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Hintergrund

"Keine Stadt, eine Metastase"

Mexiko City, zweitgrößte Stadt der Welt. Glanz und Wellblech liegen direkt nebeneinander. Guillermo Fadanelli schreibt über Prostitution, Drogen und Brutalität. Claudia Herrera Pahl hat ihn durch sein Mexiko begleitet.

Megacity Mexiko-Stadt (Foto: DW / Claudia Herrera Pahl)

Moloch Mexiko: Verfall und Armut sind überall sichtbar.

"Wann werden meine Erzählungen veröffentlicht?" ruft ein junger Mann, kaum haben wir die Bar "Corona" mitten im Zentrum von Mexiko-Stadt betreten. Die Frage richtet sich an den Herausgeber der Literaturzeitschrift "Moho": Guillermo Fadanelli. Fadanelli, ein großer Mann von fast 1,90 Meter, trägt eine schwarze Jeans, ein schwarzes Hemd und eine Baseballmütze, die ihn überall hin begleitet. Ohne die fühle er sich nackt, sagt er. In der Welt der Literatur ist Fadanelli bekannt, im Zentrum dieser größten aller riesigen lateinamerikanischen Megacitys erst recht.

Ciudad de México – eine Stadt, die keine ist …

"Über eine Stadt wie Mexiko kann man nicht reflektieren oder sie in Fiktion verwandeln", meint Fadanelli. Mexiko-Stadt laste ihm auf den Schultern, eine Distanz könne er nicht aufbauen. Die Stadt ist das Hauptthema seiner Bücher – eine Stadt, deren Telefonbuch über 5000 Seiten hat, in der es 108.000 Taxen gibt und 28.000 Busse. Eine Stadtplanung, die ihren Namen verdient, gibt es nicht, Stadtgrenzen haben seit langem aufgehört zu existieren. Diese Konzentration von Zement und Individuen Stadt zu nennen sei eigentlich ein Euphemismus. Man könne sie nicht Stadt nennen, weil sie nicht auf die Menschen zugeschnitten sei. Vielmehr sei es ein "urbanes Territorium, ein Ensemble von Kolonien, Stadtvierteln, Vororten, einige gastlicher, andere feindseliger". Für Fadanelli ist Mexiko City eine "Metastase". "Sie wächst ohne Richtung. Es gibt hier Regierende, die uns glauben machen wollen, dass sich diese Stadt regieren lässt. Aber es ist eine unregierbare Stadt."

Ein Armenviertel in Mexico-Stadt (Foto: DW / Claudia Herrera Pahl)

Das schmutzige Gesicht der Stadt ...

Hochgelobt in der mexikanischen Literaturszene

In seinen Romanen vermittelt Guillermo Fadanelli den Schmerz, den es bedeutet, hier zu leben, hier gefangen zu sein. Doch er ist nicht wertend. Er zeigt die Realität, das Böse und das Elend ohne jegliches moralisches Urteil. Für Silvia Ruiz, Leiterin des Fachbereichs Literatur an der Universidad Iberoamericana, einer der renommiertesten Universitäten Lateinamerikas, ist das eine Revolution in der mexikanischen Erzählkunst. Ihr gefällt die Ungezwungenheit, mit der Guillermo Fadanelli das Schlechte darstelle. Außerdem fälle er kein moralisches oder philosophisches Urteil: "Er kann Geschichten wundervoll zum Ende bringen. Er ist ein Schriftsteller, der schon jetzt seinen Platz in der mexikanischen Literaturgeschichte sicher hat."

Mit den Stiefeln durch die Stadt

Guillermo Fadanelli kennt die Stadt gut, weil er sie ständig durchläuft. "Mein Sinn für Romantik treibt mich, sie in den Morgenstunden von Norden nach Süden zu durchlaufen. Früher bin ich U-Bahn gefahren, ich habe alle möglichen öffentlichen Verkehrsmittel genutzt, aber jetzt laufe ich. Ich kann ins Zentrum laufen. Das sind sieben Kilometer, ich brauche zwischen eineinhalb Stunden und einer Stunde und vierzig oder fünfzig Minuten. Ich laufe regelmäßig. Guckt, ich habe mir diese Stiefel gekauft, mit diesen Stiefeln laufe ich." An seinen Füßen trägt er dicke, schwarze Lederstiefel – mit denen er, sollte er jemals ausrutschen, wahrscheinlich aufrecht umfallen wird.

Die dunkle Seite der Stadt

Fadanelli zufolge wird Korruption in Mexiko wie eine Nationalsportart betrieben. Die Gesetze werden nicht beachtet, man muss täglich dafür kämpfen, respektiert zu werden. Man kämpft mit dem Taxifahrer, damit er nicht zu viel Geld verlangt, mit dem Polizisten, von dem man eigentlich beschützt werden sollte, oder mit den Nachbarn. Fadanelli weiß, wovon er spricht. Seine Hassliebe spiegelt sich in seinen Büchern.

Panorama von Mexico-Stadt (Foto: DW / Claudia Herrera Pahl)

"Die Stadt schien mir riesig; unmöglich zu glauben, dass sie irgendwo ein Ende habe."

Als er seinen Roman "Das andere Gesicht Rock Hudsons" auf der Buchmesse von Guadalajara vorstellen wollte, nahm man ihn fest. "Sie steckten mir ein Gramm Kokain in die Hosentasche, beschuldigten mich und brachten mich direkt in eine Zelle und erlaubten mir nicht zu telefonieren. Ich blieb einen ganzen Tag dort, ohne einen einzigen Anruf machen zu können. Dann transportierten sie mich in Handschellen in ein anderes Gefängnis, zusammen mit anderen Angeklagten. Schließlich, nach zwei Tagen, haben meine Freunde mich gesucht, sie haben mich gefunden, ich kam raus und stellte das Buch vor. Ich hatte keine Schnürsenkel in den Schuhen, weil sie den Gefangenen abgenommen werden. Bei der Buchvorstellung habe ich die Geschichte erzählt, aber keiner hat mir geglaubt. Alle meinten, Guillermo versuche wieder Geschichten zu erzählen, um sich interessant zu machen oder sich als harter Kerl aufzuspielen. Ich habe wirklich Glück gehabt, denn es ist schließlich eine gefährliche Stadt. Ihre dunkle Seite ist sehr dunkel. Ihre helle Seite ist einmalig strahlend, aber ihre dunkle Seite ist schrecklich, nahezu höllisch."

New York, Havanna, Berlin ...

Der mexikanische Schriftsteller Guillermo Fadanelli (Foto: DW / Claudia Herrera Pahl)

Guillermo Fadanelli

Für unser aller Gesundheit wäre es besser, Mexiko-Stadt existiere gar nicht, hat Guillermo Fadanelli einmal geschrieben. Alt werden will er hier nicht, er würde gern in einer anderen Stadt leben. Er mag Buenos Aires und Havanna. Auch Madrid, da habe er viele Freunde, oder Berlin, da habe er schon einmal gelebt. Aber dann sei er zurückgekommen, "gezogen wie von einer magnetischen Kraft."

Autorin: Claudia Herrera Pahl
Redaktion: Ramón García-Ziemsen


Guillermo Fadanelli: Das andere Gesicht Rock Hudsons. Matthes & Seitz. 192 Seiten. 16,80 Euro.

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