulu  geht es über oftmals betrügerische Zwischenhändler und korrupte kongolesische Regierungsbeamte zur Küste. Von dort wird es nach China verschifft und weiterverarbeitet. Schließlich wird das gereinigte Kobalt zu den Herstellern von Lithium-Ionen-Akkus geliefert. Die Nachfrage explodiert.

Kobaltpreise auf Rekordhoch

"Der Preis von Kobalt ist seit Anfang des Jahres um 100 Prozent gestiegen. Und der größte Nachfragetreiber ist eben die Elektromobilität", erzählt Siyamend Ingo Al Barazi, Geologe bei der Deutschen Rohstoffagentur, DERA. Die Rohstoffagentur beschäftigt sich vor allem mit Fragen zu Angebot und Nachfrage auf den globalen Rohstoffmärkten. Für Kobalt sieht Al Barazi weiterhin einen Boom auf dem Weltmarkt, auch wenn sich Experten uneins sind, ob der Bedarf bis 2025 von den jetzigen 100.000 Tonnen jährlich nun auf 180.000 Tonnen oder gar auf 300.000 Tonnen steigen wird.

"Wie man es dreht und wendet, in beiden Fällen gibt es eine erhebliche Nachfragesteigerung. Und da ist eben die Kernfrage im Moment, ob dieses Angebot auch gedeckt werden kann."

Deutschland Stress Arbeit Studie (picture-alliance/dpa/O. Berg)

In jedem Smartphone stecken zwischen fünf und zehn Gramm Kobalt, in einem Laptop zwischen 50 und 65 Gramm.

Die Nachfrage hängt auch von der technologischen Entwicklung neuer Batterien und Akkus ab, betont Michael Ritthoff, Projektleiter Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. "Die meisten Lithium-Ionen-Akkus enthalten im Moment Kobalt, aber es gibt Alternativen, die weiter entwickelt und zum Teil heute schon eingesetzt werden."

Tageslohn: Ein paar Dollar

Der Preis für eine Tonne Kobalt liegt zurzeit knapp unter 60.000 Dollar. Die Kinder, Frauen und Männer, die in Kasulu die Steine abbauen, zerkleinern und sortieren, verdienen am Tag zwischen ein und drei Dollar. Es gibt die industriellen Minen, wo internationale Unternehmen die Konzessionen für den Abbau erworben haben und ihn mit Hochtechnologie betreiben. Und dann gibt es den Kleinbergbau, der rund zehn Prozent der Weltproduktion liefert und wo Kinder, Frauen und Männer unter erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen das begehrte Kobalt aus dem Geröll klauben.

"Die Menschen dort haben keine alternative Existenzgrundlage", erzählt Lauren Armistead von Amnesty - und rät eindringlich von einem Boykott  ab. "Wenn die Unternehmen Kobalt aus der DR Kongo boykottieren würden, hätte das verheerende Folgen für diese Menschen, die noch weiter in die Armut rutschen würden."

Neue Aufmerksamkeit

Seit Veröffentlichung des Amnesty-Berichts scheint es vor Ort erste Anzeichen für Verbesserungen zu geben:

"Zum jetzigen Zeitpunkt ist es so, dass die kongolesische  Bergbaubehörden versuchen, eigens für den artisanalen Bergbau geschaffene Konzessionen an eingetragene Bergbau-Kooperativen zu vergeben", schildert der Geologe Sebastian Vetter von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe(BGR) die aktuelle Situation. Er ist seit einem Jahr in Kinshasa und berät mit seinen drei Kollegen vor Ort die staatlichen Behörden mit einem BGR-Projekt zur  verantwortungsvollen Rohstoffgewinnung.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat bereits für die vier Konfliktmineralien Gold, Tantal, Zinn und Wolfram ein Zertifizierungsverfahren entwickelt, das sogenannte "Certified-Trading-Chains" oder CTC-Verfahren, wo die Kleinproduktion zurück verfolgt werden kann.

"Die Nachverfolgbarkeit, also die Feststellung der Herkunft der Rohstoffe, ist ein Teil der Zertifizierung. Die Zertifizierung selber umfasst noch weitere Kriterien oder Standards, die auch Konfliktfreiheit, Arbeitssicherheit, die Abwesenheit von Kindern auf den Abbaubetrieben und eben auch soziale und urweltliche Standards beinhaltet", erzählt der BGR-Geologe im DW-Interview. Seiner Ansicht nach wäre es mit ein paar Anpassungen möglich, das CTC-Verfahren auch auf Kobalt anzuwenden.

