Kennedy unter Deutschen | Geschichte | DW | 27.06.2013
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Geschichte

Kennedy unter Deutschen

Vor 50 Jahren hielt US-Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede in West-Berlin. Doch er hatte Deutschland bereits dreimal zuvor zwischen 1937 und 1945 bereist - und sich fasziniert vom "Dritten Reich" gezeigt.

John F. Kennedy (l.) während seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 26. Juni 1963 (Foto: picture alliance)

John F. Kennedy 1963 in Berlin

"Ich bin ein Berliner!" Begeisterter Jubel folgte diesen Worten am 26. Juni 1963. Ausgesprochen hatte sie der amerikanische Präsident John F. Kennedy, der vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin seine berühmte Rede hielt. Über eine Million Menschen waren zusammengeströmt, um seine Worte zu hören. Das demokratische West-Berlin lag wie eine Insel der Freiheit inmitten der sozialistischen DDR. Angesichts dieser Bedrohung erhofften die Einwohner vom amerikanischen Präsidenten ein klares Bekenntnis der Solidarität. Und genau dies wurde ihnen von Kennedy geboten: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner!"

John F. Kennedy bei seiner Rede vor dem Rathaus Schöneberg (Foto: picture alliance)

Kennedy spricht zu den West-Berlinern die berühmten Worte: "Ich bin ein Berliner!"

Im Cabrio durch Deutschland

Kaum bekannt ist, dass John F. Kennedy bereits vor seiner Rede von 1963 Deutschland bereist hatte. 1937, 1939 und 1945 lernte der spätere US-Präsident Deutschland anders kennen: Zuerst als nationalsozialistische Diktatur und dann als besiegtes Land. Kennedys Briefe und Aufzeichnungen aus dieser Zeit erscheinen nun unter dem Titel "Unter Deutschen" erstmals zusammenhängend in deutscher Sprache.

Herausgegeben hat sie Oliver Lubrich, der an der Schweizer Universität Bern Germanistik und Komparatistik lehrt. "Es ist erstaunlich, dass man sich lange Zeit nicht dafür interessiert hat, was John F. Kennedy vor seinem berühmten Besuch 1963 in Deutschland erlebt hat", wundert sich Lubrich über das späte Erscheinungsdatum von Kennedys Aufzeichnungen. Die Leser lernen in den Aufzeichnungen einen jungen John F. Kennedy kennen, der neugierig das "Alte Europa" erkundet - und Hitlers Erfolg faszinierend findet.

Unter Deutschen

Zwei unternehmungslustige Amerikaner passierten im August 1937 die deutsche Grenze: Der zwanzigjährige John F. Kennedy und sein Freund Kirk LeMoyne Billings, die beide gerade ihr erstes Studienjahr hinter sich hatten. Mit Kennedys Ford-Cabriolet - überführt per Schiff - reisten sie quer durch Europa. "Hitler scheint hier so beliebt zu sein wie Mussolini in Italien, wenngleich Propaganda wohl seine stärkste Waffe ist", hielt Kennedy seine ersten Eindrücke nach der Ankunft in München fest. Oliver Lubrich erläutert diese ersten Eintragungen: "Einerseits schildert Kennedy Affären mit Frauen, Besuche in Bars und dergleichen. Zwischendurch stellt er aber Überlegungen zur nationalsozialistischen Propaganda und dem Rückhalt der Nationalsozialisten in der Bevölkerung an."

Kennedy erkannte schnell, dass Hitler und Mussolini in Deutschland und Italien fest im Sattel saßen: "Es besteht kein Zweifel, dass diese Diktatoren im eigenen Land aufgrund ihrer wirkungsvollen Propaganda beliebter sind als außerhalb." Über die möglichen Folgen der Gefügigkeit der Deutschen dagegen machte sich der erst zwanzigjährige Kennedy noch keine Gedanken. Vor allem die Effizienz der Propaganda faszinierte ihn - dass Hitlers Diktatur aber auch durch Terror gegen Andersdenkende gefestigt wurde, thematisierte er nicht. 1937 war zudem ein "ruhiges Jahr", ein Jahr zuvor hatte das NS-Regime durch die Olympischen Spiele in Berlin die Welt beeindrucken können und seine angebliche Friedfertigkeit demonstriert.

"Die Deutschen sind wirklich zu gut …"

Der spätere US-Präsident zeigte sich begeistert von den Deutschen und ihrem Land. Ins Schwärmen geriet er geradezu über die deutschen Autobahnen: "Das sind die besten Straßen der Welt." Doch nicht nur die Straßen begeisterten den Cabriofahrer Kennedy: "Die Deutschen sind wirklich zu gut - deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen", notierte Kennedy am 21. August 1937. Oft suchte er auf seiner Reise das Gespräch mit Deutschen. In ihrem Auto nahmen Kennedy und Billings Anhalter mit, Studenten, Soldaten und natürlich hübsche junge Frauen.

