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Fokus Osteuropa

Kerzenschein ohne Romantik in Tirana

Seit Anfang November leiden die Albaner unter Stromausfall. Auch in der Hauptstadt Tirana gibt es stundenlang keinen Strom. Die Kraftwerke des Landes sind veraltet. Missmanagement kommt hinzu.

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Stromausfall als Dauerzustand

Der Lärm in der albanischen Hauptstadt ist kaum zu ertragen, nirgendwo kann man ihm entkommen. Der Grund sind die Dieselgeneratoren, die neben jedem Geschäft und jedem Restaurant aufgestellt sind. Seit Wochen wird das Alltagsleben in Albanien von einer schweren Energiekrise bestimmt, über zehn Stunden am Tag gibt es keinen Strom, die kleinen Städte sind abends in fast völlige Dunkelheit getaucht.

Eine politische Krise

Die Energiekrise ist inzwischen zu einer politischen Krise geworden. Sie ist die erste große Herausforderung für die neue Regierung der Demokratischen Partei von Sali Berisha. Sie macht für den Stromausfall die alte sozialistische Regierung verantwortlich. Der Pressesprecher des Staatlichen Albanischen Stromkonzerns (KESH), Gergj Koja, zu den Gründen für die Energiekrise im Land: "Die aktuelle Situation hat mit dem schlechten Management unserer Energiereserven zu tun, besonders mit dem Missbrauch während des Wahlkampfs 2005. Dazu kommt, dass die Ausschreibung am Anfang des Jahres, um Strom zu importieren, nicht stattfand. Der dritte wichtige Grund ist der Defekt im Wasserkraftwerk von Vau i Dejes."

Theoretisch wird die Stromversorgung in Albanien derzeit gemäß einem Zeitplan streng rationiert. In der Praxis wird dieser Zeitplan aber nicht eingehalten. Der Stromkonzern KESH begründet die Abweichungen mit den Defekten des veralteten Stromnetzes. Das Alltagsleben in Albanien ist aber genau von diesem Strom-Zeitplan abhängig.

Generatoren dröhnen

Behar Tufa hat ein kleines Cafe in Tirana, wo er auch selbst Kellner ist. Er muss sehr früh im Lokal sein, um die nötigsten Vorbereitungen zu treffen, bevor der Strom abgeschaltet wird. Dann beginnt der Generator zu dröhnen: "Es ist sehr schwierig zur Zeit, wegen der starken Einschränkungen bei der Stromversorgung. Und dann der ständige Lärm. Wir verlieren unsere Kunden. Klar, dass sie sich beschweren. Sie können den Krach des Generators nicht ertragen."

Die kleinen mittelständischen Betriebe sind die größten Verlierer der Energiekrise. Auch Behar Tufa droht die Schließung: "Das Geschäft leidet sehr darunter. Die Kühlschränke sind ausgeschaltet, weil das Aggregat nicht alle Geräte versorgen kann. Es ist sehr schwierig. Ich werde wohl bald zumachen müssen."

Leben ohne Strom

Während Behar in seinem Café arbeitet, bleibt seine Frau Zana zu Hause, um für die neugeborene Tochter zu sorgen. Wie meistert sie ihr Leben in diesen Umständen: "Wie ich es schaffe? Ich stehe um vier Uhr morgens auf, damit ich Gläser sterilisieren kann, Wasser kochen, waschen und so weiter. Tagsüber gehe ich oft nach draußen, weil es zu Hause oft zu kalt ist. Ich treffe Freundinnen oder gehe irgendwo hin, wo es Strom gibt, damit ich der Kleinen das Essen warm machen kann. Ich bin völlig erschöpft, aber was soll ich machen."

Spät abends kehrt Behar Tufa nach Hause. Kerzen hat seine Frau angezündet, aber keiner denkt an Romantik. Nach so vielen Stunden dem extremen Lärm ausgeliefert, möchte Behar Tufa nur Ruhe. Vom Fenster aus hört man immer noch die Generatoren. Tufa sagt dazu: "Ich bin in sehr gereizt von dem ständigen Lärm. Der kann einen verrückt machen. Es ist schwer dabei, die Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist, als ob ich den Lärm der Generatoren immer noch in den Ohren hätte. Das kleinste Geräusch ist unerträglich."

Warten auf die Notmaßnahmen der Regierung

Seine Hoffnung hängt an den versprochenen Notmaßnahmen der Regierung. Laut Regierung werden die Zeiten ohne Strom bald verkürzt, besonders weil demnächst mehr Strom aus dem Ausland kommen soll. Dass es eine stabile, langfristige Verbesserung geben werde, will man bei der Stromgesellschaft KESH aber nicht garantieren. Gjergj Koja: "Es hängt vieles vom ständig wachsenden Energiekonsum ab. Das andere Problem ist, dass der Strom in großem Maße für die Heizung in den Räumen benutzt wird. Ich kann nur sagen, dass der Import von Strom um 25 Prozent erhöht wurde und unsere Spezialisten bemüht sind, eine gerechte Verteilung zu gewährleisten. Wir können aber keine Fristen nennen, wann die Situation endgültig gelöst wird."

Wann der Tag kommt, dass es in Albanien ununterbrochen Strom geben wird, das weiß keiner. "Wir haben Licht! Wir haben Licht" schreien die kleinen Kinder von Behar Tufa. Einen Lichtblick gibt es zumindest heute für die Familie von Behar. Der lang erwartete Strom ist endlich da.

Lindita Arapi, Tirana

DW-RADIO/Albanisch, 28.11.2005, Fokus Ost-Südost

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