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Filme

Kieslowskis Kino der moralischen Unruhe

Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski ist eine der zentralen Figuren der Berlinale-Reihe "Winder adé" über die filmischen Aufbrüche in Osteuropa. Seine Filme gibt es auch auf DVD. Tipps von Jochen Kürten:

Filmszene aus Ein kurzer Film über das Töten des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski

Ein kurzer Film über das Töten

Kieslowski kam vom Dokumentarfilm. Nach einem Studium an der renommierten Filmhochschule in Lodz setzte sich der 1941 geborene Kieslowski in zahlreichen Dokumentationen vor allem mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in seinem Heimatland auseinander. Sein frühes Credo - Verzicht auf eine 'Dramaturgie der Wirklichkeit' - deutete aber schon an, dass es ihm nicht um eine vordergründige Abbildung des sozialistischen Alltags ging. Doch die politischen Unruhen in Polen Ende der 1960er Jahre sorgten dafür, dass seine Filme mehr Realität abbildeten als die meisten Werke seiner staatstreuen Kollegen.

Psychologie des Individuums

1976 entstand Kieslowskis erster Kinofilm "Die Narbe", der schon vieles vorwegnahm, was seine folgenden Arbeiten prägen sollte.

Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski

Krzysztof Kieslowski

Aus einer scheinbar einfachen Geschichte machte Kieslowski vielschichtige filmische Kunstwerke mit gesellschaftlichen Bezügen und philosophischen Fragestellungen. Dabei wurden seine Filme auch formal immer anspruchsvoller und komplexer bis zur Rätselhaftigkeit. Sein Frühwerk, dass jetzt auf DVD vorliegt, erschließt gerade dem westlichen Zuschauer, der in den 1960er Jahren mit Regisseuren wie Truffaut und Bergman aufgewachsen ist, ein neues, ungemein spannendes und originelles filmisches Universum.

"Die Narbe" (1976)

Eine auf den ersten Blick klassisch anmutende Auseinandersetzung des osteuropäischen Kinos um sozialistische Ideale. Ein Fabrikdirektor bemüht sich um halbwegs menschliche Bedingungen am Arbeitsplatz. Das erzeugt Konflikte mit Vorgesetzten und bürokratischen Betonköpfen, stößt aber auch den Direktor selbst in eine Sinnkrise. Kieslowski urteilte später höchst kritisch über sein Kinodebüt: "'Die Narbe' ist ein klein wenig sozialistischer Realismus a rebours, sogar mit einigen sozialistisch-realistischen Rüschen." Doch schon in 'Die Narbe' rauhte Kieslowski die Handlungsoberfläche so auf, dass noch der Zuschauer von heute in die Abgründe des bis zur Verzweiflung agierenden Direktors blicken kann: ungeschminkte Realität statt sozialistischer Realismus.

"Der Filmamateur" (1979)

Kieslowskis erstes Meisterwerk: ein Arbeiter wird Vater und kauft sich eine 8-mm-Kamera um das Wachsen der Tochter aufzunehmen.

Cover der DVD Der Filmamateur und Der Zufall möglicherweise

"Der Filmamateur" und "Der Zufall möglicherweise" auf DVD

Doch schnell bannt er auch den Alltag an seiner Arbeitsstätte auf Film, zunächst offiziell beauftragt für eine Betriebsfeier, dann auf eigene Faust bei jeder Gelegenheit. Das stürzt ihn zunehmend in ein Dilemma. Seine Frau wird eifersüchtig auf die Kamera und die Filmerei des Mannes, dessen Vorgesetzte wiederum blicken kritisch auf die 'andere Wirklichkeit' der Aufnahmen. Eine kluge Meditation über gesellschaftliche Realitäten, private Lebenswirklichkeiten und zugleich ein nachdenklicher Film über das Medium selbst.

"Der Zufall möglicherweise" (1981)

Ein ungemein komplexer und dichter Film über die Frage, welche Rolle Zufall oder Schicksal im Leben eines Menschen spielen. Die Geschichte eines jungen Mannes wird gleich dreimal mit jeweils verschiedenen Handlungsabläufen erzählt. Einmal wird der jugendliche Held zum Spitzel für den polnischen Geheimdienst, ein anderes mal zum Dissidenten, im dritten Entwurf versucht er sich einer politischen Stellungnahme zu entziehen. Kieslowski: "Wir wissen niemals wirklich, wie unser Schicksal verläuft. Wir wissen nicht, was der Zufall für uns bereit hält. Schicksal im Sinne eines Ortes, einer sozialen Gruppe, einer professionellen Karriere; oder im Sinne der Arbeit, die wir tun. Im Reich der Gefühle haben wir viel mehr Freiheit. In der sozialen Sphäre werden wir weitgehend von der Wahrscheinlichkeit dirigiert"

"Ohne Ende" (1984)

Kieslowskis bis dahin düsterstes und pessimistischstes Werk, eine unmittelbare Reaktion auf die Verhängung des Kriegszustandes in Polen 1981 .

Filmszene aus dem Film Ohne Ende von 1984

Oktober 1980: Demonstrationen in Krakau

In der Haupthandlung verfolgen wir den Alltag einer Witwe eines ehemaligen Solidarnosc-Anwalts (der im Film als Geist auftaucht). Für die Frau gibt es am Ende nur einen Ausweg, den Freitod. Kieslowski über seine Grundfrage im Film: "Wie finde ich einen Weg, einen Mann zu zeigen, der ein reines Gewissen hat, aber in Polen 1985 dennoch nichts zu tun vermag. Das war das Problem, als wir den Film machten. Die Lösung war: Wir mussten ihn einfach nur tot zeigen, den so erklärt sich, warum der Mensch nicht in der Lage war, irgendwas bis zum äußersten Punkt zu treiben - er ist einfach nicht mehr da. Er ist tot. Menschen wie er, Menschen mit einem so reinen Gewissen und mit so reinen Händen haben einfach keine Chance mehr."

"Dekalog" (1989)

Die zehn biblischen Gebote werden bei Kieslowskis zehnteiligem Fernsehzyklus in die moderne polnische Gesellschaft verpflanzt: radikal und schonunglos, mit einer Härte, die einem den Atem raubt. Die Filme über das fünfte und sechste Gebot wurden auch in einer längeren Kinofassung gezeigt.

Cover der DVD Dekalog von 1989

10 mal Kieslowski auf DVD: Dekalog

"Ein kurzer Film über das Töten" machte Kieslowski auch im Westen bekannt, er bekam für das radikale humanistisch angelegte Plädoyer den erstmals vergebenen europäischen Filmpreis. Der Kritiker Wolfgang Brenner schrieb damals: "Kieslowski hat dem Zuschauer die Ehrfurcht vor dem Leben wieder eingetrieben: durch einen wahren Mord. (...) 'Ein kurzer Film über das Töten' erfüllt die edelste Aufgabe der Kunst: die rücksichtslose Korrektur unmenschlicher Irrwege der Vernunft."

Alle Filme sind beim Anbieter "absolut medien" erschienen, dort liegen auch zwei Dokumentationen über Kieslowski vor. "Der Filmamateur" und "Der Zufall möglicherweise" sind als Teil der "Go East"-Edition herausgekommen, die das osteuropäische Kino auf DVD vorstellt.

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