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Kultur

Keine letzten Gewissheiten

Die amerikanische Komapatientin Terri Schiavo ist tot. Ihr Schicksal hatten eine weltweite Diskussion über das Für und Wider von Sterbehilfe ausgelöst. Ein Kommentar von Uta Thofern.

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Chefredakteurin DW-RADIO Uta Thofern

Uta Thofern, Chefredakteurin DW-RADIO

Nun hat sie es geschafft. Terri Schiavo ist tot, hat sterben dürfen oder sterben müssen, je nach persönlicher Lesart. Sterben vor den Augen einer Weltöffentlichkeit, die ihren tagelangen Todeskampf schaudernd verfolgte. Und mit jedem Tag wuchsen die Zweifel - wohl auch bei jenen, die Terri Schiavo ein Ende ihres künstlich aufrechterhaltenen Daseins gewünscht hatten. Ein sanftes Ende, einen schnellen Tod. Doch Terri Schiavo ist verhungert und verdurstet, qualvoll, langsam und öffentlich. Ein Sterben in Würde war das nicht, und - schlimmer noch - dieser lange Kampf konnte auch als zähes Festhalten am Leben gedeutet werden, als letztes Aufbäumen eines längst aufgegebenen Willens.

Niemand wird je erfahren, was Terri Schiavo selbst gewollt hätte, nach 15 Jahren im Wachkoma, doch ihr Mann wird für immer mit seiner Entscheidung - mit ihrem Sterben! - leben müssen. Genauso, wie all die Richter, die sich geweigert haben, politischem Druck nachzugeben und damit zugleich die verzweifelten Appelle der Eltern zunichte machten, ihre letzte Hoffnung, die Tochter doch noch am Leben zu halten.

Ein Sieg der Justiz, ein Beweis für die Unabhängigkeit amerikanischer Gerichte? Ja. Aber war es auch ein Sieg für die Menschlichkeit? Nichts kann schwerer sein, als über Leben und Tod zu entscheiden. Doch wie schwer wird es erst, wenn die Konsequenz der Entscheidung über Tage hinweg zu verfolgen ist, ein nicht enden wollender Schrecken?

Die Zweifel werden auch durch die Obduktion von Terri Schiavos Leiche nicht auszuräumen sein, und das ist gut so. Denn hier ist ein Mensch zwar nicht getötet worden, aber gestorben durch unterlassene Hilfeleistung, ein Mensch, dessen Willen niemand kannte. Selbst die entschlossensten Befürworter aktiver Sterbehilfe - die in diesem Fall möglicherweise humaner gewesen wäre - können hier nicht sicher sein. Denn nur der Zweifel macht den Unterschied zwischen kaltblütiger Auslöschung angeblich lebensunwerten Daseins und dem Bemühen, ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen.

Dort, wo es ohnehin schon schwer ist, ein menschenwürdiges Leben zu führen - also wo Krieg geführt wird, wo Hunger herrscht oder nach Naturkatastrophen die Zahl der Toten zu groß ist, um sie auch nur anständig beerdigen zu können -, dort muss diese Diskussion um das Sterben merkwürdig anmuten. Doch wo sich konkret die Frage stellt, "Leben lassen oder sterben lassen?" kann von Luxusdebatte nicht mehr die Rede sein. Nicht nur in den alternden Industriegesellschaften, sondern überall, wo mit fortschreitender Entwicklung auch die medizinische Versorgung immer besser wird, werden Menschen immer häufiger vor diese letzte Entscheidung gestellt werden.

Deshalb ist die Debatte notwendig und richtig, und deshalb sollte sie mit Terri Schiavos Tod nicht beendet sein. Nicht nur in Deutschland, in den meisten europäischen Ländern gibt es bisher keine rechtliche Grundlage für aktive Sterbehilfe, und auch die Einstellung lebensverlängernder Maßnahmen ist nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen erlaubt. Noch zählt der Patientenwille wenig, zu wenig. Das sollte geändert werden. Doch eines ist klar: Auch Patientenverfügungen nehmen Ärzten und Angehörigen am Ende die Entscheidung über Leben und Tod nicht ab, sie erleichtern sie nur. Letzte Gewissheit kann und darf es in dieser Frage nicht geben.