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Deutschland

Keine Macht den Hooligans

Anfang März dieses Jahres griffen Kölner Hooligans den Reisebus eines gegnerischen Vereins auf einer Autobahnraststätte an. Verletzte gab es nicht, doch scheint eine neue Stufe der Gewalt erreicht.

Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm: Ein Reisebus gefüllt mit rund 50 Fans des Fußball-Bundesligaclubs Borussia Mönchengladbach ist Anfang März auf der Autobahn 3 auf der Rückreise vom Auswärtsspiel beim 1. FC Nürnberg. Die Stimmung an Bord ist etwas getrübt, denn die Borussia hat eine 0:1-Niederlage kassiert. Plötzlich tauchen mehrere Autos des Kölner Fanclubs "Wilde Horde 1996" neben dem Bus auf. Die Kölner kommen ihrerseits ebenfalls von einem Auswärtsspiel in Sinsheim. Beide Fangruppen eint eine tiefe gegenseitige Abneigung. Die Lage eskaliert. Die Kölner Ultras bremsen den Bus aus und zwingen ihn zum Stopp auf einer Autobahnraststätte. Die vermummten Hooligans springen aus den Fahrzeugen und gehen mit Steinen, Ketten und Stahlrohren bewaffnet auf den Bus los. Scheiben zerbersten, Glas fliegt auf die Sitze. Die Leute im Bus gehen auf dem Boden in Deckung. Als auch die Scheibe an der Fahrerseite zersplittert, fährt der Busfahrer los und bringt seine Fahrgäste damit in Sicherheit. Es gleicht fast einem Wunder, dass bei dieser Attacke niemand verletzt wurde.

Vermummte Fussballfans brennen benaglische Feuer ab (Foto: dpa)

Bengalische Feuer: Im Stadion illegal und gefährlich

Bei der anschließenden Fahndung nimmt die Polizei neun Wilde-Horde-Mitglieder vorübergehend fest. Die Festgenommenen werden dem Umfeld der Kölner Hooligan-Szene zugerechnet. Die Polizei ermittelt gegen sie unter anderem wegen Nötigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch. Für eine dauerhafte Festnahme der Hooligans sind die Delikte allerdings zu gering. Dazu hätte die Polizei den Tätern nachweisen müssen, dass hinter der Attacke auf den Bus die Absicht stand, Menschen zu verletzen.

Drogen, Waffen, Pyrotechnik

Am Donnerstag (15.03.2012) hat die Polizei zum nächsten Schlag ausgeholt. Fahnder durchsuchten sowohl das Klubheim als auch mehrere Wohnungen von mutmaßlichen Mitgliedern des Kölner Fanclubs "Wilde Horde 1996". Im Rahmen der Ermittlungen stellen die Polizisten Drogen, verbotene Feuerwerks-Utensilien, sowie einen Schießkugelschreiber zum Abschuss von Pyrotechnik sicher. Außerdem beschlagnahmen sie diverse Schlagwerkzeuge, Sturmhauben und Farbdosen.

Fans von Eintracht Frankfurt stürmen das Spielfeld (Foto: ap)

Fans von Eintracht Frankfurt lassen ihren Frust raus und stürmen das Spielfeld

Der Kölner Fall ist nur ein Beispiel für immer wiederkehrende Gewaltexzesse im Fußball: Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und gewaltbereiten Fans. Andere Sportarten kennen dieses Problem hingegen kaum.

Durch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in den Fußballarenen haben sich die Aktionen der Krawallmacher inzwischen verstärkt in Bereiche außerhalb der Stadien verlagert. Manchmal verabreden sich gewaltbereite Fans gegnerischer Mannschaften regelrecht in einem Waldstück, auf dem Parkplatz eines Gewerbegebiets oder es kommt, wie jetzt, zu Attacken auf einer Autobahnraststätte.

Die Anonymität der Masse

"Beim Fußball haben die Leute noch die Möglichkeit sich auszuleben. Außerdem ist Fußball selbst ein hochemotionaler Sport", sagt Gunter Pilz, der renommierteste Hooligan-Forscher in Deutschland. Für viele sei ihr eigenes Leben zu emotionsarm geworden, so dass sie beim Fußballspiel den Ausgleich suchen würden.

