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Kultur

Keine gewöhnliche Jugendzeitschrift

Das Recht auf Spiel und Bildung: Über diese und andere Themen schreiben Jugendliche mit ausländischen Wurzeln in ihrer Zeitschrift "Körnerstrasse77". Sie berichten aus einer neuen Perspektive - und lernen manches.

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Die Redaktion "Körnerstrasse77" stellt sich vor

Am Nachmittag sind sie alle zusammengekommen, um Fußball zu spielen. Nachdem die Jugendlichen sich ausgetobt haben, schlendern sie gemeinsam zu den Räumen des Vereins "Kölner Appell gegen Rassismus". Dort stapeln sich 5000 Exemplare ihrer Zeitschrift "Körnerstrasse77", mit Schlagzeilen wie "Was ist Ehre?", "Der Granatapfelsaft", aber auch "Kinderrechte". Zu jedem Artikel können die Jugendlichen allerhand erzählen. Sie haben sie selbst geschrieben. Der Verein "Kölner Appell gegen Rassismus" setzt sich seit 30 Jahren für die Gleichberechtigung von Migranten ein, bietet Asyl- und Sozialberatungen an und hilft Schülern bei ihren Hausaufgaben. Doch das ist nicht alles.

Mittagessen, Hausaufgaben, Zeitschrift machen

Der Kölner Verein kann eine Haus-Etage für sich nutzen: Fünf Räume mit Tischen und Bücherregalen, eine Küche, ein Verwaltungsbüro. Nach Schulschluss ist die Bude voll: Es gibt ein kostenloses Mittagessen, das die Mütter der Kinder abwechselnd in der Vereinsküche zubereiten, sie bekommen dafür 20 Euro pro Tag. Viele Kinder und Jugendliche kommen direkt nach der Schule hierher, treffen sich mit ihren Freunden, essen zu Mittag, machen ihre Hausaufgaben oder üben mit den Betreuern für ihre Klausuren. Wenn sie damit fertig sind, kommen sie auf neue Ideen, machen Ausflüge, hören sich Vorträge an oder arbeiten an ihrer Zeitschrift

Körnerstrasse77

. Die Artikel schreiben die Jugendlichen selber: Sie entscheiden, was für Themen ihnen wichtig sind, überlegen, welche Fragen sie wem stellen wollen. Sind die Hefte gedruckt, verkaufen sie sie auf Straßenfesten oder in der Nachbarschaft.

Nachbarn kennenlernen, Taschengeld verdienen

Im Stadtteil Köln-Ehrenfeld leben viele Menschen aus der ganzen Welt. Sie selbst oder ihre Familien sind nach Deutschland eingewandert. Die Nachbarn kennenzulernen, kann sich also lohnen, das finden auch die Jugendlichen: "Wir haben zum Beispiel die Leute in dem afrikanischen Supermarkt hier um die Ecke interviewt und gefragt, wo sie herkommen und was sie machen", sagt Salar (15), der schon seit sechs Jahren an der Zeitschrift mitwirkt. Sein Bruder Saman (17) erinnert sich an sein erstes Interview zurück: "Ich wollte vor drei Jahren Feuerwehrmann werden. Darum hat mich Klaus mitgenommen und wir haben jemanden von der Feuerwehr in der Nähe befragt."

Klaus Jünschke war jahrelang Vorstand des Vereins

"Kölner Appell gegen Rassismus"

, der ursprünglich seinen Sitz in der Körnerstraße 77 hatte. Er hat die Zeitschrift in den 1990er Jahren ins Leben gerufen. "Weil damals ein Kind aus unserer Hausaufgabenhilfe durch mehrere Diebstähle aufgefallen war. Da wurde uns erst bewusst, dass es in den meisten Familien nicht üblich war, den Kindern Taschengeld zu geben", sagt der 66-Jährige. Der Fall brachte Jünschke auf eine Idee: Die Kinder könnten ihre eigene Zeitschrift herausgeben, mit den Einnahmen würden sie ihr Taschengeld aufstocken - oder überhaupt welches verdienen. Zusätzlich ließen sich ihre Schulnoten verbessern, vor allem im Fach Deutsch.

Spontane Redaktionsarbeit

Je nachdem, wer gerade im Vereinshaus aufkreuzt, arbeitet an dem aktuellen Heft weiter. Ganz spontan, ohne Termine und Fristen, dennoch entsteht einmal im Jahr eine Zeitschrift, die sich sehen lassen kann. Die Kinder von der Körnerstraße berichten über das, was ihnen wichtig ist, und erzählen auch ihre eigene Geschichte: In der aktuellen, zwölften Ausgabe der "Körnerstrasse77" vom Herbst 2013 erzählen Jian, Ewan, Serouan und Herivan über ihre Kindheitserinnerungen an das Leben im Irak, die Flucht nach Deutschland, aber auch wie die irakischen Schulen sind.