Kobalt kein Konfliktmineral

Video ansehen 06:11

Die Gier nach Rohstoffen im Kongo

Doch bis heute ist sowohl im US-Gesetz, der sogenannte Dodd-Frank-Act, als auch in der neuen EU-Verordnung über Importe aus Konfliktregionen, lediglich von den vier "Konfliktmineralien" Gold, Tantal, Zinn und Wolfram die Rede.  Für diese vier Mineralien müssen Unternehmen, die in den USA börsennotiert sind, und EU-Unternehmen, die Konfliktmineralien importieren, die Herkunft der Rohstoffe und ihr Bestreben nach Einhaltung der unternehmerischen Sorgfaltsplicht ("due diligence") nachweisen. Wo der Dodd-Frank-Act in den USA sich lediglich auf der DR Kongo und die Nachbarländer beschränkt, sollen mit der EU-Verordnung weltweit Konflikt- und Hochrisiko-Zonen identifiziert werden. Eine verbindliche Liste solle, so Vetter, voraussichtlich 2017 veröffentlicht werden.

Für andere Rohstoffe als die vier Konfliktmineralien müssen Unternehmen keinen Nachweis über die verantwortungsvolle Herkunft und Gewinnung vorlegen - und tun es auch nicht. Firmen, die Laptops, Smartphones oder Autos herstellen, berufen sich meist auf die komplexen Lieferketten für die Akku- und Batteriekomponenten. Dabei bekennen sich viele  Hersteller auf ihren Homepages zur verantwortungsvollen Beschaffung und Achtung der Menschenrechte.

China Ladestationen für Elektroautos (picture-alliance/Photoshot/L. Xiaoguang)

Kein Elektroauto ohne Kobalt. China ist Großabnehmer und führend auf dem Weltmarkt.

"Die Antworten, die wir von den Unternehmen bekommen haben, zeigen, dass so lange es keine gesetzliche Vorgaben gibt, sie auch nichts unternehmen werden", so Lauren Armistead von Amnesty.

Über China in die Akkus

Bewegt hat sich dennoch manches. Der größte Aufkäufer von artisanal abgebautem Kobalt in der DR Kongo ist der chinesische Konzern Zhejiang Huayou Cobalt Co.Ltd. Der Konzern hat die Konzession vom staatlichen Bergbauunternehmen Gécamines gekauft, ein Unternehmen, der in einem Bericht der OrganisationGlobal Witness Korruption,  Vetternwirtschaft und Unterschlagung  bezichtigt wird.

Der Aufkauf vor Ort geschieht durch lokale Händler, die den Minenarbeitern das kobalthaltige Gestein abkaufen. Gewicht und Reinheit bestimmt den Preis - die Bergleute, die sich "creuseurs" nennen, haben jedoch kaum eine Möglichkeit zu kontrollieren, ob sie auch den richtigen Preis für ihr Gestein bekommen. Über die Tochtergesellschaft Congo Dongfang Mining geht das Kobalt dann weiter nach Huayou in China, wo es verhüttet und auf dem Weltmarkt als Kobalt weiterverkauft wird.

Erste Bemühungen um Menschenrechte

Laut Huayou Homepage arbeitet man seit dem Amnesty-Bericht über Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen an einer Verbesserung der Arbeitsverhältnisse im kongolesischen Kobaltabbau. Das Ziel, so das chinesische Unternehmen, sei es die OECD-Richtlinien über "due diligence", über verantwortungsvolle Sorgfalt in der Lieferkette, zu erfüllen.

Sebastian Vetter vom BGR bestätigt aus Kinshasa, dass der chinesische Konzern aktiv wird:

"Huayou bzw. dessen Tochter Congo Dongfang Mining, die hier lokal ansässig ist, bemühen sich schon um eine Verbesserung der Transparenz in ihrer Lieferkette und um ein besseres Management und Formalisierung der Minen, deren Abnehmer sie sind. Also es wird schon ein Verbesserungswille kommuniziert. Inwieweit das letzten Endes ausreicht, das kann ich derzeit nicht beurteilen."

In diesem Herbst will Amnesty einen Update-Bericht liefern und analysieren, was sich seit der Veröffentlichung des ersten Berichts im Januar 2016 geändert hat. Das Thema Kobalt und Menschenrechte bleibt auch in Zukunft aktuell.

 

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