Die Anwesenheit von relativ vielen jungen Männern bei einem Fußballspiel würde Gewaltexzesse ebenfalls begünstigen, sagt der Psychologe Thomas Bliesener von der Universität Kiel. Kinder und junge Frauen würden eher dämpfend wirken. "Außerdem müssen die Hooligans mobil sein, damit sie flüchten können", sagt Bliesener. Deshalb erlebe man auch kaum Ausschreitungen bei Hallenleichtathletik-Wettkämpfen.

Zustände wie sonst nur im Drogenrausch

Gunter A. Pilz, Sportsoziologe und Gewalt- und Konfliktforscher von der Leibniz Universität Hannover (Foto: dpa)

Gunter Pilz: "Nur auf härte Strafen zu pochen, bringt nichts"

"Gewalt vermittelt diesen Leuten die höchsten Lustgefühle. Da werden körpereigene Drogen, wie Endorphine freigesetzt, die lustvoll erlebt werden", schildert Pilz die Vorgänge, die Hooligans bei Schlägereien durchleben. Ein Hooligan habe ihm sogar einmal gesagt, wenn man durch die Straßen laufe und die Anderen jagen würde, das wäre ein "geiles Gefühl". Das schaffe man mit keiner Frau und keiner Droge, zitiert Pilz einen Randalierer.

Der 1. FC Köln hat die Tatverdächtigen mit langjährigen deutschlandweiten Stadionverboten bestraft. Eine Maßnahme, die umstritten ist. Das bringe generell wenig, sagt auch Fanforscher Pilz. "Das ist für einige gar ein Gütesiegel, mit dem man seinen Status innerhalb der Gruppe aufwerten kann." Viele Vereine bauen daher schon seit Jahren auf eine aktive Fan- und Präventionsarbeit. Das trage auch Früchte, wie der Kieler Rechtspsychologe Bliesener berichtet. "Aber es muss eine langfristig angelegte Strategie sein, dadurch gräbt man diesen Hooligan-Gruppierungen nämlich primär nur den Nachwuchs ab."

Volle Härte des Gesetzes

Die wirksamste Maßnahme ist seiner Meinung nach die enge Begleitung der Hooligans durch szenekundige Polizisten. "Nicht als verdeckte Ermittler, sondern ganz offen. Die Beamten sind in der Szene auch bekannt", sagt Bliesener. "Die Hooligans wissen dann, wenn diese Leute dabei sind, dann können wir auch nichts machen, weil die uns dann sofort schnappen würden."

In Berlin stürmen Hooligans 2010 das Spielfeld (Foto: ap)

Auch in Berlin stürmten Hooligans 2010 das Spielfeld und zertrümmerten u.a. die Ersatzbank

Bei den Kölner Hooligans von der "Wilden Horde" sei mit Präventionsarbeit oder Stadionverboten aber nichts mehr auszurichten, sagt Experte Pilz, der auch schon den DFB in der Thematik beraten hat. "Das sind keine Hooligans mehr, sondern Kriminelle, die nehmen billigend in Kauf, dass jemand ums Leben kommt und da muss man mit der vollen Härte des Gesetzes antworten." Die Täter würden sich mit Drogen noch den einen oder anderen Kick holen, um dann aktiv zu werden. "Die haben dann auch keinen Anspruch mehr darauf, dass man sie mit Glacéhandschuhen anfasst", sagt Pilz.

Keine Horrorszenarien bei der EM 2012

Trotz erschreckender Bilder von sich prügelnden Hooligangruppen in polnischen Wäldern - für die anstehende Fußball-Europameisterschaft 2012 ist Pilz optimistisch. "In Polen ist das Hooliganproblem eher ein Clubproblem, keines der Nationalmannschaft."

Als Beispiel führt Pilz das Freundschaftsspiel von Deutschland gegen Polen vom September 2011 in Danzig an. "Da ist überhaupt nichts passiert, obwohl man vorher fast den Dritten Weltkrieg herbeigeredet hat."

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