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Kultur

"Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose"

Im Grundgesetz ist das Gleichbehandlungsgesetz verankert. Das sollte doch wohl auch für die Namensgebung gelten, meint man. Nach einer Studie der Uni Oldenburg sieht das aber anders aus.

Abgestempelt: Der Vorname kann über die Bildungschancen eines Kindes entscheiden. DW-Montage aus: Stempel auf einem Stempelkissen (Foto: Heiko Wolfraum/dpa)

Abgestempelt: Der Vorname kann über vieles entscheiden.

Alle Menschen haben Vorurteile, das ist nichts Besonderes. Wenn aber Grundschullehrer Vorurteile gegenüber ihren Schülern haben, weil sie mit deren Vornamen automatisch Eigenschaften verbinden, dann kann das zur Fehleinschätzung und Missachtung führen, kann Noten und Lebensweg des Kindes beeinflussen.

Chantal ist frech, Simon ist freundlich

Schüler bei einer Klassenarbeit (Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpa)

Büffeln für das Leben

Astrid Kaiser ist Pädagogik-Professorin an der Universität Oldenburg und hat eine Studie betreut, in der 500 von 2000 Online Fragebögen ausgewählt und analysiert wurden. Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer konnten darin ihre Erfahrungen und Einschätzungen beschreiben. Das Ergebnis ist deutlich. Namen wie Kevin und Chantal, Mandy, Jacqueline oder Justin werden mit frech, verhaltensauffällig oder gar leistungsschwach verbunden. Kinder hingegen, die Hanna und Sofia, Lucas oder Simon heißen gelten zumeist als leistungsstark und freundlich.

Kevin ist eine Diagnose

Zunächst wurde die Frage gestellt, welchen Namen die Lehrer und Lehrerinnen ihrem Kind auf gar keinen Fall geben würden. Die Tendenz war eindeutig, Kevin und Chantal gehen gar nicht. Anschließend wurden die Pädagogen zur Begründung ihrer Meinung aufgefordert. Die Erklärung war der Forscherin besonders wichtig, um zu sehen, wie die Beurteilungen zustande kamen. Eine große Zahl der Lehrerinnen sagte: "ich habe sehr viele Kevins, die sich auffällig verhalten" und fügten ihrer persönlichen Erfahrung die Einschätzung hinzu: "so ist es auch, da gibt es keine Ausnahmen". Ihre zuspitzende Krönung fanden diese Erklärungen in dem Satz einer Lehrerin: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose."

Vorurteile sind bekannt

Kleines Mädchen am ersten Schultag umarmt ihre Schultüte (Foto: picture-alliance)

Bringen bestimmte Vornamen wirklich Nachteile in der Schule?

Astrid Kaiser betont, dass es auch schon früher Studien gab, die Vorurteile und deren Wirkung belegen. So bewerteten Lehrer in einem Testfall dieselben Aufsätze unterschiedlich, je nachdem, ob sie glaubten, das Kind habe ein gutes oder schlechtes Elternhaus. Als die Pädagogik-Professorin das Ergebnis ihrer Studie im Spätsommer veröffentlichte, war der Aufschrei groß. "Zu allgemein und verunglimpfend" befand die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, "eine Beleidigung" sagten viele Lehrer.

Falsches Lob

Unter den Stellungnahmen fand sich auch viel Zustimmung, aber nicht solche, wie sie sich Astrid Kaiser gewünscht hätte. Denn viele verstärkten nur das hervorgebrachte Vorurteil. So schrieb ein Zahnarzt: “Kevin hat Karies. Das ist so“. Nun bestreitet Astrid Kaiser keineswegs, dass es tatsächlich viele Kevins und Chantals mit schlechten Noten und Verhaltensauffälligkeiten gibt. Es gehe nur darum, nicht alle Kinder mit diesen Namen in einen Topf zu werfen und vorab zu beurteilen.

Jeder hat Vorurteile

Als Lehre aus dem Ergebnis ihrer Studie plädiert Astrik Kaiser für eine vorurteilsbewusste Erziehung. Es gehe darum, sie nicht zu ignorieren, sondern sie zu erkennen und zu überwinden. Entsprechende Kurse gebe es zwar schon in der Lehrerausbildung. Doch die seien Wahl- und keine Pflichtfächer. Dass müsse sich ändern. Solche Kurse seien extrem wichtig. Denn Lehrer kämen meist aus der Mittelschicht und würden deshalb Kinder aus der Unterschicht nicht verstehen, "weil das nicht ihre Welt ist.“ Die Pädagogik-Professorin plant übrigens schon die nächste Studie: sie will untersuchen, welche Noten die Kevins und Chantals der Bundesrepublik vor und nach der Veröffentlichung ihrer Untersuchung bekommen haben. Man darf auf das Ergebnis gespannt sein.

Kevin ist kein Massenphänomen

Dory, Mitte links, und Marlin sind umrundet von einem Schwarm Mondfische in einer Szene aus Walt Disneys Animationsfilm Findet Nemo (Foto: AP Photo/Disney Enterprises Inc./Pixar Animation Studios)

Ein Zeichentrickstar als Namensvorbild

Unter die ersten zehn beliebtesten Vornamen haben es Kevin und Chantal übrigens nie geschafft, weder im Westen noch im Osten Deutschlands. Da stehen die Hannahs und Leonies, die Lukasse und Felixe der Republik. Und zwar schon lange. Trotzdem gibt es Beeinflussungen von kleineren Trends, zum Beispiel durch Film, Fernsehen und Literatur. Bei Kevin waren es vermutlich der attraktive Schauspieler Kevin Costner und auch der Kinderkinohit "Kevin allein zu Haus". Es gibt aber auch kuriosere Namensvorbilder, wie der Sprachforscher Gerhard Müller von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden weiß. So wurden nach dem erfolgreichen Zeichentrickfilm "Findet Nemo" auch einige Jungen auf diesen Namen getauft.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Conny Paul