War Kennedy aber ein Bewunderer des nationalsozialistischen Regimes? "Komme zu dem Schluss, dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist", notierte er in sein Tagebuch, bevor er Deutschland überhaupt betreten hatte. "Das ist natürlich Unsinn", meint Oliver Lubrich. "Man muss bedenken, dass dies private Aufzeichnungen sind, die Kennedys Erkenntnisprozess widerspiegeln - und niemals zur Veröffentlichung bestimmt waren!" Kennedy zeigte sich beeindruckt von der Perfektion der nationalsozialistischen Propaganda - wie viele ausländische Besucher Deutschlands dieser Zeit. Über die verbrecherischen Schattenseiten des Regimes sahen viele bewusst oder unbewusst hinweg - oder wurden nur Augenzeugen der von der Propaganda perfekt choreographierten Inszenierungen.

Der spätere US-Präsident John F. Kennedy (r.) in jungen Jahren mit seinem Vater Joseph Kennedy (Foto: picture alliance)

Vater und Sohn: Joseph P. und John F. Kennedy

Bevorstehender Sturm

1939 besuchte Kennedy Deutschland ein zweites Mal. Diesmal diente er seinem Vater, der amerikanischer Botschafter in London war, während eines Freisemesters als Sekretär - und bereiste wiederum das "Dritte Reich". In der Freien Stadt Danzig, um die sich zu dieser Zeit ein schwerer Konflikt zwischen Deutschland und Polen anbahnte, spricht er in seiner neuen Position "mit den Nazichefs und sämtlichen Konsuln". Auf dieser Reise sind es neue Fragen, die Kennedy umtrieben. "Wie lässt sich ein Krieg vermeiden? Können die Deutschen noch zurück?" fasst Oliver Lubrich Kennedys Interesse zusammen.

Der bedrohliche Konflikt konnte Kennedys gute Laune nicht trüben. "Von der Politik abgesehen, amüsiere ich mich prächtig", berichtete er in die Heimat. Am 20. August 1939 schrieb Kennedy an seinen alten Reisebegleiter Billings: "Ich denke immer noch nicht, dass es Krieg geben wird." Eine gewaltige Fehleinschätzung: Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Wie viele Politiker und Intellektuelle, darunter auch der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, unterschätzte auch Kennedy Hitlers Kriegsentschlossenheit und die deutsche Aggressivität völlig.

Im zerstörten Deutschland

Erst fast sechs Jahre später sollte Kennedy Deutschland wiedersehen. Im Juli 1945 begleitete er den amerikanischen Marine-Minister in das besiegte Deutschland. "Alles ist zerstört", schreibt er über die Hauptstadt Berlin. Und stellt Überlegungen über den Führer an. Bei der Besichtigung von Hitlers Residenz am Obersalzberg schreibt er: "Wer diese beiden Orte besucht hat, kann sich ohne weiteres vorstellen, wie Hitler aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten wird, die je gelebt haben."

Triumphfahrt durch Berlin im Konfettiregen (Foto: picture alliance)

Kennedy in Berlin - in Begleitung vom damaligen Bürgermeister Willy Brandt und Bundeskanzler Adenauer

War Kennedy also ein Verehrer Hitlers? Oliver Lubrich verneint: "Man kann ja ästhetisch fasziniert sein, ohne diese Diktatur inhaltlich zu unterstützen. Ich würde nicht sagen, dass Kennedy Hitler politisch bewundert hat. Aber auch er war anfällig für Propaganda." Wie aber lässt sich ein solcher Satz Kennedys über Hitler angesichts der nationalsozialistischen Massenverbrechen einordnen? "Das ist schon merkwürdig, dass er dafür nicht mehr Interesse aufgebracht zu haben scheint. Kennedy denkt eher abstrakt über den Mythos Hitler nach", so der Germanist.

Die Deutschen und die Demokratie

Auch über die Funktionsprinzipien der nationalsozialistischen Diktatur machte Kennedy sich Gedanken. Als er in Bremen eine U-Boot-Werft besuchte, stellt er fest: "An der Fügsamkeit der deutschen Beamten zeigt sich, wie einfach es in Deutschland wäre, die Macht an sich zu reißen." John F. Kennedy ist in seinen Aufzeichnungen stets hin und her gerissen zwischen Irritation und Bewunderung für die Deutschen. Und misstrauisch, was ihre Zuverlässigkeit anbetrifft. "1945 war Kennedy durchaus pessimistisch und sagte, dass man weiterhin Kontrolle über die Deutschen ausüben müsse, weil sie die Niederlage im Krieg nicht vergessen würden", erklärt Oliver Lubrich.

Als er aber am 26. Juni 1963 die Worte "Ich bin ein Berliner" aussprach, war der Jubel frenetisch - und Kennedy erleichtert. Nun jubelten die (West-)Deutschen ihm, einem demokratischen Politiker zu. Die Demokratisierung schien geglückt.

Zum Weiterlesen:

John F. Kennedy: Unter Deutschen. Reisetagebücher und Briefe 1937-1945, herausgegeben von Oliver Lubrich, Berlin 2013

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