"Die Eltern trauen sich eher die Jungs in die Schule zu schicken und nicht so stark die Mädchen. Wenn etwas Schlechtes über die Mädchen erzählt wird, dann ist ihr Ruf ruiniert. Bei Jungen ist das nicht so schlimm angesehen", berichtet Jian. "Die Schulen dort sind nicht so wie hier, die Lehrer beleidigen die Kinder und schlagen sie auch", schreibt Herivan über den Irak. Viele der Kinder, die an der Zeitschrift mitarbeiten, stammen aus Flüchtlingsfamilien und sind als kleine Kinder nach Deutschland gekommen. Die meisten von ihnen sind heute deutsche Staatsbürger.

Kinder, die sich für Kinderrechte einsetzen

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Im Stadtviertel kommt die Zeitschrift gut an

Bis heute ist das Hauptthema jeder Ausgabe, die einmal im Jahr erscheint: Kinderrechte. Die Kinder und Jugendlichen sprechen über die Rechte, die sie zu Hause haben, interviewen Experten, sammeln Informationen, diskutieren darüber. Welche Kinderrechte es gibt, haben sie auf der

UNICEF-Website für Kinder und Jugendliche

nachgelesen. Hier hat Bernardica Kabus auch die Anregung für eine anonyme Umfrage unter den Vereinskindern zum Thema Kinderrechte bekommen. Kabus studiert Soziale Arbeit und absolviert ein Praxissemester beim "Kölner Appell gegen Rassismus".

Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen

Kinder haben das Recht auf Gleichheit, Gesundheit, Bildung, freie Meinungsäußerung, gewaltfreie Erziehung und vieles mehr. Die UN-Kinderrechtskonvention legt in 54 Artikeln fest, welche Rechte weltweit eingehalten werden sollen. Inzwischen haben alle Länder der Welt - bis auf Somalia und die USA - das Vertragswerk unterschrieben. Damit sind sie verpflichtet, die Konvention umzusetzen. Die UN-Kommission untersucht regelmäßig die Situation der Kinder in den Ländern und berichtet über Mängel und Missstände einzelner Länder: In Kriegsgebieten sind es vor allem Hunger und Gewalt. Aber auch in friedlichen und wohlhabenden Industrieländern werden manche Kinderrechte vernachlässigt. So stellte die UN-Kommission im Jahr 2000 fest, dass ausländische Kinder in Deutschland nicht die gleichen Chancen haben wie deutsche Kinder. Und dass die Kinder selbst noch zu wenig über ihre Rechte informiert sind. 2014 lobte die UNO zwar einige Fortschritte, kritisierte aber, dass die Kinderrechte immer noch nicht im deutschen Grundgesetz aufgenommen worden sind.

Redaktionsarbeit: Mitreden und mitspielen

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Kabus: "Bildung ist viel mehr als nur Lernen"

An einem Nachmittag sind Saman, Salar, Serouan und Lotfi in der Redaktion und reden über das Kinderrecht auf Spiel und Freizeit. Schnell sind sie sich einig: Mit dem Thema Fußball kann man das am besten zeigen, denn da kann jeder mitreden und mitspielen. Auch die Mädchen, darauf legen die Jungs viel Wert. "Bei uns sind die Frauen gleichberechtigt", sagt Salar.

Das Recht auf Spiel und Freizeit

Auch nach dem gemeinsamen Fußballspiel machen sich die jungen Redakteure der "Körnerstrasse77" über das Kinderrecht auf Spiel und Freizeit Gedanken. Serouan (15) sagt: "Alle spielen Fußball, egal wo man herkommt. Hauptsache, jeder hat Spaß dabei." Die Jugendlichen wollen in ihrer nächsten Ausgabe darüber schreiben und nehmen auch an einem Kinder- und Jugendrechte-Wettbewerb der sozialen Hilfsorganisation Caritas teil. Wochenlang haben sie sich deshalb mit dem Recht auf Spiel und Freizeit auseinandergesetzt, verschiedene Leute interviewt und auch sich selbst gefragt: Wie viel Freizeit habe ich?

Jugendliche der Redaktion Körnerstrasse77 spielen Fußball (Foto: DW/Ananda Grade)

Was hat Fußball mit Kinderrechten zutun?

Mit ihrer Zeitschrift haben die Jugendlichen bereits einen Preis beim UNICEF-Wettbewerb zum Juniorbotschafter 2013 gewonnen. Sollten sie dieses Jahr ein Preisgeld gewinnen, wollen sie davon eine Ferienfreizeit auf die niederländische Insel Ameland finanzieren. Das sei ihnen viel wichtiger als Geld, sagt Betreuerin Bernardica Kabus. Denn so könnten die Kinder genießen, was sie sich fleißig erarbeitet haben: Ihr Recht auf Spiel und Freizeit. Das Recht auf Bildung und freie Meinungsäußerung nehmen sie sich bereits.

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