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Welt

Keine Reue: Kinderräuber vor Gericht

Während der Militärdiktatur in Argentinien wurden hunderte Kinder ihren Eltern weggenommen - systematisch und mit Wissen der Machthaber. Jetzt sind die Hauptverantwortlichen zu hohen Haftstrafen verurteilt worden.

Weit aufgerissene Augen. Vor die Lippen gepresste Fäuste. Ineinander verkrallte Hände. Die Anspannung auf dem Platz vor dem Bundesgericht Nummer 6 in Buenos Aires ist kaum auszuhalten. Hunderte von Menschen starren an diesem eiskalten Winterabend auf eine Großbildleinwand. Die Kamera im Gerichtssaal tastet über die Gesichter der Angeklagten: Alte Männer mit schmalen Mündern und altmodischen Brillen, in dunklen Anzügen, ein paar Akten vor sich auf dem Tisch.

Demonstrantin und Plakate mit Kindergesichtern (Foto: dpa)

"Gebt die Kinder zurück!": Angehörige und Menschenrechtler demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude

Dann beginnt die Vorsitzende Richterin María del Carmen Roqueta mit der Urteilsverlesung. Nach ein paar juristischen Formalitäten fällt der Satz, auf den die Zuschauer gewartet haben: Der argentinische Ex-Diktator Jorge Rafael Videla, 86, wird wegen systematischen Kindesraubes zu einer Haftstrafe von 50 Jahren verurteilt. Mit einem Schlag löst sich die Spannung auf dem Platz: Viele Menschen springen auf, halten Fotos von verschwundenen Kindern in die Höhe, weinen, umarmen sich. Andere sinken für Minuten in ihren Stühlen zusammen, überwältigt von der Erinnerung.

Systematisch und mit Wissen des Regimes

Das Urteil bestätigt, was Menschenrechtsorganisationen seit 16 Jahren zu beweisen versuchten: Während der argentinischen Militärdiktatur unter General Videla (1976-1983) wurden systematisch und organisiert Babys regimekritischer Eltern geraubt. Die Kinder kamen zur Welt, während ihre Mütter in den Folterzentren der Militärs festgehalten wurden. Überlebende Frauen berichten, dass sie während der Geburt gefesselt und ihnen die Augen verbunden worden sind - sie sollten ihr Baby nicht sehen können. Die Kinder wurden meistens an Militärs übergeben, in deren Familien sie aufwuchsen. Dort sollten sie regimekonform erzogen werden.

Langer Weg zur wahren Identität

Offizierskasino des Folterzentrums ESMA (Foto: Steffen Leidel)

Das Offizierskasino des Folterzentrums ESMA

Viele haben erst vor wenigen Jahren ihre wahre Identität entdeckt - so wie Victoria Donda: Die 35-Jährige wuchs unter dem Namen Analía auf und entdeckte 2003 durch einen Zufall, dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern lebte. Victoria war im Folterzentrum ESMA, einer ehemaligen Militärschule in Buenos Aires, zur Welt gekommen, ihre Mutter wurde dort später ermordet. Auch der Mann, der sich jahrelang als Victorias Vater ausgab, ist in dem Prozess zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden. Nach dem Schuldspruch gegen die Angeklagten sagte Victoria: "Das ist eine Wiedergutmachung nicht nur für die Opfer, sondern für die gesamte argentinische Gesellschaft."

Die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation "Großmütter der Plaza de Mayo" sieht das Urteil dagegen mit gemischten Gefühlen: "Das ist ein denkwürdiger Tag für Argentinien und die gesamte zivilisierte Welt", sagt Estela de Carlotto. "Auf der einen Seite feiere ich das Urteil, die 50 Jahre für Videla. Allerdings sind die Strafen für die anderen Angeklagten viel niedriger als wir erwartet haben - und das, obwohl die Anwälte für alles eine Erklärung hatten."

Bedeutender Sieg vor Gericht

Trotzdem ist das Urteil ein bedeutender Sieg für die Opfer und ihre Angehörigen: Zwar wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Angeklagte wegen Kindesraubes verurteilt - dabei ging es aber um Einzelfälle, in denen die Täter eigenmächtig gehandelt hatten. Jetzt ist es nach Ansicht des Bundesgerichtes aber auch erwiesen, dass hinter den verschwundenen Kindern ein grausamer Plan gestanden hat, der von den Spitzen des damaligen Regimes abgesegnet worden sein musste. Anders sei es nicht zu erklären, dass in den Folterzentren systematisch Geburtskliniken eingerichtet wurden, dass dort Ärzte und Krankenschwestern beschäftigt waren. Dafür sprechen auch die Aussagen von geraubten Kindern, die ihre wahre Identität inzwischen wiederentdeckt und ihre Geschichte im Prozess erzählt haben.

105 Menschen, geboren zwischen 1976 und 1983, wissen heute, wer sie wirklich sind. Doch während der Diktatur wurden 500 Kinder von inhaftierten Müttern geraubt - bis heute suchen die "Großmütter der Plaza de Mayo" und andere Organisationen nach Hinweisen, Daten und Spuren. Das Gericht forderte die argentinische Regierung auf, Geld zur Verfügung zu stellen, um vorhandene Dokumente zu digitalisieren und die Suche so vernetzen und intensivieren zu können.

Keine Reue

Von den damals Verantwortlichen ist keine Hilfe zu erwarten: Noch in seinem Schlusswort hatte Ex-Diktator Videla die Mütter der geraubten Kinder als "Terroristinnen" bezeichnet, die ihre Ungeborenen als "menschliche Schutzschilde" benutzt hätten. Das Urteil nahm der greise General ohne sichtbare Reaktion zur Kenntnis und ließ sich abführen - in die Zelle, in der er bereits wegen anderer Menschenrechtsverletzungen eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Von Reue keine Spur.