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Wissen & Umwelt

Keine Vorhersagen in den nächsten Jahrzehnten

Erdbeben hängen von vielen Faktoren ab, Informationen aus dem Erdinneren sind schwierig zu bekommen - so sind Erdbeben nicht zuverlässig vorherzusagen, sagt Seismologe Wolfgang Friederich im DW-Interview.

DW: Herr Friederich, warum kann man solche Erdbeben offenbar immer noch nicht vorhersagen?

Prof. Wolfgang Friederich: Erdbeben sind singuläre Ereignisse. Sie laufen innerhalb relativ kurzer Zeit ab, werden aber durch tektonische Prozesse verursacht, die über Millionen von Jahren ablaufen. Deswegen ist es schwierig, Ort, Zeit und Stärke von Erdbeben so genau vorherzusagen, dass es für die Menschen relevant ist und man entsprechende Maßnahmen ergreifen kann.

Kann man denn grobe Zeitrahmen vorhersagen?

Ja. Man weiß ziemlich genau, welche Gebiete auf der Erde erdbebengefährdet sind. Man weiß auch, wie viele Erdbeben sich über welche Zeiträume ereignen. Man kennt die Relation der Anzahl von starken zu schwachen Beben. Das heißt, man kann die Erdbebengefährdung als solche relativ genau angeben, aber man kann eben nicht genau genug sagen, wann, wo und wie stark sich ein Erdbeben ereignen wird.

Für diese Region in Nepal besagt die Statistik, dass sich alle 70 bis 80 Jahre dort ein Erdbeben ereignet. Ist das tatsächlich so regelmäßig?

Es ist leider nicht so regelmäßig. Die Periodizität von Erdbeben ist eher noch eine Hypothese. Man stellt sich vor, dass sich die Plattengrenzen aufladen, sich mit einem Erdbeben entladen, und dass es dann wieder eine gewisse Zeit braucht, bis sie wieder mit Spannung aufgeladen sind und es zum nächsten Erdbeben kommt. Es können aber auch Erdbeben andere Erdbeben triggern, weil sich die Spannungen dadurch an den Plattengrenzen verändern. Dadurch kann es zu Häufungen von Erdbeben kommen, die diese Periodizität wieder außer Kraft setzen. Man kann sich auf die Periodizität nicht verlassen. In der Regel muss man einen Fehler von mehreren Zehnerjahren ansetzen.

Sie sagen, die Spannung der Platten lädt sich auf. Kann man also sagen: Wenn es in einer gefährdeten Region häufig zu kleineren Beben kommt, dann ist das Risiko für große geringer, weil sich die Erdplatten in kleinen Stufen aneinander abgerieben haben?

Ja, das ist eine Idee. Oft beobachtet man, dass es sogenannte seismische Lücken gibt, Bereiche, wo es lange Zeit kein Beben gab. Diese werden dann als Regionen höherer Gefährdung angesehen. Dagegen ist die Erdbebengefährdung dort, wo es häufig bebt, für ein starkes Beben nie so hoch. Allerdings ist auch das nur eine allgemeine Regel, die im Einzelfall nicht zutreffen muss.

Vorhersagen sind also noch nicht möglich. Was macht Ihre Wissenschaft, die Erdbebenforschung dann überhaupt?

Die Seismologie beschäftigt sich mit zweierlei Dingen. Wir wollen a) mehr herausbekommen über Aufbau und Struktur des Erdinneren. Dafür benutzen wir seismische Wellen, die von Erdbeben ausgestrahlt werden und zum anderen wollen wir mehr über die Physik des Erdbebenherdes herausfinden, wofür wir auch die seismischen Wellen der Erdbeben beobachten. Wir wollen herausfinden: Was sind die Ursachen für Erdbeben? Welche Kräfte wirken? Welche Spannungen sind vorhanden? Welche Prozesse führen zu Erdbeben und wie laufen sie im Detail ab?

Bislang kann man rund 12.000 Meter tief in die Erde hineingucken. Das hat die Sowjetunion in den 1980er-Jahren geschafft. In Deutschland, in Franken, musste man nach gut 9000 Metern wegen Temperaturen von über 250 Grad aufgeben. Würde es denn helfen, noch tiefer in die Erde hineinzubohren, um Vorhersagen treffen zu können?

Im Prinzip hilft es schon, in die Erde hineinzubohren, um zu sehen, wie es dort aussieht. Allerdings gelangt man da immer nur an Punkt-Informationen. Die helfen relativ wenig, um zu sagen, wie es zehn Kilometer daneben aussieht. Das Erdbeben jetzt in Nepal hat sich auf einer rund 100 bis 200 Kilometer langen Bruchfläche ereignet. Man müsste die Eigenschaften des Plattenkontakts über eine riesige Fläche erkunden, um vielleicht herauszufinden, wo sich das nächste Beben ereignen könnte.

Glauben Sie denn, durch die immer engmaschigeren Aufzeichnungen, durch die Beschreibungen und Erklärungsversuche, können Sie für die Zukunft Frühwarnsysteme entwickeln?

Ich glaube nicht daran, dass man in den nächsten Jahrzehnten oder vielleicht sogar Jahrhunderten so weit kommen wird, dass man Erdbeben mit der gewünschten Genauigkeit vorhersagen kann. Die Informationen sind einfach zu schwierig zu bekommen - man müsste ins Erdinnere hinein - und zum Zweiten hängt das Eintreten eines Erdbebens von so vielen Kleinigkeiten ab, die man schwer kontrollieren kann.

Die Fragen stellt Tobias Oelmaier.

Prof. Dr. Wolfgang Friederich ist Seismologe an der Universität Bochum.

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