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Asien

Khamenei: "Wer glaubt schon an meine religiöse Autorität?"

Ein Video aus dem Jahr 1989 sorgt derzeit für Wirbel im Iran. Es zeigt den Expertenrat, wie er Ayatollah Khamenei zum Obersten Religionsführer wählt. Doch Khamenei selbst hielt sich damals für völlig ungeeignet.

Bildergalerie Iran erste 10 Jahre Islamische Republik (Aftabnews.ir)

Bei seiner Wahl zum Nachfolger Khomeinis war Ali Khamenei erst 49 Jahre alt

Seit mehr als 28 Jahren steht Ayatollah Ali Khamenei an der Spitze des Iran. 28 Jahre, in denen das Land zahlreiche Proteste und Unruhen, Sanktionen und Misswirtschaft erlebt hat. Doch erst jetzt taucht ein Video in der Öffentlichkeit auf, das die näheren Umstände der Wahl aufzeigt - und damit für viele Debatten und Kontroversen im Land sorgt.

Das Video zeigt eine Sitzung des Expertenrates vom 4. Juni 1989. Nur einen Tag zuvor war Ruhollah Khomeini gestorben, der religiöse Führer der Islamischen Revolution 1978/79 und seitdem unangefochtener politischer und geistlicher Führer des islamischen Gottesstaates. Der Expertenrat stand unter Druck - das Amt des Obersten Rechtsgelehrten musste so schnell wie möglich neu besetzt werden. Und eigentlich war Ayatollah Montaseri für die Nachfolge auserkoren. Doch Montaseri war zweieinhalb Monate vor Khomeinis Tod in Ungnade gefallen, weil er Menschenrechtsverletzungen der iranischen Regierung öffentlich kritisiert hatte.

Video ansehen 01:56

Video von 1989 sorgt für Wirbel im Iran

Plötzlich steht der Iran ohne Nachfolger da. Überraschend einigt sich die eilig unter Ayatollah Hashemi Rafsandschani zusammengerufene Versammlung schon nach wenigen Stunden auf einen neuen Kandidaten; möglicherweise aber, so legt das jetzt aufgetauchte Video nahe,  unter Umgehung der Verfassung der Islamischen Republik und gegen dessen eigenen Willen.

Eine ganze Reihe von Teilnehmern der historischen Sitzung, vor allem aber Sitzungsleiter Rafsandschani, bestand darauf, dass als Nachfolger Khomeinis nur Ayatollah Khamenei in Frage käme - als Zwischenlösung für höchstens ein Jahr, bis in einem Referendum die iranische Verfassung neu geregelt werden sollte.

"Wer wird mich akzeptieren?"

Doch Khamenei selbst quittiert seine Berufung mit Kopfschütteln und einem ungläubigen Blick. Seine Rede danach strahlt völlige Unsicherheit aus: "Wer wird mich als Anführer akzeptieren? Wer von Euch glaubt an meine religiöse Autorität?" Khamenei selbst, das wird deutlich, hält sich offenkundig für ungeeignet für das Amt: "Man müsste Blut weinen für eine islamische Gesellschaft, die auch nur die Möglichkeit in Erwägung zieht, mich zu ihrem Anführer zu wählen." Doch Rafsandschani zeigt sich von den Bedenken des Auserkorenen völlig unbeeindruckt. Er beendet einfach die Debatte und lässt die Mitglieder abstimmen. Und die sprechen sich trotz allem für Khamenei aus.

Iran Demonstration für die Regierung in Teheran (Getty Images/AFP/A. Kenare)

Demonstration im Iran für die Regierung

Für den Staatsapparat taucht das Video zu einem durchaus ungünstigen Zeitpunkt auf. Experten sehen einen Zusammenhang mit einem unterschwelligen Machtkampf um Khameneis Nachfolge. Khamenei wird nachgesagt, dass er an einer schweren Krankheit leidet. Es gibt aber zurzeit keinen designierten Nachfolger. Viele Iraner sehen in diesem Video zudem einen letzten Beweis dafür, dass das iranische Regime auf Lügen und Täuschungen basiert und die eigenen religiösen und moralischen Maßstäbe missachtet. 

In der Veröffentlichung des Videos unmittelbar nach den landesweiten Unruhen im Iran Anfang Januar sieht der in Deutschland lebende, regimekritische iranische Kleriker Hassan Eshkevari zudem gesellschaftlichen Zündstoff. Ihm zufolge werde sich der Machtkampf zwischen Hardlinern und Reformern weiter zuspitzen, und die Proteste gegen das Regime ließen sich immer schwerer unterdrücken.

Audio und Video zum Thema