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Olympia

Keine Lust auf Olympia

Rom lehnt eine Olympia-Bewerbung für die Sommerspiele 2024 ab, genau wie zuvor Hamburg oder Boston. Die emotionale Begeisterung für Olympia kann die nüchternen Zahlen nicht mehr übertrumpfen. Eine Ursachenforschung.

Wer das Nein von Bürgermeisterin Virginia Raggi verstehen will, muss nur nach Tor Vergata am Rande Roms gehen. Da wurde für die Schwimm-WM 2009 eine kühne Konstruktion von Stararchitekt Santiago Calatrava geplant: Ein weißes Segel sollte sich über dem Schwimmstadion blähen. Es bläht sich auch heute, allerdings wurde der Innenausbau zur WM nicht fertig. Etwa 200 Millionen Euro waren in den Sand gesetzt. Weitere 300 bis 400 Millionen Euro braucht es, das Objekt fertigzustellen, lauteten spätere Schätzungen. Jetzt ist das weiße Segel Calatravas ein Monument für Fehlplanungen, für die "Spiele aus Beton", die Raggi nicht haben will. Die Politikerin der Fünf-Sterne-Bewegung hatte sogar ihre Pressekonferenz zum Nein zu den fünf Ringen für Tor Vergata geplant. Sie nahm von dem Coup aber Abstand, möglicherweise aus Pietätsgründen.

Wer nachvollziehen will, warum nicht nur die Bürgermeisterin, sondern auch viele römische Bürger von Sportgroßveranstaltungen mit blumigen Versprechen bezüglich der Infrastruktur nichts mehr wissen wollen, kann auch zur Strandstadt Ostia pilgern. Dort wurden, die Finanzkrise hatte gerade zugeschlagen, 26 Millionen Euro für ein weiteres WM-Schwimmbad verbaut. Das immerhin wurde fertig. Die Bahnen jedoch waren anderthalb Meter länger als das Wettkampfmaß von 50m. WM-Entscheidungen fanden dort selbstverständlich nicht statt.

Olympische Kostenexplosionen

Fehler am Bau sind ein Kostenfaktor, bei olympischen Bauprojekten sogar ein ganz gewaltiger. Bei der Analyse der Kostenstrukturen der Olympischen Spiele seit 1960 in Rom kam ein Forscherteam der Oxford University zu einer durchschnittlichen Kostensteigerung von 156 %. Im Schnitt war Olympia für jeden Gastgeber zweieinhalb Mal so teuer wie geplant. In den Kosten waren nur direkte Ausgaben wie für den Bau des Olympischen Dorfes, der Sportstätten und des Medienzentrums berücksichtigt. Jene für Straßenbau und öffentlichen Nahverkehr waren wegen der unübersichtlichen Datenlage ausgeklammert. Laut Studie ist Olympia auch im Vergleich mit anderen Großprojekten eine ungewöhnlich riskante Angelegenheit. Beim Bau von Brücken etwa sind die Baukosten im Schnitt um 34% höher, bei Staudämmen um 90 % und bei der IT-Infrastruktur verschätzt man sich im Schnitt um beachtliche 107 %. Auf Werte darüber, eben 156%, kommt nur Olympia. Gut, die Zahlen sind etwas verzerrt durch die Spiele 1976 in Montreal. Da überstiegen die realen Kosten die Erstkalkulation um 720%. Aber auch Barcelona mit 266%, Lake Placid mit 324 % oder Lillehammer mit 277% leisteten sich gewaltige Fehlplanungen.

Fairerweise muss man sagen, dass die jüngst proklamierte Abkehr des IOC vom Gigantismus früherer Zeiten Wirkung zeigt. Die Wettbewerbe von Rio 2016 waren das erste Mal seit langer Zeit nicht teurer als die Spiele vier Jahre zuvor. Die 4,5 Milliarden US-Dollar in Brasilien wirken regelrecht schlank gegenüber den 14,9 Milliarden US-Dollar von London 2012. Glaubt man den offiziellen Zahlen, hat die brasiliansische Metropole auch in Sachen Kostenüberschreitung Maß gehalten. "Nur" 51 % Mehrausgaben stehen den 76 % Mehrausgaben von London gegenüber.

Jahrzehntelange Folgekosten

Solcherlei Rechenspiele hatten die Römer, die die Studie aber sehr wohl zur Entscheidungsgrundlage nahmen, gar nicht nötig. Sie finden noch im heutigen Haushaltsplan Schulden von den Olympischen Spielen 1960. Olympiasieger von damals wie der legendäre Marathonläufer Abebe Bikila, Boxlegende Muhammed Ali (damals noch Cassius Clay) oder die Sprintkönigin Wilma Rudolph sind längst tot, die Schulden der Spiele belasten aber noch immer den Haushalt der Gastgeber. Das macht nicht Lust auf mehr.

