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Afrika

Khat-Kultur in Europa

Die Kaudroge Khat ist in Deutschland offiziell verboten, nun planen auch die Niederlande das Verbot. Das trifft vor allem junge Somalis, für die der Khat-Konsum zur Kultur gehört. Doch Schmuggler sorgen für Nachschub.

Die Blätter und Stiele der Kaudroge Khat (Foto: DW/N. Conrad)

Kaudroge Khat

Jeden Dienstag und Freitag versammeln sich Männer mit Plastiktüten auf einem Parkplatz in einem Vorort einer mittelgroßen deutschen Stadt. Der Platz ist genauso unauffällig wie der kleine weiße Transporter, auf den die Männer geduldig warten. Der Fahrer springt kurz aus dem Wagen, verteilt fünf Kartons und fährt dann schnell wieder davon – zurück in die Niederlande oder weiter, um auf anderen Parkplätzen Kartons zu verteilen. Wenn die Männer ihren Lieferanten anrufen, bestellen sie meist drei Flaschen Coca-Cola, erklärt einer, der sich als Ali vorstellt. Seinen echten Namen will er nicht nennen. Denn in den Kartons ist keine Cola, sondern die in Deutschland verbotene Kaudroge Khat. "Aber am Telefon benutzt du nie das Wort Khat", so Ali weiter. Cola ist nur ein Tarnname.

Zoll beschlagnahmte 2011 fast fünf Tonnen Khat

Khathändler auf einem Markt in Somalia (Foto: DW/Abdulkadir Foudy)

In Somalia wird Khat auf den Märkten verkauft.

Khat wird vor allem von Somaliern, Jemeniten, Äthiopiern und Kenianern konsumiert. In Ostafrika und im Jemen wird Khat traditionell mit Freunden zu Hause gekaut, oder am Arbeitsplatz mit Kollegen. In diesen Ländern wächst auch der Khatstrauch, dessen Blätter und Zweige beim Konsum gekaut werden. Die Wirkung wird als kreislaufanregend und psychisch stimulierend beschrieben. Kritiker sagen, dass der Khat-Konsum der Männer das Familieneinkommen schmälert und das Familienleben negativ beeinträchtigt.

Im vergangenen Jahr beschlagnahmte der deutsche Zoll 4,7 Tonnen Khat, das über die Niederlande geschmuggelt wurde. 2009 waren es noch 3,6 Tonnen. Zollbeamte gehen davon aus, dass die tatsächliche Schmuggelmenge bei etwa zehn Tonnen Khat lag, vielleicht sogar darüber.

Kauen als Kaffeeersatz

Dutzende Säcke mit der Kaudroge Khat liegen in einem von der Polizei sichergestellten Fahrzeug (Foto: DPA)

In diesem Auto wurde (im Februar) ein Däne mit 700 Kilogramm Khat in Hamburg erwischt.

Ali weiß, dass er etwas Illegales tut. Er hat gerade von seinem Dealer zwei kleine Bündel Khat gekauft. Vier Euro haben die dünnen, glänzend-braunen Stängel gekostet, die in Bananenblätter gewickelt und mit weißem Paketband zusammengebunden sind. Trotzdem fühlt sich Ali nicht wie ein Krimineller. Für ihn ist Khat Teil seiner Kultur - eine Verbindung zu seiner Heimat, die er vor 15 Jahren verlassen hat, um in Deutschland zu studieren. Alis Kindheitserinnerungen sind geprägt von seinem Vater und seinen Onkeln, die gemeinsam Khat gekaut haben. Stundenlang haben sie gekaut und geredet. Als Student hat er dann selbst angefangen, die Blätter zu kauen. Mit Khat war er wach und konzentriert genug, um sich nächtelang auf seine Examen vorzubereiten. "Das ist wie Kaffee", sagt er.

In Westeuropa ist diese traditionelle Kultur jedoch oft verloren gegangen, sagt David Anderson. Er lehrt afrikanische Politik an der Universität von Oxford. Die Suchtgefahr schätzt er sehr gering ein. Nur zehn Prozent aller Khat-Kauer konsumieren übermäßig viel oder sind abhängig, so Anderson. Die traditionelle Art Khat zu konsumieren – die Blätter werden über Stunden hinweg in die Wange gestopft und gekaut – verhindere die ernsthafte Abhängigkeit, bestätigt auch Paul Griffiths von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Abhängigkeit bei regelmäßigem Konsum sei zwar möglich, jedoch weniger wahrscheinlich als bei anderen gängigen Drogen wie Alkohol oder Tabak.

Verhindert Khat die Integration?

Eine Palette voll beladen mit Kartons, die mit Khat gefüllt sind (Foto: DPA)

Kartons mit Khat in Uithoorn, Niederlande

Die niederländische Regierung hält Khat jedoch für weniger harmlos. Anfang des Jahres hat die Regierung angekündigt, Khat auf die Liste illegaler Drogen zu setzen. Khat führe zu "sozialen Problemen", hieß es in der Begründung. Eine Sprecherin der Regierung betont, dass Khat vor allem somalische Migranten davon abhält, "sich in die niederländische Gemeinschaft zu integrieren." Die endgültige Entscheidung wird jedoch erst im September getroffen. 

David Anderson von der Universität von Oxford überzeugen diese Argumente wenig. "Viele Somalier in Europa haben in der Tat große Probleme bei der Integration oder Arbeitssuche", stimmt Anderson zu. "Das ist auch wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass viele vom Krieg traumatisiert sind." Aber Khat, sagt der Wissenschaftler nachdrücklich, sei nicht die Ursache dieser Probleme.

"Manche kauen tatsächlich jeden Tag, aber nur, weil sie sich langweilen", sagt Ali. Das Kauen, erklärt er, strukturiert die Leere, den arbeitlosen Alltag. Natürlich könnten sie Kaffee trinken. "Aber einen Kaffee hast du nach höchstens einer Stunde ausgetrunken."

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