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Amerika

Keine Macht dem Staate

Nicht-Amerikaner können sich nur die Augen reiben, wenn sie die hitzigen Debatten um Waffenkontrolle in den USA verfolgen. DW-Korrespondentin Ines Pohl war unterwegs, um zu verstehen, was die Menschen wirklich bewegt.

Schild 'Schusswaffen willkommen' (Foto: DW/I.Pohl)

"Schusswaffen willkommen"

"Gerade ihr Deutschen solltet das doch verstehen. Wir wollen nicht, dass die Regierung uns entwaffnet und kontrolliert und weiß, wer eine Waffe besitzt. Die wollen uns so schwach machen, dass wir uns nicht mehr wehren können."

Dan Dearing steht vor dem Weißen Haus. Es ist kalt. Und dunkel. Und trotzdem wollte er sich nochmal die Beine vertreten nach einem langen Tag voller Konferenzen. Er kommt aus Arizona, kümmert sich um "Einwanderungsangelegenheiten" und ist hier in der Hauptstadt, um sich zu informieren. Mehr will er nicht sagen. Dan ist einer der unzähligen Lobbyisten, denen man überall in Washington über den Weg läuft.

Barack Obama bei Statement zu Waffenkontrolle (Foto: Getty Images)

Tränen-Auftritt im Weißen Haus: Barack Obama

Es ist der Tag, an dem die Welt einen weinenden amerikanischen Präsidenten sah. Der Tag, an dem einer der mächtigsten Männer der Welt unter Tränen zugeben musste, dass es ihm nicht mehr gelingen wird, die Waffengesetze so zu verschärfen, wie er es versprochen hatte bei seinem Amtsantritt. Um es wirklich deutlich schwieriger zu machen, eine Schusswaffe zu kaufen. Es ist der Tag, an dem Barack Obama einen Erlass bekannt gab, mit dem er wenigstens noch erreichen will, dass die Menschen die Waffen kaufen, vorher überprüft werden. Und psychisch Kranke nicht mehr so leicht an eine tödliche Waffe kommen.

Zynische Routine

Täglich sterben in den Vereinigten Staaten durchschnittlich fast 90 Menschen durch Schusswaffen. Mittlerweile fast so viele wie bei Verkehrsunfällen. Eine nahezu zynische Routine hat sich eingestellt, wie Politik und Medien reagieren, wenn wieder einmal bei einem Amoklauf zehn, zwanzig oder dreißig Menschen ums Leben kommen. Nicht selten sind es Kinder und Jugendliche, die bei einer solchen Attacke ihre jungen Leben verlieren. Die Eltern und Großeltern hinterlassen, die nie über diesen Schock hinwegkommen werden.

Ein Amoklauf in einer Schule garantiert höchste Aufmerksamkeit. Und jeder Amoklauf heizt aufs Neue eine Debatte an, die so alt ist wie Gründung der Staaten von Amerika. Hat wirklich jeder das Recht, eine Waffe zu besitzen? Und wäre Amerika wirklich sicherer, wenn es weniger Waffen gäbe? Oder brauchen Amerikaner nicht eigentlich mehr Waffen, um sich besser schützen zu können?

In den USA gibt es über 200 Millionen Pistolen und Gewehre in Privatbesitz - bei 320 Millionen Einwohnern. Es ist das Land mit der höchsten Waffendichte.

Nach jedem Amoklauf in einer Schule wird diskutiert, ob Lehrer nicht bewaffnet werden müssen, um sich und ihre Schüler zur Not selbst verteidigen zu können. Viele Eltern kämpfen nicht für eine Begrenzung der Waffen. Sie haben an Weihnachten ihren Kindern schusssichere Decken geschenkt. Die sie immer griffbereit haben sollen, um sich im Zweifelsfall darunter zu verkriechen.

"Mann, Pferd, Waffe"

"Ich glaube, Europäer und Deutsche werden unsere amerikanische Kultur nie verstehen können", sagt Sam Fulwood III. Als Mitglied des liberalen Thinktanks "Center for American Progress" ist er unverdächtig, für die Waffenlobby zu arbeiten. Im Gegenteil. Er kämpft für eine klare Begrenzung, für eine bessere Kontrolle. "Mehr Waffen, mehr tödliche Gewalt." Das ist für ihn keine Frage.

