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Europa

KGB-Horror hinter einer Jugendstilfassade

Zum Kulturhauptstadtjahr 2014 wurde in Lettlands Hauptstadt Riga das "Eckhaus" eröffnet. Dort befand sich einst die Folterzentrale des sowjetischen KGB. Doch nun muss man um die Zukunft des Museums bangen.

Die ganze Besuchergruppe hat ein mulmiges Gefühl, als hinter ihr die große Eingangstür verriegelt wird. Museumsführerin Signe Irbe dreht den Schlüssel um. Jetzt sind die Besucher im Stura maja, dem Eckhaus, freiwillig zu "Gefangenen" geworden, anders als die über 40.000 Häftlinge, die hier vom sowjetischen Geheimdienst KGB eingesperrt, verhört, gefoltert und sogar erschossen wurden. "Ich freue mich, mit Ihnen nun über ein Thema reden zu können, das in meiner Heimat lange ein Tabu war: die Geschichte Lettlands unter sowjetischer Besatzung", sagt die Kunststudentin.

Das Gebäude, das ab 1912 zunächst als Wohn- und Geschäftshaus genutzt wurde, atmet noch die Atmosphäre aus der Zeit, als der KGB es zum Gefängnis machte. Doch bevor es richtig bedrückend wird, präsentiert Signe Irbe zunächst den reich dekorierten Eingangsbereich. Die Jugendstilornamentik unter Patina ist noch sehr gut erhalten. "Das haben die Häftlinge nie gesehen. Sie wurden meist gefesselt und geknebelt auf LKWs im Hinterhof eingeliefert", sagt sie. Dann habe für viele ein Martyrium begonnen, manchmal über Jahre.

Bedrückender Zellentrakt

Eine Zelle in der einstigen KGB-Zentrale in Riga (Foto: DW)

Eine Zelle in der einstigen KGB-Zentrale

Kurz nachdem die Sowjetunion im Sommer 1940 Lettland besetzt hatte, wurde das Eckhaus Sitz des KGB. Inhaftiert wurde dort, wer verdächtigt war, die kommunistische Ideologie abzulehnen. Wer sogenannter Konterrevolutionär war, definierte die Besatzungsmacht nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches. Wegen "konterrevolutionären Verbrechen" wurden in den ersten Jahren des stalinistischen Terrors vor allem Letten verfolgt, die gegen die sowjetische Besatzung waren und sich für die Unabhängigkeit und Freiheit ihres Landes einsetzten. Allein zwischen Januar und Juni 1941 wurden 186 Todesurteile vollstreckt. Bis 1991 wurde das Eckhaus als KGB-Zentrale genutzt. Dann kam die Unabhängigkeit Lettlands.

Die internationale Besuchergruppe wird weiter durch das Haus in den Zellentrakt geführt. 44 enge Zellen hatte die Folterzentrale, mit insgesamt 175 Pritschen. Die 24-jährige Signe Irbe geht voran. Sie weiß, dass diese Räume am stärksten den Schrecken und das Leid transportieren. Stumm schauen sich die Besucher die engen Räume an, in die fast kein Licht eindringt. Die Bedrückung nimmt noch zu, als sie erfahren, dass oft mehr als 40 Menschen in den Zellen eingepfercht waren. "Dort in der Ecke steht ein Blecheimer für die Notdurft aller Gefangenen. Oft wurde das Licht nicht ausgeschaltet, damit die Wachen auch nachts sehen konnten, was die Inhaftierten machen. Schlafen war fast unmöglich", so die Museumsführerin.

Ungewisse Zukunft

Ein Flur in der einstigen KGB-Zentrale in Riga (Foto: DW)

Zehntausende Besucher haben die Räume des Museums schon besichtigt

Wer von den KGB-Mitarbeitern für schuldig befunden wurde, verschwand für Jahre oder sogar Jahrzehnte in den Arbeitslagern Sibiriens. Fast in jeder lettischen Familie gibt es Angehörige, denen das wiederfahren ist. Signe Irbes Großvater will über diese Zeit bis heute nicht reden, obwohl sie ihm mehrfach erklärt hat, dass gerade sein Schicksal auch für sie Grund sei, Führungen im Eckhaus zu machen. "Er lächelt die Vergangenheit einfach weg, obwohl er sechs Jahre im Arbeitslager war", sagt Irbe leicht verbittert.

Geschichte nicht vergessen, Erinnerung wachhalten, das wollen die Macher des KGB-Museums, das in einem Jahr rund 90.000 Besucher anzog. Doch wie es mit ihm weitergeht wissen sie nicht. Das Architekturdenkmal "Eckhaus" ist in öffentlichem Besitz. Bis Ende 2016 ist die Finanzierung gesichert. Doch danach? Eigentlich wird schon lange ein privater Investor für das verfallene Gebäude gesucht. Das würde wohl das Aus für das Museum bedeuten.

Erinnerung wachhalten

Die meisten Besucher finden jedenfalls, es wäre falsch, diesen Ort aufzugeben. "Das hier ist doch Teil unserer Geschichte. Auch wenn es schwer zu ertragen ist. Ich finde es übrigens gut, dass hier daran erinnert wird, dass auch russischsprachige Letten Opfer der sowjetischen Unterdrückung wurden", sagt Ruta Vorpa, Studentin aus Riga. Auch der Italiener Matheo Ricci ist überzeugt, dass man die Erinnerung aufrechterhalten muss. Er ist schockiert, als er erfährt, was hinter der Jugendstilfassade geschah. "Ein echter Alptraum", sagt er.

Signe Irbe wünscht sich sehr, dass das Eckhaus Museum bleibt: "Wir brauchen Erinnerungskultur in Lettland. Deutschland hat doch auch seine Stasi-Museen. Wir haben nur diesen Ort, um uns an das Grauen der Vergangenheit zu erinnern. Und der Ort sollte bleiben."

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