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Kultur

"Keine Schuld, aber Verantwortung"

Am Mittwoch findet in Berlin eine Tagung des Jüdischen Weltkongresses statt. Mehr als 60 Jahre nach dem Dritten Reich blüht das jüdische Leben in Deutschland langsam wieder auf. Auch der Rabbiner Leo Trepp kehrte zurück.

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Leo Trepp

Einer, der den Holocaust überlebt hat, ist der inzwischen 93 Jahre alte Rabbiner Leo Trepp. Trepp ist seit 71 Jahren Rabbiner, musste 1938 aus Nazi-Deutschland fliehen und machte in Kalifornien eine Karriere als Professor für jüdische Theologie und Philosophie. Er ist der letzte noch lebende Rabbi, der teils sogar während der NS-Zeit predigte. Seine Mutter wurde von den Nazis ermordet. In Deutschland ist Leo Trepp seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog engagiert.

Emigration in letzter Minute

60 Jahre Danach - Bildgalerie - Berlin 17/20

Die Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße wurde in der Reichspogromnacht 1938 von den Nazis niedergebrannt (Archivaufnahme von 1961)

Nazi-Deutschland im Jahre 1938: Leo Trepp, ein junger Landesrabbiner in Oldenburg, muss zusammen mit allen jüdischen Männern aus der Stadt an der zerstörten Synagoge vorbeimarschieren, in der er bis dahin gepredigt hatte. Danach wird er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gesperrt. Trepp, heute 93 Jahre alt, erinnert sich: "Und da kam der Kommandant raus und brüllte uns mit einer furchtbaren Rede an. Er sagte: 'Ihr seid der Abschaum der Menschheit! Ihr verdient überhaupt nicht zu leben!' Da habe ich das Gefühl gehabt: Das nächste, was kommt, ist dass er seinen Maschinengewehr-Leuten den Auftrag gibt, uns alle tot zu schießen. Aber Gott war bei mir, im KZ. Ich habe gesagt: 'Lieber Gott, ich sterbe für Dich, wenn es nötig ist.' Aber er hat uns nicht erschießen lassen."

Trepp lebte damals in einer fürchterlichen Angst. Seine Gemeinde war aufgelöst, das Gebetshaus abgebrannt. Anders als später vielen anderen, ließen die Nazis ihm das Leben. Zusammen mit seiner Frau emigrierte Leo Trepp nach dreiwöchiger KZ-Haft nach England und weiter in die USA. In Kalifornien wirkte er als Rabbiner und wurde später Philosophieprofessor. Vergessen hat er all das nicht.

Aber obwohl seine Mutter von den Nazis ermordet wurde, besucht er Deutschland seit den 1950er Jahren immer wieder. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Universität der Stadt Mainz und unterrichtet dort insbesondere christliche Nachwuchs-Theologen. Aber es gibt noch ein weiteres Thema, dem er sich mit Leidenschaft widmet: Die alte liturgische Musik der Jüdischen Gemeinde in Mainz wurde über Generationen mündlich überliefert. Mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde durch die Nationalsozialisten verschwand diese große musikalische Tradition. Aber Leo Trepp sammelte die liturgischen Melodien und brachte sie 2004 als Notenanhang zusammen mit einer CD heraus, auf der sie eingesungen sind.

Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden

Holocaust Mahnmal in Berlin

Das Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins hat sich zu einem Besuchermagneten entwickelt

Seit Jahren ist Leo Trepp auch im jüdisch-christlichen Dialog aktiv. Durch zahlreiche Standardwerke wie "Geschichte der deutschen Juden" und "Der jüdische Gottesdienst" trug er wesentlich zum Verständnis des Judentums vor allem bei Nichtjuden bei. Dennoch ist Leo Trepp über wachsenden Judenhass auch in Deutschland besorgt. "Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden. Auf der einen Seite durch Nationalisten, auf der anderen Seite durch Islamisten. Israel und die Juden werden als Sündenbocke betrachtet. Manchmal frage ich mich: Wie weit hat das, was ich gemacht habe, eigentlich gewirkt?"

Die christlichen Religionslehrer und Pfarrer, die Rabbiner Leo Trepp an der Mainzer Universität unterrichtet, ermuntert er zum Kampf gegen den Antisemitismus. Und auch für die jungen Deutschen hat der alte Rabbi eine Botschaft: "Es gibt keine Schuld für das, was eure Großeltern getan haben. Aber es gibt eine Verantwortung. Deutschland muss das führende Land im Kampf gegen den Antisemitismus werden."

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