Sam Fulwood (Foto: Center for American Progress)

Gegen die Waffenlobby: Sam Fulwood

Hoffnung hat er gleichwohl wenig, dass sich die Gesetzgebung wirklich grundlegend ändern wird. Nicht nur weil die Waffenindustrie so stark ist, sondern weil es an das amerikanische Grundverständnis geht. "Amerika basiere auf drei Säulen: Mann, Pferd, Waffe. Das ist es, was man brauchte, um von Virginia in den Westen zu reiten und neues Land zu erobern. Wer das Selbstverständnis Amerikas begreifen will, muss sich den Western ‚High Noon‘ anschauen. Da ist alles drin."

Mit Rationalität habe das nichts zu tun, sagt Fulwood, der viele Jahre als Reporter in den Staaten unterwegs war. Und das sei das Problem. Gerade weil es durch den Gründungsmythos des Landes so emotional aufgeladen sei, gebe es kaum die Möglichkeit, wirklich rationale Argumente auszutauschen. "Die Waffenfrage wird so diskutiert, als ginge es noch immer um Leben und Tod." Eine brisante Mischung aus verklärter Vergangenheitsromantik und aktueller politischer Instrumentalisierung.

Gerade jetzt, wo der Wahlkampf langsam heiß läuft, wird sie immer lauter, die Anti-Staats-Kampagne. Donald Trump und auch Ted Cruz sind Meister darin, alles, was aus Washington kommt, zu verdammen. Mit einer simplen Gleichung: Weil der Staat grundsätzlich übergriffig ist und böse, muss die Freiheit des Individuums um jeden Preis geschützt werden. Auch mit dieser Rhetorik beziehen sich die Wahlkämpfer auf den Gründungsmythos des Landes. Immerhin sind die Pilgrims ja aus einem Land geflohen, das ihnen sogar ihre Religion verbieten wollte. Und schließlich hat man die Revolution, den Kampf um die Unabhängigkeit von den Engländern nur gewonnen, weil man bewaffnet war. Und sowieso ist das Recht, eine Waffe zu besitzen, gesetzlich garantiert.

"Wie in einer eine guten Familie"

Falls Church ist ein Vorort von Washington, kurz hinter der Staatsgrenze zu Virginia. Hier leben Menschen, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Nicht so reich, dass hohe Zäune und aufwendige Überwachungsanlagen die Anwesen beschützen. Aber wohlhabend genug, um nicht von Abstiegsängsten dominiert zu werden. Eine Gegend, in der es tolles vietnamesisches Essen gibt, gute Klamottenläden und ein paar Wellnesscenter, für die Entspannung und Schönheitspflege nach getaner Arbeit. Und es gibt "The Gun Dude", einen Laden im zweiten Stock eines schmucken weißen Holzhauses. Fahnen über dem Eingang und Sticker an der Tür in Regenbogenfarben signalisieren: Auch Schwule und Lesben sind willkommen. Eine eigene Kaffeemarke wird ausgeschenkt. Auf dem Sofa lümmelt Hündin Charlet. Man fühlt sich wie in einer Mischung aus Starbucks und Apple. Waffen werden auch verkauft.

Josh Karrasch (Foto: DW/I.Pohl)

"The Gun Dude": Josh Karrasch

"Wir wollen eine Gemeinschaft sein, die sich umeinander kümmert. Die verantwortungsvoll umgeht miteinander. Wie in einer eine guten Familie, in der man frei ist, aber doch aufeinander aufpasst." Das sagt Josh Karrasch, der mit seinem Bruder diesen Laden seit einem Jahr betreibt. Die Bewertungen im Internet überschlagen sich vor Lob. "Endlich ein Laden, der sich um die Kunden kümmert." "Endlich ein Laden, in dem man sich wohl fühlt, auch ohne Rauschebart." "Endlich ein Laden, in dem ich sein kann, wie ich bin."