Italien Muhammad Ali bei den Olympischen Spielen in Rom 1960

Noch unter dem Namen Cassius Clay: Boxlegende Muhammad Ali holte 1960 in Rom Gold

Hinzu kommen römische Spezifika. "Die Stadt braucht die Olympischen Spiele nicht. Sie ist andererseits gar nicht bereit für Olympia", sagt Mauro Valeri der Deutschen Welle. Valeri ist Römer. Der Sportsoziologe hat unter anderem das Barometer für Rassismus im Sport ins Leben gerufen. Seiner Ansicht nach ist Rom bekannt genug in der Welt, um keine Werbung durch Olympia zu benötigen. Und nicht bereit für die Spiele sei die Stadt wegen der alltäglichen Probleme: Verkehrchaos, Müllprobleme, marode Infrastruktur. Die Hoffnung, dass ausgerechnet Olympia diese Probleme beseitigen kann, hat er nicht. Viele andere Römer auch nicht. Zu frisch noch ist das Baudebakel der Schwimm-WM 2009.

Fehlendes Gespür für soziale Probleme

"Wenn sie im Olympia-Dossier wenigstens soziale Aspekte mit berücksichtigt hätten, dann wäre ich vielleicht dafür gewesen", seufzt Valeri. "Es fehlt an Sportstätten, zu denen alle Zugang haben. Es gibt beispielsweise viel zu wenig Basketballplätze, die man kostenlos benutzen kann", erklärt er. Abhilfe dafür, eben kostenlos zugängliche Sportplätze, sah das Dossier nicht vor. Sogar den einzigen positiven Aspekt, den Valeri aus der Beobachtung von Rio mitnahm, würde er für Rom 2024 nicht gelten lassen. "Es war schön, dass Rio auch einen Rahmen für Geflüchtete bot. Aber hierzulande tut die Politik so gut wie nichts für Geflüchtete. Das schöne Image würde nicht zur Realität passen", meint er.

Und so gibt es für Römer kaum Gründe, für Olympia zu sein. Natürlich sind einzelne Sportler traurig über das Nein. Daniele Lupo, Silbermedaillengewinner im Olympischen Beachvolleyballturnier 2016, meint bedauernd: "Olympische Spiele in der eigenen Stadt sind großartig. Sie motivieren dich zu 400%." Ist das ein Grund für Millioneninvestments?

Attraktivitätsverlust durch Doping

Zum Finanzierungsproblem kommt die Glaubwürdigkeitslücke. "Viele meiner Freunde haben sich von Rio eigentlich nur das 100m-Finale in der Leichtathletik angeschaut. Das Interesse war geringer als in früheren Jahren. Das hat auch damit zu tun, dass viele davon ausgehen, dass ohnehin viele Sportler dopen", meint Valeri.

Auch Entscheidungsprozesse haben sich geändert. Konnten in früheren Zeiten Bürgermeister und Präsidenten Olympiaplanungen ganz einfach durchziehen, so will die Bevölkerung jetzt genauer wissen, was da eigentlich passiert - und wählt Olympia gegebenfalls ab, wie zuletzt in Hamburg geschehen. In Rom eroberte mit Raggi die Frontfrau einer Institutions-kritischen Bewegung das Bürgermeisteramt. Wichtiger Punkt im Wahlkampf: Das Nein zu Olympia.

Schmutzige Tricks der Macher

Dieses Nein muss allerdings nicht das letzte Wort sein. Industriellenverbände machen Front und beklagen Milliardenverluste, wenn die Spiele nicht kommen. Premierminister Matteo Renzi, ein Fan der Spiele, lässt derzeit prüfen, wie man sich um Olympia auch gegen den Willen der Stadtregierung bewerben kann. CONI-Präsident Malago, ein Sportfunktionär vom ganz alten Schlag, spekuliert munter darüber, ob er die Stadt verklagen soll, öffentliche Gelder verschwendet zu haben. Auch die Finanzen für das Organisationskomitee Roma 2024 sind Steuergelder. Kommen die Spiele wegen des Nein von Raggi nicht zustande, habe sie Fehlausgaben zu verantworten und müsse dafür mit ihrem Privatvermögen einstehen, lautet Malagos Kalkül. Das nennt man Drohkulisse.

Pech für ihn ist allerdings, dass im aktuellen Haushaltsplan seines CONI bereits 6 Millionen Euro für Kosten oberhalb des bisher geplanten Budgets für die Olympiabewerbung eingestellt sind. Das CONI fängt noch vor dem Vergabetermin des IOC mit der Kostenüberziehung an - man muss fürchten, dass das im Ringen um die Ringe gerade kein Alleinstellungsmerkmal ist.

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