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Kultur

Keine Tänzerin von der Stange

Zu klein? Mutter und Primaballerina sind nicht vereinbar? Für die Ukrainerin Iana Salenko ist nichts unmöglich. Jetzt wird sie mit dem "Deutschen Tanzpreis Zukunft" ausgezeichnet.

Salenko als Solo-Tänzerin(Foto: Salenko/ Walter)

Die Luft ist stickig und schwül. Es ist zehn Uhr und die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts Berlin schlagen sich bereits die Beine um die Ohren. An der hinteren Spiegelwand der Probebühne biegt auch Iana Salenko ihren Oberkörper nach hinten und streckt anschließend ihr Bein horizontal nach oben. Als ungeübter Ballett-Laie schaut man zwangsläufig am eigenen Körper hinab und fragt sich, wie die menschlichen Muskeln sich derart dehnen können.

Solche Fragen hat sich die 26-jährige Salenko aus der Ukraine nie gestellt. "Ich wollte unbedingt Balletttänzerin werden und habe sehr hart dafür gearbeitet. Und natürlich gehört auch eine Menge Glück dazu", sagt sie.

Die kleine Sanfte

Salenko auf den Zehenspitzen (Foto: Enrico Nawrath)

Groß im Tanzen

Natürlich sind es nicht nur Ianas trainierte Beine, die sich an diesem Morgen auf der Probebühne des Berliner Staatsballetts in alle Himmelsrichtungen ausstrecken. Aber ihren Bewegungen folgt ein sanfter, verträumter Gesichtsausdruck, eine Eleganz die unter den rund 50 Tänzerinnen und Tänzern sofort heraussticht - trotz oder vielleicht auch wegen ihrer Körpergröße von knapp einem Meter sechzig. Ungewöhnlich auch ihr später Start in die Tanzwelt.

Iana Salenko in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin bei der Probe des Balletts Schwanensee (Foto: picture alliance/ dpa)

Spätstarterin Salenko

"Es war wirklich Zufall", erzählt sie. "Ich war an einem Nachmittag in einem Jugendclub, wo eine Menge Freizeitaktivitäten angeboten wurden - unter anderem eben auch Ballett. Als die Lehrerin mich dort sah, fragte sie mich, ob ich Lust hätte, Ballerina zu werden. Es war eigentlich schon zu spät dafür, ich war ja schon zwölf - aber ich wollte es unbedingt und sagte ja!"

Der späte Start ist nicht ganz einfach für die heute 26-Jährige. Als sie nahezu bei Null anfängt, sind alle Mädchen in der Ballettschule schon kleine Profis. Mit einer Mischung aus Talent und sehr starkem Willen holt sie nicht nur schnell auf - sie überholt die anderen Mädchen.

Schnellstart - von der Schule zur Solistin

Bereits mit 16 wird sie direkt aus der Schule auf die Bühne geholt - nicht zu den Gruppentänzern, sondern gleich als Solistin. Ihre erste Rolle: Kitri in "Don Quichotte", die sie fast nicht getanzt hätte. Denn am Auftrittsabend liegt sie mit 39 Grad Fieber krank im Bett: "Eine Betreuerin in unserem Internat fragte mich, ob ich nicht lieber absagen wolle. Und ich sagte: Auf keinen Fall! Ich will unbedingt tanzen. Nach der Aufführung habe ich dann geweint, weil ich es mit meinen 16 Jahren und trotz Krankheit geschafft hatte."

Iana Salenko mit ihrem Ehemann Marian Walter (Foto: Salenko/ Walter)

Diese Liebe ist echt: Iana Salenko mit ihrem Ehemann Marian Walter

Zwei Jahre tanzt Iana Salenko beim Ballett in Donezk, es folgen drei weitere Jahre als Primaballerina in Kiew. Auf einem Tanzwettbewerb in Wien lernt sie den deutschen Tänzer Marian Walter kennen - die beiden verlieben sich, heiraten und Iana folgt ihm nach Deutschland.

Sie bewirbt sich beim Staatsballett Berlin, in dem bereits auch ihr Mann tanzt. Zunächst startet sie als Demi-Solotänzerin beim Staatsballett Berlin. Doch innerhalb kurzer Zeit befördert Intendant Vladimir Malakhov die kleine Tänzerin mit den kurzen rot gefärbten Haaren zur Ersten Solotänzerin.

Mutter auf Spitzenschuhen

Seit fünf Jahren nun ist sie fester Bestandteil des Ensembles, tanzt im "Nussknacker", "Giselle" oder "Romeo und Julia". Nun bekommt sie den "Deutschen Tanzpreis Zukunft" verliehen, der renommierteste Nachwuchspreis für künstlerischen Tanz in Deutschland. "Ich weiß nicht so genau, warum ausgerechnet ich jetzt diesen Preis verliehen bekomme", kommentiert sie bescheiden diese Auszeichnung. "Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Kind bekommen habe."

Iana Salenko und Marian Walter in einer Tanzszene(Foto: Salenko/ Walter)

Tanzendes Ehepaar

Während des Interviews hält sie die ganze Zeit über ihren 15-monatigen Sohn auf dem Arm, der abwechselnd aus der Flasche trinkt oder bereits die kleinen Beinchen ganz wie die Mama in die Höhe streckt. Tänzerin und Mutter sein ist für sie kein Ausschlusskriterium.

Sie habe sich so sehr ein Kind gewünscht, aber das Tanzen auch nicht aufgeben wollen. "Zwei Monate nach der Geburt war ich wieder auf der Bühne", sagt sie ganz selbstverständlich und kann aus ukrainischer Perspektive die Verblüffung deutscher Frauen darüber nicht so richtig verstehen. "Natürlich war es nicht einfach, meinen Körper so schnell wieder in Form zu bringen, aber wenn man etwas wirklich erreichen möchte, dann ist es auch möglich."

Iana Salenko Portrait (Foto: Sabrina Theissen)

Preisträgerin "Deutscher Tanzpreis Zukunft 2010"

Zwangsläufig kommt einem ihr starker Wille als junger Teenie in den Sinn, mit dem sie es nach nur vier Jahren in der Ballettschule zur Solotänzerin schaffte. Und trotz dieser Willensstärke - Iana Salenkos Tanz ist nicht von einer karrieresüchtigen Verbissenheit geprägt, sondern von einer zauberhaften Leichtigkeit. Und vielleicht ist auch eher diese der Grund dafür, dass sie zur diesjährigen Preisträgerin des Deutschen Tanzpreis Zukunft gekürt wird.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Conny Paul

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