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Aktuell Deutschland

Keine heiße Spur nach Handgranatenfund

Die Attacke mit einer Kriegswaffe gegen eine Flüchtlingsunterkunft im Schwarzwald markiert womöglich eine neue Dimension der Gewalt. Die Fahnder ermitteln in alle Richtungen. Ihre wichtigste Frage ist immer noch offen.

Villingen-Schwenningen Flüchtlingsunterkunft Handgranate Anschlag

Der Leitende Kriminaldirektor Andreas Stenger zeigt ein Modell der Handgranate M52

Nach dem

Handgranaten-Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft

in Villingen-Schwenningen im baden-württembergischen Schwarzwald sucht die Polizei mit einer Sonderkommission nach den Tätern. Es ist immer noch unklar, ob die jugoslawische Granate vom Typ M52, eine Kriegswaffe, wirklich scharf war und wen sie treffen sollte. Unbekannte hatten sie in der Nacht zu Freitag über den Zaun auf das Gelände der Unterkunft geworfen. Sie explodierte nicht und verletzte auch niemand.

Untersuchungen in alle Richtungen

Die 70-köpfige Sonderkommission "Container" schließt weder einen ausländerfeindlichen Anschlag aus, noch eine Attacke auf die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. "Es könnte sowohl gegen Flüchtlinge als auch gegen den Wachdienst gewesen sein", sagte ein Polizeisprecher. Das Motiv sei nach wie vor unklar. Einen konkreten Verdacht oder eine Spur zu den Tätern haben die Ermittler bislang nicht. Befragungen in der Nachbarschaft hätten aber den einen oder anderen Hinweis dazu erbracht, hieß es.

Die Granate war direkt neben einem Container gelandet, in dem sich Mitarbeiter des Wachdienstes aufhielten. Experten sprengten sie später. Der Splint der Handgranate sei bislang nicht gefunden worden, teilten die Ermittler weiter mit.

Villingen-Schwenningen Flüchtlingsunterkunft Handgranate Anschlag

Die Handgranate war auf das Gelände des Flüchtlingsheimes geworfen worden

Fest steht laut Polizei und Staatsanwaltschaft, dass die Granate mit Sprengstoff gefüllt war. Die Reste der Handgranate werden jetzt einer umfangreichen chemisch-toxikologischen Untersuchung beim Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg unterzogen. Dort wird auch geprüft, ob ein Zünder verbaut war. Diese Frage sei eine entscheidende Weichenstellung, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Konstanz, Johannes-Georg Roth.

Der Angriff ist laut Bundeskriminalamt bundesweit der erste derartige Fall, bei dem Sprengstoff zum Einsatz kam. Mehrere Politiker sprachen von einer neuen Dimension der Gewalt. Für diesen Samstag ist in Villingen-Schwenningen eine Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit geplant.

Einen Tag nach dem Anschlagsversuch hat es in der Stadt spontane Versammlungen rechter Demonstranten und Gegendemonstranten gegeben. An einem Aufzug des rechten Spektrums nahmen nach Angaben der Polizei am Samstag rund 80 Demonstranten in der baden-württembergischen Stadt teil.

Zudem führte demnach ein Demonstrationszug mit rund 150 Beteiligten vor die Flüchtlingsunterkunft, die zum Ziel des Anschlagsversuchs geworden war. Daran beteiligten sich neben Bürgern und Mitgliedern einer antifaschistischen Initiative aus Villingen-Schwenningen auch Flüchtlinge. Die Kundgebungen seien nach Polizeiangaben friedlich verlaufen. Am Bahnhof sei es jedoch zwischen etwa zehn Menschen zu Handgreiflichkeiten gekommen. Über die Beteiligten liegen der Polizei keine Erkenntnisse vor.

Vizekanzler Sigmar Gabriel forderte in einem Zeitungsinterview als staatliche Reaktion mehr Polizei in Bund und Ländern. Deutschland stehe wegen der Zunahme rechter Gewalt aber "sicher nicht auf der Kippe". "Wir sind ein ganz stabiles demokratisches Land", sagte der SPD-Chef. Es gebe allerdings eine gefährliche Zunahme von Gewalttätern. "Es gibt eben die Brandstifter - und dazu viele Biedermänner, die diese Brandstifter einladen", kritisierte er.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte als Reaktion auf den versuchten Anschlag alle Demokraten dazu auf, sich für eine Entschärfung der Flüchtlingsdebatte einzusetzen. "Wir müssen darauf hinarbeiten, dass die enorme gesellschaftliche Polarisierung, die derzeit zu beobachten ist, entschärft wird", sagte er dem "Tagesspiegel" in dessen Sonntagausgabe. Die Schärfe der Auseinandersetzung sei eine Bedrohung für das Gemeinwesen.

as/jj/cgn/sti (dpa, epd, afp, Polizei Tuttlingen)