Josh hat sich die Rede Obamas zur "Gun Control" auszugsweise angehört. "Natürlich bin ich absolut dafür, dass Menschen, die Waffen kaufen, überprüft werden." Da er Bestellungen aus dem Internet aufnimmt, muss er das schon heute tun. Immer wieder verständigt er sogar selbst die Polizei. Durch eine besondere Lizenz hat er Zugang zu offiziellen Daten. Und wenn er bei der vorgeschriebenen Überprüfung feststellt, dass ein potenzieller Kunde polizeilich gesucht wird oder vorbestraft ist, informiert er die Behörden: "Dann verkaufen wir natürlich keine Waffen." Das ist für Josh und sein Team Ehrensache - und Geschäftsmodell.

Aber warum dann die Kritik am Vorhaben Obamas, den Verkauf von Waffen grundsätzlich zu beschränken?

Bei dieser Frage verliert der Mittdreißiger kurz seine super entspannte Attitüde, zupft an der hippen Wollmütze, knackt mit den starken, schönen Händen, streicht das T-Shirt über seiner deutlich definierten Bauchmuskulatur glatt, das über der coolen grauen Jeans hängt. Im Bund steckt ein Revolver.

"Wir Amerikaner haben ein Problem damit, Washington zu vertrauen", sagt er. Man wisse einfach nie, wie weit die da gehen. "Schließlich konnten wir unsere Unabhängigkeit nur deshalb erreichen, weil wir Waffen hatten, damals in der Revolution." Da ist sie wieder, die Geschichte.

Aber ob er wirklich glaube, dass Obama die Amerikaner entmündigen wolle?

"Nein, er wohl nicht. Aber man weiß nie, was kommt. Wir haben das ja in anderen Ländern auch schon geschehen. Deutschland, richtig? Sie wissen das doch."

Hündin Charlet (Foto: DW/I.Pohl)

Entspannt im Waffenladen: Hündin Charlet

Josh, der lange für den Staat gearbeitet hat, und von "echt harten Zeiten" spricht, ist zu klug, es dabei zu belassen. Es ist ihm ein echtes Anliegen, einen dritten Weg zu finden, eine Möglichkeit, mit den berechtigten Ängsten beider Parteien umzugehen.

"Nach jedem Amoklauf ist der Laden voll. Auch nach San Bernadino. Da kam eine 70-jährige Frau, die Kinder betreut - und wollte eine Waffe kaufen, um die Kids im Zweifelsfall verteidigen zu können. Das habe ich ihr natürlich ausgeredet." Dienst am Kunden heißt für ihn, das beste für den Kunden zu wollen. Gerade weil er Waffen liebt, will er, dass die Menschen damit richtig umgehen. Die Beratungen sind lange und ausführlich. Immer mehr Frauen kämen und kauften Waffen. "Nicht nur so für die Handtasche, sondern richtig, um damit zu schießen." 'The Gun Dude' bietet regelmäßige Trainings an.

Also keine Probleme?

"Vor ein paar Monaten hat sich einer unserer Kunden umgebracht, mit der Waffe, die er bei uns gekauft hat. Das war hart."

Deshalb will Obama die psychische Verfassung besser kontrollieren...

"Wie soll das gehen. Ich war nach meiner Scheidung auch ganz schön durch. Soll das für immer in meinen Papieren stehen und ich nie wieder eine Waffe tragen dürfen? Das wäre gegen unsere Verfassung."

Josh will eher Angebote machen, damit die Leute, denen es nicht gut geht, ihre Waffen für eine gewisse Zeit abgeben können. "Ich hab' das damals gemacht. Meine Brüder haben eine Zeit lang auf meine Waffen aufgepasst." Josh ist einer von fünf Jungs.

Er hofft, dass mehr Waffenhändler "so draufkommen wie wir". "Nicht jeder verantwortungsvolle Amerikaner sollte eine Waffe besitzen. Aber jeder Amerikaner, der eine Waffe besitzt, muss damit verantwortungsvoll umgehen." Und dafür zu sorgen, das sei die Aufgabe der Waffenhändler, der Waffenbesitzer, der Gemeinschaft eben. "Aber ganz klar nicht die von Washington. Das sollen die nicht. Und das werden sie auch nie schaffen."

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