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Wissen & Umwelt

Kemfert: "EU nutzt überholte Energieszenarien"

Die Energiepläne der EU-Kommission basieren auf veralteten Zahlen, sagen Forscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Claudia Kemfert fordert dringend Korrekturen.

Professor Claudia Kemfert (Photo Getty Images)

Professor Claudia Kemfert fordert von der EU Energieszenarien mit realistischen Zahlen

Deutsche Welle: Frau Kemfert, Sie haben in einer Studie festgestellt, dass die EU bei ihren Planungen für die Energiestrategie mit falschen Zahlen kalkuliert. Wo liegen die Fehler?

Claudia Kemfert: Wir haben festgestellt, dass die EU-Kommission im Grünbuch, basierend auf der EU-Roadmap, veraltete Annahmen getroffen hat. Die jüngsten Entwicklungen bei den erneuerbaren Energien, vor allem die Kostensenkung, wurden nicht eingerechnet. Das EU-Grünbuch bezieht sich beispielsweise auf eine Studie, die mit viel zu hohen Kosten für die Solarstromerzeugung rechnet. Die Studie rechnet für das Jahr 2050 mit Kosten der Solarstromerzeugung, die höher sind als das, was wir heute schon haben. Bei der Windenergie ist es genauso.

Gab es auch Fehler bei den nicht-erneuerbaren Energien?

Ja. Man sieht, dass bei der Atomkraft und auch bei der CO2-freien Kohletechnologie Annahmen getroffen wurden, die die Kosten deutlich unterschätzen. Die Kosten durch erhöhte Sicherheitsanforderungen sind massiv gestiegen, allein die reinen Investitionskosten muss man korrigieren. Zum anderen müssten auch noch alle Kosten der Endlagerung und der Unfallrisiken eingerechnet werden. Wenn man das alles einrechnen würde, würde die Atomkraft sehr, sehr teuer, vergleichsweise sehr viel teurer als alle anderen Technologien.

Kann Atomkraft trotzdem rentabel sein?

Die Atomkraft ist heute schon nicht mehr rentabel. Sie war es im Grunde genommen noch nie. Aber die Gesellschaft hat sich für die Atomkraft entschieden und hat sie auch in der Vergangenheit schon immer hoch subventioniert. Die Kosten von Atomkraft explodieren nahezu. Das zeigen die jüngsten Schätzungen und die Diskussion in England. Neben dem Kostenrisiko für Unfälle und Endlagerung will man dort eine Umlage einführen, der auf den Strompreis aufgeschlagen wird. Diese Umlage wäre sogar noch höher als das, was wir in Deutschland für erneuerbare Energien bezahlen.

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Die EU-Kommission geht davon aus, dass Kraftwerke zukünftig CO2 abtrennen und dies in der Erde einlagern. Basiert auch das auf falschen Annahmen?

Diese Technologie ist im Prinzip machbar, nur finden wir weltweit keine Vorhaben, die wirtschaftlich betrieben werden, das weckt Zweifel. Die CO2-Abscheidetechnik mindert die Effizienz von Kraftwerken deutlich und erhöht deutlich die Kosten. Und auch die gesellschaftliche Akzeptanz ist häufig nicht gegeben. All diese Aspekte muss man in Zukunftsszenarien berücksichtigen und diese Berücksichtigung sehen wir nicht.

Wie ist aus Ihrer Sicht zu erklären, dass die EU mit veralteten Zahlen und Annahmen arbeitet, obwohl es genügend aktuelle Quellen und Studien gibt?

Das fragen wir uns auch. Offensichtlich geht man davon aus, dass die Energiewirtschaft eine sehr langfristige Wirtschaft ist, wo sich nicht so viel verändert. Wenn dies so wäre, dann kann man auch Szenarien anschauen, die fünf oder sechs Jahre alt sind. Nur heute entwickelt sich so unheimlich viel.

Die EU hatte die Chance in diesem Jahr, auch aktualisierte Szenarien zu erstellen. Ich würde mir wünschen, dass unsere Studie ein Anstoß dafür ist, dass man auch die jüngsten Entwicklungen mit berücksichtigt, insbesondere die Kostenreduktion bei den erneuerbaren Energien. Möglicherweise kommt man dann zu neueren Schlussfolgerungen beim Ausbauziel der erneuerbaren Energien. Da kann man europäisch doch sehr viel mehr erreichen, als wir jetzt schon sehen.

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.

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