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Tennis

Kerber hat in Paris nichts zu verlieren

"Ich hab viele Auf’s und Ab’s schon überstanden“, sagt Angelique Kerber. Zuletzt verlor die beste Tennisspielerin der Welt in Rom gegen eine Qualifikantin. 2017: bislang nicht ihr Jahr. Ob sich das nun ändert?

Tennis Profi Angelique Kerber (Imago/Hasenkopf)

Beim Pressegespräch in München: Angelique Kerber

Von München aus nach Paris. Unmittelbar vor der Abreise nach Frankreich zu den French Open nahm sich Angelique Kerber Zeit - für ihren neuen Sponsor. Und für die Journalisten, die sich weniger für den Geldgeber interessierten, sondern weil sie wissen wollten: Wie geht es ihr? Was macht der Oberschenkel? Ist sie geknickt? Nachdenklich? Eine Sportlerin in der Krise?

Denkste! Auch wenn sie im Moment keine ist: So sehen Siegerinnen aus. Perfekt frisiert, die beigefarbene Jacke wunderbar abgestimmt zur Haarfarbe, außerdem ihre Lieblingskette, die sie zumeist auch auf dem Platz trägt. Besser hätte sich der Vorstandsvorsitzende der Versicherung, an dessen Seite sie vor die Presse trat, um "Couch Potatoes" zu mehr Bewegung aufzurufen, kein Werbetestimonial denken können. Geduldig, gelassen beantwortete sie die Fragen nach dem, was manche schon als Karriereknick sehen wollten.

Serena wäre das wohl nicht passiert

Sie hat zuletzt so viel verloren, dass es schon eine Ironie der Ranglistenwertung ist, dass Angelique Kerber dennoch an der Spitze der Weltrangliste steht. Sie profitiert von ihrem ruhmreichen Jahr 2016 und von der Schwangerschaft Serena Williams', das weiß Angelique Kerber selbst am besten. Bei ihrem letzten Turnierauftritt in Rom am 17. Mai wurde sie von der 21-jährigen Qualifikantin Anett Kontaveit aus Estland aus dem Turnier genommen. 4:6 und 0:6. Der Oberschenkel, hieß es hinterher. Gleichwohl. Serena wäre das wohl nicht passiert.

Der "Wake-Up-Call"

"Ich hab viele Auf‘s und Ab‘s schon überstanden und ich denke, dass man aus so einem Tief stärker herauskommt", bemerkte Kerber nun in München. "Ich muss auch sagen, dass diese Niederlage vielleicht nicht so schön war, aber es war vielleicht auch ein 'Wake-Up-Call' ". Es wäre, könnte man als kritischer Beobachter der Karriere Kerbers bemerken, höchste Zeit. Die Weltranglisten-Erste hat ihre Betriebstemperatur längst nicht erreicht. Nicht zu übersehen ist, dass es zuletzt viel um Sponsorenpflege und um die Frage der Vermarktung der Marke "AK" ging.

Tennis-Bundestrainerin Barbara Rittner (Picture alliance/dpa/D. Karmann)

"Wichtig ist, dass sie gut ins Turnier hineinfindet": Bundestrainerin Barbara Rittner

"Die Ergebnisse entsprechen sicher nicht ihrem eigenen Anspruch", sagt Barbara Rittner, die als ehemalige Profispielerin und auch als Bundestrainerin alle Daseinszustände von Tennisspielerinnen kennt, verweist aber auf die Oberschenkel-Probleme und formuliert fürsorglich-diplomatisch: "Ich hoffe, dass sich Angie bei den French Open auf die Stärken besinnt, die sie zur Nummer eins der Welt gemacht haben."

Angelique Kerber und die French Open? "Sand ist nicht mein Belag, das weiß jeder. Aber manchmal ist es auch besser, unterschätzt zu werden", sagt Kerber. Vor ziemlich genau einem Jahr begann dort bei einer Erstrundenniederlage gegen die Niederländerin Kiki Bertens die, sagen wir einmal, Nachdenklichkeit der Angelique K. Bertens schickte sie in drei Sätzen vom Platz, zwischendurch verließ Kerber den Court Philippe Chatrier, um in den Katakomben oder wo auch immer ihre Form zu suchen. Doch die war nicht mitgereist in die französische Hauptstadt. C'est cuit. Nichts zu machen.

Tennis-Queen. Unsere Angie. Die große neue Hoffnung des deutschen Tennis. Solche und andere Schlagzeilen können ganz schön drücken auf Form und Gemüt selbst einer 29-Jährigen. Auch wenn sie nicht müde wird, in die Kameras zu lächeln und zu betonen, dass mit der Weltranglisten-Position eins sei stets ihr Ziel gewesen. "Dieser Druck ist da, den ich halt auch nicht wegzaubern kann und werde, aber ich werde mich auf mein Ding und auf Tennis konzentrieren. Man muss lernen, mit der Zahl umzugehen. Man wird viel mehr wahrgenommen, und man muss sich den Tagesablauf ganz anders zusammenstellen. Die Euphorie ist immer noch in mir drin, auch wenn es mal nicht so läuft."

Angelique Kerber (Imago/Hasenkopf)

Vor einem Jahr in Roland Garros: erste Runde Endstation

Boris Becker, der schon vor seiner Zeit als Coach von Novak Djokovic bewiesen hat, wie gut er ein Match lesen kann und sich in Spieler (vielleicht auch Spielerinnen) hereindenken kann, sagte dazu jüngst in einem Interview mit dem Sport-Informationsdienst: "Man kann verlieren, aber nicht permanent so deutlich im zweiten Durchgang. Wenn man die Nummer eins ist, sollte das nicht mit Druck verbunden sein, sondern es sollte eine Ehre sein. Vielleicht hat Angie da eine falsche Sichtweise. Sie sollte die Zeit an der Spitze mehr genießen."

Keine Punkte zu verteidigen

Kerber war eine großartige Angreiferin, solange es galt, Serena zu attackieren. Niemand war fitter und bissiger auf der Tour. Aber was sie danach nicht geworden ist: die souveräne Amtsinhaberin. Die auch an schlechten Tagen mit Kraft und Präsenz auf dem Court signalisiert, wer die Chefin ist. Dann wackelt sie. Manche Trainer würden sagen, sie klemmt. "Wichtig ist, dass sie gut ins Turnier hineinfindet", sagt Barbara Rittner. Dass "Angie" im vergangenen Jahr so früh ausgeschieden ist, kann mit Blick auf die Weltrangliste auch ein Vorteil sein. "Sie hat in Paris keine Punkte zu verteidigen - vielleicht kann sie dadurch befreiter aufspielen", hofft die Fed-Cup-Chefin.

Vielleicht hilft die deutsche Euphorie rund um den Aufstieg von Alexander Zverev, Angelique Kerber etwas Schatten zu spenden, in dem sie zurückfinden kann zu alter Stärke. Zu dem druckvollen Powerspiel von der Grundlinie, das zuletzt viel zu häufig defensiv geriet. Damit es ihr am Ende nicht ähnlich ergeht wie der Sportskameradin, die nach dem Wimbledon-Finale 2013 vom Boulevard hierzulande schon als "Bum-Bum-Bine" gefeiert wurde. Sabine Lisicki geriet daraufhin völlig aus dem Tritt. Die startet übrigens im kommenden Monat als 133. der Welt beim Turnier auf Mallorca. Es ist ihr erster Wettkampf 2017. Auf ihrem Lieblingsbelag Rasen.