1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

"Keiner will wirklich die Scheidung"

Das war's also. Kanzlerin und Vizekanzler haben sich öffentlich vor der Fernseh-Nation gestritten. Und nun? Ein Blick in die deutsche Tagespresse.

default

STUTTGARTER NACHRICHTEN:

"Am Ende einer solchen Veranstaltung steht stets diese eine Frage: Wer hat gewonnen, wer verloren? Nun, wenn man das Duell, das keines war, genau deshalb als unentschieden wertet, dann hat der Herausforderer verloren, weil er nichts riskiert hat und schon gar nicht herausgefordert. Verloren haben die Zuschauer, und zwar in erster Linie Zeit und manche sicherlich auch die Geduld oder den Glauben an die demokratiebefeuernde Streitkultur deutscher Politik. Gewonnen hat Frau Merkel - schon deshalb, weil sie nicht verloren hat."

FRANKFURTER NEUE PRESSE:

"Das Duell, das oft ein Duett war, hatte keinen klaren Sieger. Das begünstigt an sich eher Merkel. Sie ist es schließlich, die in Umfragen führt. Steinmeier hat diesen Trend sicher nicht umkehren können. Der Herausforderer hat aber etwas Boden gutgemacht, weil er voll auf Augenhöhe mit der Kanzlerin war und sie in puncto soziale Gerechtigkeit ein wenig treiben konnte."

GENERAL-ANZEIGER (Bonn):

"Steinmeier wirkte gestern Abend gelassener als seine derzeitige Chefin, fast so, als habe er die absehbare Niederlage schon verarbeitet. Auch unter diesem Aspekt lautet seine unausgesprochene Konsequenz: dann lieber länger große Koalition. Wer aber so denkt, kann nicht polarisieren, nicht auf den Marktplätzen, auch nicht im sterilen Studio. Merkel hat das bisher im Wahlkampf nicht getan, sie tat es auch gestern Abend nicht. Sie blieb sich darin treu - als beste Sozialdemokratin, die das Kabinett derzeit hat (nicht als die Marktradikale, als die sie sich vor vier Jahren präsentierte). Fazit: Da können zwei miteinander - und das hat man gestern Abend gut gesehen."

NORDSEE-ZEITUNG (Bremerhaven):

"Während diese Koalition bei den Wählern immer unbeliebter wird, scheinen Merkel und Steinmeier eine stille Allianz auch für die letzten Wochen des Wahlkampfes geschmiedet zu haben. Steinmeier mag sich sagen, lieber weiter Vize-Kanzler als gar nichts oder gar die Kröte Lafontaine schlucken zu müssen. Merkel denkt wohl: wer unter mir dient, ist mir egal. Man hatte nicht unbedingt viel erwartet von diesem Duell und wurde bis auf wenige Ausnahmen bestätigt. Ein wirklicher Schlagabtausch war es nicht, und inhaltlich gab es nichts Neues: Irgendwie haben sie sich doch noch lieb."

LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

"Nicht verloren heißt für den SPD-Herausforderer in dieser schier aussichtslosen Situation an der großkoalitionären Merkel-Seite schon: Sieg. Mindestens kann man sich dies für einige Tage einreden, ohne sich öffentlich zum Gespött zu machen. Frank-Walter Steinmeier, die traurige Figur einer gebeutelten SPD, ist mehr als nur ein Zählkandidat - wenn er will. So spürte es auch die SPD-Basis. Sie wird nun nicht gerade jubelnd auf den Tischen trampeln, aber ein paar Unentschlossene könnten sich neu motiviert fühlen. Und mehr, mal ehrlich, war für Steinmeier nach diesem Wahlkrampf und mit diesem Duell sowieso nicht drin."

MITTELBAYERISCHE ZEITUNG (Regensburg):

"Wie hätte dieses TV-Duell denn spannend werden können? Vor der Kamera standen keine wirklichen Gegner. Da standen zwei Partner. Merkel und Steinmeier haben vier Jahre lang gut zusammen gearbeitet. Die Parteien, denen sie angehören, haben sich vielleicht nicht immer gemocht und sind nicht aus Liebe zueinander eine Koalition eingegangen. Aber die Pflichtehe aus Schwarz und Rot hat funktioniert. In der Krise hat diese Regierung, für die Merkel und Steinmeier stehen, sogar sehr gute Arbeit geleistet. Und jetzt auf einmal hätten beide übereinander herfallen sollen? Wohl kaum. Das, was in den deutschen Haushalten über die Bildschirme flimmerte, wirkte eher wie eine der endlosen Reality-TV-Formate. Ein bisschen wie Ehen vor Gericht. Nur, dass offenbar keiner wirklich die Scheidung will."

MINDENER TAGEBLATT:

"Eines steht immerhin fest. Einer der beiden vorgeblichen Duellanten wird der nächste Regierungschef der Bundesregierung Deutschland sein. Mehr noch: Nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass beide wieder in trauter Zwietracht am Kabinettstisch sitzen werden, in exakt der Rollenverteilung, in der sie gestern das Studio betraten. Dass dies weder undenkbar noch ein Unglück für das Land wäre, unterstrichen beide mit ihrem Auftreten, auch wenn sie sich noch so sehr um Konfrontation bemühten. Stets blieb, und durchaus nicht nur zwischen den Zeilen, die Fortsetzung der Großen Koalition die unausgesprochene Alternative, die offensichtlich weder Merkel noch Steinmeier sonderlich schrecken würde.

Redaktion: Christian Walz