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Wirtschaft

Kinder ohne Kindheit

Seit zehn Jahren gibt es eine Konvention zur Überwindung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit. Doch seither ist die Lage der Kinder nicht viel besser geworden, meint Karl Zawadzky in seinem Kommentar.

Themenbild Kommentar (Foto: DW)

Kinder schuften in Peru in Steinbrüchen, tauchen auf den Philippinen nach Schwämmen, gerben in Ägypten Leder und knüpfen in Pakistan Teppiche. Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf schätzen, dass weltweit - vor allem in Entwicklungsländern - 317 Millionen Kinder unter 15 Jahren arbeiten. Dabei sind sie hohen arbeitsbedingten Schädigungen ausgesetzt - als Folge unsicherer Arbeitsbedingungen, mangelnder Ausbildung und Erfahrung oder weil die Maschinen und Werkzeuge zumeist für Erwachsene eingerichtet sind. Es gibt aber noch andere Arten von Kinderarbeit, nämlich zwangsweise Bettelei, Prostitution und Straßenraub. Wie bei jeder Art der Kinderarbeit stehen auch hier Erwachsene im Hintergrund, organisieren und profitieren.

Karl Zawadzky (Foto: DW)

Karl Zawadzky

Kinderarbeit ist deswegen so skandalös, weil die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft nicht nur um den gerechten Lohn, sondern auch um ihre Kindheit betrogen werden. Sie arbeiten vorzeitig wie Erwachsene. Sie werden ausgebeutet und leben unter Bedingungen, die für ihre Gesundheit sowie für ihre körperliche und geistige Entwicklung schädlich sind. Kinder leben - von ihren Eltern getrennt - wie Leibeigene oder Sklaven an der Arbeitsstätte. Eine Aussicht auf eine bessere Zukunft haben sie nicht; vielmehr droht vielen der vorzeitige Tod.

Kinderarbeit als Ergebnis der wirtschaftlichen Krise

Doch mit Appellen ist dem Missstand nicht beizukommen. Vielmehr müssen die ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen erkannt und abgestellt werden. Denn Kinderarbeit ist nicht das Resultat von bösem Willen, sondern ein Ergebnis der wirtschaftlichen Krise von Entwicklungsländern sowie der Wettbewerbsverhältnisse zwischen diesen Ländern und den Industriestaaten.

Auf den Punkt gebracht: Die Ausbeutung von Kindern ist eine Begleiterscheinung der Armut. In fast allen Ländern der Welt ist diese Art von Arbeit verboten, doch dieser Bereich der illegalen Beschäftigung wird zur Senkung der Arbeitskosten sowie zur Aufrechterhaltung von Wettbewerbsvorteilen genutzt. So wichtig es ist, immer wieder auf diese schlimme Art der Ausbeutung hinzuweisen, so ist doch klar, dass der Kinderarbeit mit Patentrezepten, mit Erklärungen und Resolutionen nicht beizukommen ist. Beschlüsse gibt es genug, so zum Beispiel die vor zehn Jahren beschlossene Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation und die bereits vor 50 Jahren von der Vollversammlung der Vereinten Nationen angenommene "Erklärung der Rechte des Kindes".

Kinder gehören auf die Schul- und nicht an die Werkbank

In dieser Erklärung ist festgelegt, dass Kinder nicht vor Erreichen eines geeigneten Mindestalters zur Beschäftigung zugelassen oder gezwungen werden dürfen, dass sie keine Arbeit verrichten müssen, die ihrer Gesundheit, Bildung und weiteren Entwicklung schadet. Die Internationalen Arbeitsorganisation erlaubt für Kinder ab zwölf Jahren leichte Tätigkeiten; die Berufstätigkeit jüngerer Kinder ist ganz verboten. 170 Staaten haben die ILO-Konvention zur Überwindung schlimmster Formen der Kinderarbeit ratifiziert; an den skandalösen Verhältnissen hat das wenig geändert. Dabei ist klar, dass Kinderarbeit nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel wohlhabender Industriestaaten betrachtet werden kann, die diese Form der Ausbeutung seit vielen Jahrzehnten überwunden haben. Denn es gibt Entwicklungsländer, in denen ein 16-Jähriger als Erwachsener gilt, verheiratet ist und selbst Kinder hat.

In vielen Ländern der Dritten Welt gehört Massenarbeitslosigkeit zur Normalität; Arbeitslosenversicherung oder andere staatliche Unterstützung gibt es nicht. Unter diesen Umständen ist die Arbeit von Kindern für viele Familien eine wichtige Quelle zusätzlichen Einkommens, gelegentlich ist sie die einzige. Aber Kinderarbeit erhöht die Arbeitslosigkeit der Erwachsenen; sie vergrößert die Ungleichheit bei Einkommen und Wohlstand. Da Kinderarbeit ein Resultat der Armut ist, kann sie nicht isoliert behoben werden. Wie übrigens auch in der europäischen Wirtschaftsgeschichte wird sie erst dann auszumerzen sein, wenn eine breite wirtschaftliche und soziale Entwicklung sie überflüssig macht. Dabei ist völlig unstrittig, dass Investitionen in Bildung und Ausbildung mittel- und langfristig der Gesellschaft insgesamt den höchsten Gewinn bringen. Insofern gehören Kinder - auch abgesehen vom humanitären Aspekt - auf die Schulbank und nicht an die Werkbank.

Autor: Karl Zawadzky
Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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